Studentenverbindung Lichtenfels Zwettl: „Die Trennung im Kopf fehlt oft“
ZWETTL. Sie sprechen sich untereinander mit Spitznamen an, tragen Kapperl (Deckel) und Band, bei offiziellen Anlässen holen die Vorstandsmitglieder ihre militaristisch anmutende Uniform samt (stumpfen) Säbel hervor. Optisch unterscheiden sich katholisch-österreichische Studentenverbindungen wie die Lichtenfels Zwettl kaum von den - in den vergangenen Wochen - oft präsenten schlagenden Burschenschaften, inhaltlich trennen sie jedoch Welten. Mit dieser Abgrenzung haben sie nach wie vor zu kämpfen. Tips hat sie in ihrer „Bude“ besucht.

Dartscheibe, Wuzzler, TV, eine Schank, ein Regal mit ein paar Büchern - die „Bude“ hier gleicht einem Vereinssitz wie jedem anderen auch. Und auf den sind die Mitglieder der katholisch-österreichischen Studentenverbindung Lichtenfels Zwettl besonders stolz, befindet er sich doch ein wenig versteckt „in“ der historischen Zwettler Stadtmauer.
Ein paar Liederbücher liegen in Vorbereitung auf das Gespräch auf dem Tisch. Ein ganz spezielles sorgte in den letzten Wochen für Furore, die Causa rund um Udo Landbauer bescherte den Burschenschaften im Land Negativschlagzeilen.
Unterschied zwischen den „Schlagenden“ und den „Katholischen“
Auch wenn deutschnationale und katholische Korporationen dieselbe historische Wurzel haben, gehen sie schon lange getrennte Wege: „Wenn man heute von den Burschenschaften redet, redet man meistens von schlagenden deutschnationalen Verbindungen, wir lehnen Mensuren ab“, meint eines der älteren Mitglieder der Lichtenfels, Ewald Kolm. Ab 1844 haben sich katholische und protestantische Studenten von den Schlagenden distanziert und eigene Verbindungen gegründet, denn es sei nicht mehr notwendig und mit dem Glauben unvereinbar, dass man Streitigkeiten oder Ehrenbeleidigungen mit Hilfe eines Fechtkampfes austrage.
Zwar wird die hochoffizielle Uniform, die sogenannte „Wichs“, von den Vorstandsmitgliedern noch getragen, der stumpfe Säbel habe aber nur mehr repräsentativen Charakter, „Studenten mussten früher große Distanzen zu den Unis zurücklegen, sie hatten das ganze Geld für das kommende Semester dabei und das wurde von Banditen oft ausgenutzt. Daher waren sie berechtigt, eine Waffe zu tragen“, fügt Obmann Markus Koppensteiner, der weiters noch in einem Musik- sowie einem Baseballverein tätig ist, erklärend hinzu.
Die zunehmend deutschnationale Ausrichtung Anfang des 20. Jahrhunderts sorgte für eine weitere Distanzierung der katholischen Verbindungen zu den Burschenschaften. Allerdings werden sie heute noch - nicht zuletzt aufgrund des ähnlichen äußeren Erscheinungsbildes - vielfach in einen Topf geworfen, „die Trennung im Kopf fehlt oft“, so Claus Schierhuber.
Die mit den grünen Kapperln
In Zwettl kennt man sie als „die mit den grünen Kapperln“. Der Zugang ist beschränkt und all jenen (männlichen) Mitgliedern vorbehalten, die die Oberstufe eines Gymnasiums oder eine Höhere Schule besuchen, eine Tatsache, die so manchen etwas sauer aufstößt. Doch das ist eines der Grundprinzipien des Mittelschülerkartellverbands (MKV), der die 163 katholischen Studentenverbindungen mit ihren rund 17.000 Mitgliedern unter einem Dach vereint. Nach einer Probezeit, der sogenannten Fuxenzeit, wird man im Zuge eines kleinen Rituals „geburscht“ und so zum Vollmitglied.
Florian Kugler trat mit 15 Jahren bei, ein Jahr später stellte er den Obmann. „Als Jüngster von sieben Geschwistern kam ich daheim nie recht zum Zug, im Verein konnte ich erstmals Sachen selbst in die Hand nehmen und Verantwortung übernehmen.“ Eine Tatsache, auf die großen Wert gelegt wird. Ob Projektmanagement, Reden halten oder Veranstaltungen organisieren - „die Jungen bekommen hier, ganz bewusst sehr schnell das Zepter in die Hand“, so Bernhard Thaler.
Die vier Prinzipien
Die 158 Mitglieder der Lichtenfels leben nach vier Prinzipien: Neben dem katholischen Glauben (“religio“), zählen das Bekenntnis zur Heimat Österreich in einem vereintem Europa (“patria“), die Lebensfreundschaft (“amicitia“) und die Liebe zur Wissenschaft und dem lebenslangen Lernen (scientia“) zu den Eckpfeilern der Gemeinschaft.
Auf die Nachfrage, ob auch jemand mit Migrationshintergrund willkommen wäre, meint Bernhard Thaler: „Sobald er österreichischer Staatsbürger ist und sich mit den Werten hier identifiziert, kommt er als Vereinsmitglied natürlich in Frage.“ „Und bei uns in der Bude ist eigentlich jeder willkommen“, so Claus Schierhuber. Immer wieder werden Freunde abseits der Mitgliedschaft auf eine Partie Dart oder zum Fußballschauen mitgenommen.
Da der MKV keine weiblichen Mitglieder aufnimmt, wird oft der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit laut. Florian Kugler versucht dahingehend zu entkräften: Identifizieren sich Frauen mit der Verbindung und ihren Prinzipien, können sie ihr als „CouleurDame“ angehören, sind dann aber kein vollwertiges Mitglied. In der Lichtenfels gibt es nur wenige CouleurDamen, in Horn und Hollabrunn organisieren sie sich beispielsweise in eigenständigen Zirkeln, darüber hinaus gibt es auch eigene Studentinnenverbindungen, sowie gemischte Verbindungen.
Politisch gesehen, gäbe es keinerlei Vorgaben, „es ist den einzelnen Mitgliedern vorbehalten, selbst politisch tätig zu werden“, erklärt Bernhard Thaler. Dabei spielt die Partei keine Rolle, auch wenn viele bekanntermaßen als ÖVP-nahe gelten, nicht zuletzt wegen „der christlich-sozialen Beheimatung“.
Zwischen Tradition und Moderne
Tradition und Moderne zu verbinden, das kommt zeitweise einem schwierigen Spagat gleich. Einige Male im Jahr wird gemeinsam die Kirche besucht, die Teilnahme am Religionsunterricht sowie die Mitarbeit in der Pfarrgemeinde sollen das Bekenntnis zum katholischen Glauben unterstreichen. „Auch wenn das Leben in einer Studentenverbindung auf historisch überliefertes Brauchtum zurückgeht, muss vieles heute in neuem Licht gesehen werden. Würde man allerdings alles über den Haufen werfen, ginge unsere Identität verloren“, erachtet Markus Böhm Traditionen als wichtig.


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