Leserbrief „Corona und Klima: Die Kurve abflachen“

Hits: 128
Karin Novak Karin Novak, Tips Redaktion, 23.11.2020 14:47 Uhr

WAIDHOFEN/YBBS. Vor wenigen Wochen haben die Initiatoren der Waidhofner Klimaproteste einen Offenen Brief an die Politiker in Bund, Land und Kommunen gerichtet. Aus ihren Reihen, nämlich von Raphael Kössl, erreicht uns nun erneut ein Leserbrief zum Thema. 

Um unser Gesundheitssystem vor einer Überlastung zu schützen, befindet sich unsere Gesellschaft zum zweiten Mal im sogenannten „Lockdown“. Eine globale Pandemie und die Angst davor, erkrankte oder verunfallte Personen in den Notaufnahmen nicht mehr behandeln zu können, machen es für den Großteil der Menschen schlüssig, die strengen Maßnahmen mitzutragen. In der Pandemie beschäftigt uns auch ein Verzögerungseffekt: Jene, die sich heute infizieren, bekommen erst zeitversetzt Symptome, eine Behandlung im Krankenhaus beziehungsweise auf einer Intensivstation ist oft erst zwei bis drei Wochen NACH der Infektion notwendig. Deshalb können wir erst in diesen Tagen feststellen, ob die Lockdown-Maßnahmen zum Ziel führen: die Kurve der Neuinfektionen zuerst abzuflachen und dann ins Negative zu drehen.

Vergleichbare Dynamik

Die Dynamik der Klimakrise ist eine ähnliche wie jene der Coronakrise. In ihren Auswirkungen (verfrühte Sterblichkeit, Einbußen von Lebensqualität für den Einzelnen, Verlust von Wirtschaftskraft und sicheren Arbeitsplätzen etc.) wird sie die globale Gesellschaft sogar noch schlimmer treffen. In vielen Bereichen trifft sie uns schon heute und führt vielerorts zu hohen Einkommensverlusten (z. B. Forstwirtschaft) oder sogar zum Tod (nur in Österreich 700 Hitzetote im letzten Jahr).

Verzögerungseffekt der Konsum-Handlungen

In der Klimakrise ist der Verzögerungseffekt eines der größten Probleme: Treibhausgasemissionen, mit denen wir heute das Gemeingut Atmosphäre verschmutzen, schaden uns nicht unmittelbar. Heute ausgestoßenes CO2 wird auch in 1000 Jahren (überlegen Sie, wie die Welt vor tausend Jahren ausgeschaut hat und Sie wissen, wie lange dieser Zeitraum ist!) noch in der Atmosphäre sein. Jeder Flug, jedes Sackerl Zement, jede Autofahrt, jedes Stück Fleisch … all diese Konsum-Handlungen von heute beeinflussen direkt die Lebenschancen von Menschen, Tieren und Pflanzen in 1000 Jahren. Aber nicht nur in 1000 Jahren, sondern auch in 500, 100, 30 und 10 Jahren. Die große Gefahr durch eine unkontrollierbare Erderwärmung können wir als globale Gesellschaft nicht durch einen dreiwöchigen Lockdown – ganz egal wie weich oder hart er dann ist – in den Griff bekommen. Dafür ist die Zeitverzögerung, die zwischen Emission von Treibhausgasen und dem neuerlichen Rückbinden von ebendiesen, viel zu groß.

Wichtigste Maßnahme: Kurve abflachen

Die unheimliche Dynamik von exponentiellem Wachstum haben viele Gesundheitsexperten in den letzten Monaten immer wieder in den Medien erklärt. Das Bild lässt sich 1:1 auf die Klimakrise umlegen. Seit 2005 – also in nur 15 Jahren – wurden über 30 % aller je von der Menschheit verursachten Treibhausgasemissionen ausgestoßen. Das ist dramatisch. Jedes weitere Jahr „business as usual“ ist ein Horror für die Ökosysteme unseres Planeten. Deshalb ist die erste und wichtigste Gegenmaßnahme: die Kurve abflachen. Nur wenn es uns gelingt, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2030 um mindestens 60 % zu reduzieren, haben wir überhaupt eine Chance. Führende Klimawissenschaftlerinnen sprechen mittlerweile sogar von minus 80 % und der Emissionsfreiheit ab 2035. Wie in der Coronapandemie müssen wir nach dem Abflachen auch diese Kurve ins Negative drehen, d. h. der Atmosphäre Schritt für Schritt wieder CO2 entziehen.

Essenziell: Wiederbegrünung mit Bäumen

Sie erinnern sich an das erleichterte Aufatmen, als die Zahl der Genesenen jene der Neuinfizierten erstmals wieder übertroffen hat? Auch der Planet wird aufatmen, wenn wir erstmals mehr CO2 aus der Atmosphäre entziehen als zusätzlich einbringen. Weil großtechnische Lösungen viel zu unsicher sind (ist es überhaupt möglich, CO2 im großen Stil aus der Atmosphäre zu saugen und wenn ja, wie speichert man diesen Kohlenstoff dann vor allem dauerhaft?), sind gesunde Böden und Wälder die notwendigen Helfer im Abwenden der Klimakatastrophe. Durch den Aufbau von Humus kann Kohlenstoff in stabilen Verbindungen für hunderte Jahre dauerhaft im Boden gespeichert werden und die Ernährungssicherheit global erhöht werden. Durch die Wiederbegrünung der Welt mit Bäumen wird nicht nur Kohlenstoff gespeichert (dieses Holz darf dann selbstverständlich nicht verbrannt werden), sondern auch die Vielfalt der Arten gesichert.

Vierspurigen Ausbau der B 121 verhindern

Auch aus diesen beiden Gründen ist die weitere Versiegelung von Boden – für den geforderten vierspurigen Ausbau der B121 gingen bspw. wieder zwei Hektar wertvoller CO2-Speicher verloren – nur mehr in Ausnahmefällen zu rechtfertigen. Sicher nicht aber für Infrastrukturgroßprojekte, die PolitikerInnen mit dem Tunnelblick der fossilen Vergangenheit heute noch für notwendig halten. Im Jahr 2035 – also dann, wenn Österreich nach großen gemeinsamen Anstrengungen, aber auch wunderbaren Erfolgserlebnissen hoffentlich klimaneutral ist – werden sie froh sein und ihren Kindern oder Enkelkindern erzählen, mit ihren umsichtigen Entscheidungen zum Gelingen dieser Klimaneutralität beigetragen zu haben, beispielsweise in dem sie statt dem vierspurigen Ausbau der B121 eine tiefgreifende ökologische Steuerreform gemeinsam mit anderen Gruppen von der Bundesregierung gefordert und durchgesetzt haben und so endlich die Werkzeuge für eine umfassende Ökologisierung ihrer Region in der Hand hatten. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren, unsere PolitikerInnen und wir müssen jetzt handeln!

Artikel weiterempfehlen:

Kommentare

  1. Anton Vogel
    Anton Vogel23.11.2020 22:43 Uhr

    Präzise Darstellung der Wahrheit - Besser als der oben stehende Leserbrief kann kaum eine wissenschaftliche Expertise die Notwendigkeit mehr darstellen, sofort und radikal gegen den Klimawandel zu handeln. Vielen Dank Herrn Kößl für diesen Weckruf, der sofort zur täglichen Pflichtlektüre für jeden Politiker, jede Politikerin in Europa und auf der Welt werden sollte.

Kommentar verfassen



Infoabend: Ein starkes Team sucht Verstärkung

WAIDHOFEN/YBBS. Aus Liebe zum Menschen - leisten Bundesweit 74.000 Menschen ihren Beitrag als Freiwillige im Roten Kreuz in den diversesten Tätigkeitsfeldern. Die Zeitspende in Form der freiwilligen ...

Einschreibungen für das Kindergartenjahr 2021/2022 in Waidhofen/Ybbs

WAIDHOFEN/YBBS. Aufgrund der aktuellen Situation und der derzeit geltenden Bestimmungen können Kinder, die bis 01. März 2022 drei Jahre alt werden, derzeit nur online für den Kindergarten ...

Leserbrief: Wenn „Hilfe vor Ort“ nicht mehr reicht

WAIDHOFEN/YBBS. Corona mit all seinen Aus- und Nebenwirkungen steht im Fokus der ganzen Welt. Was noch vor Ausbruch der Pandemie die alles bestimmenden Themen waren – von Klimawandel bis Syrienkrieg ...

Leserbrief zum „Spaziergang für Friede, Freiheit und gegen Diktatur“

WAIDHOFEN/YBBS. Am Samstag, 9. Jänner 2021, wurde von Nicht-Waidhofner-Gruppierungen zum „Spaziergang für Frieden, Freiheit und gegen Diktatur“ in der Waidhofner Innenstadt geladen. Etwa ...

Start der Forsteralm in die Wintersaison

WAIDHOFEN/FORSTERALM. Das Warten für die Skifans im Ybbs- und Ennstal hat ein Ende: Am Sonntag, 10. Jänner 2021, ist das Familienskigebiet Forsteralm in Gaflenz/Waidhofen an der Ybbs in ...

Am Hirschkogel mit Schneeschuh verunglückt

WAIDHOFEN/YBBS. Eine Gruppe von sechs Wintersportlern war am Sonntag, 10. Jänner 2021, vormittags mit Tourenskiern und Schneeschuhen am Hirschkogel im Gebiet der Forsteralm knapp unterhalb des ...

Die Waidhofner SPÖ fragt: Wieso verschwendet der Waidhofner Bürgermeister das Geld der Stadt?

WAIDHOFEN/YBBS. In der Stadtsenatssitzung am 15. Dezember wurde von der ÖVP-Mehrheit der Ankauf jener Grundstücke beschlossen, welche durch die Verkürzung der Citybahn von den NÖ-Bahnen ...

Rauchfangkehrer überbringen Bundeskanzler Kurz Glücksboten

WIEN/WAIDHOFEN. Es ist schon langjährige Tradition, dass eine Abordnung der österreichischen Rauchfangkehrer rund um Neujahr den Bundeskanzler besucht, um ihm Glück und Gesundheit ...