Leserbrief "Abschied von der Forsteralm"
WAIDHOFEN/YBBS. Der gebürtige Waidhofner Raphael Kössl arbeitet als Hausleiter im Jugendhaus Schacherhof in Seitenstetten. Er war Mit-Initiator der 2019 ins Leben gerufenen Waidhofner Klimaproteste, die monatlich ein Jahr lang abgehalten wurden. Nun nimmt er in einem Leserbrief „Abschied von der Forsteralm“.

„Ich bin 31 Jahre alt, es ist also gar nicht so lange aus, dass ich ein Kind war. Ich erinnere mich daran, dass ich das Skifahren auf der Leitn hinter unserem Haus in der Bachwirtsiedlung gelernt habe. Ab Mitte Oktober galt nach dem Aufwachen als winterbegeistertes Kind mein erster Blick immer jenem aus dem Fenster: war das ersehnte Weiß über Nacht zum ersten Mal gefallen?
Ich erinnere mich auch noch an ein Schuljahr, in dem wir im Dezember wohl drei Mal in der Woche mit unseren Volksschullehrer*innen auf der Forsteralm zum Ski fahren waren. Die Verhältnisse waren einfach zu gut, zu einladend, sodass wir einfach fahren „mussten“. Liftkarten waren damals für Kinder im Vergleich billig, immerhin gab es auf der Forsteralm erst ein paar wenige Schneekanonen. Das war knapp vor der Jahrtausendwende.
2017 ermöglichten über 1 000 Unterstützer in einem wahren regionalen Kraftakt den vermeintlichen Fortbestand des Skigebiets mit rund einer halben Million Euro. Beim Auftakt der Kampagne versicherte ein Gutachter, dass „ob des regionalen Mikroklimas“ auf der Forsteralm trotz Klimaerwärmung das Skifahren dank moderner Beschneiung noch viele Jahre möglich sein wird. Auch wenn so mancher im Saal irritiert war wegen der gar so mutigen Ansage, so wollten doch alle Unterstützer*innen der Forsteralm nur allzu gern daran glauben.
Nur fünf Jahre später ist die Forsteralm als Skigebiet tot. Dort kann weder ökologisch noch wirtschaftlich sinnvoll Ski gefahren werden. Trotz tiefer Temperaturen und massiver Beschneiung bis Ende Dezember ist nur wenige Tage nach dem Jahreswechsel das Skifahren auf der Forsteralm gänzlich am Ende.
Die Forsteralm ist ein Opfer der Klimakrise. Die globale Temperatur hat Anfang 2023 gegenüber dem Normalniveau schon um 1,2° C zugenommen, für uns im Alpenraum bedeutet das einen Temperaturzuwachs von zumindest 2,5° C. Das Aus der Forsteralm ist emotional für viele Wintersportbegeisterte nur eine weitere bittere Pille in den letzten Jahren – Skitouren auf den Schnabelberg (die älteren erinnern sich: vor gar nicht sooo langer Zeit war dort ein wirklich stadtnahes Skigebiet), Langlaufen in der Prolling oder Bobfahren auf der Wiese am Buchenberg geht nur 25 Jahre nach meinem privat erlebten „Winterwonderland“ maximal nur noch ein paar Tage im Jahr.
Mir blutet aber nicht nur das Herz, wenn ich an die vielen wohl für immer in der Vergangenheit liegenden Winter in meiner Heimat denke. Der Verstand fragt nämlich auch: Wohin führt das alles noch? Wie steht’s in 25 Jahren um die Trinkwasserversorgung? Wie erzeugen wir unsere Energie, wenn die Flüsse austrocknen? Wie werden wir unsere Lebensmittel produzieren, wenn auch in der Gegend die wertvollsten landwirtschaftlichsten Gründe für Straßenbauprojekte oder Wirtschaftsparks zubetoniert werden?
Es ist bedauerlich, dass auch die gegenwärtige Bundesregierung aufgrund der Blockadepolitik von ÖVP und Wirtschaftskammer nicht einmal die einfachsten Klimaschutzmaßnahmen umsetzt: Tempo 100 auf Autobahnen zum Bespiel. Dass die wahlkämpfende Landeshauptfrau Mikl-Leitner lieber verzweifelte Klimaaktivist*innen kriminalisiert als an konkreten, dem Ernst der Lage entsprechenden Maßnahmen zu arbeiten, ist billiger politischer Populismus und macht mich verzweifelt. Wie soll das enden? Die Klimawissenschaft sagt es schon viele Jahre laut: Wenn wir nicht sofort radikal umkehren, dann führt es in die Katastrophe. Es ist Zeit, dass wir Parteien, die das Klima nur als eines von vielen Themen sehen, das Vertrauen entziehen. Wir dürfen sie nicht mehr wählen, wenn wir unsere Heimat nicht verlieren wollen. Eine Heimat, so wie wir sie und Dutzende Generationen vor uns kennen und lieben.“


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