Die Symbiose von Alt und Jung verschafft Toleranz und Respekt
ZWETTL. Wenn im Seniorenzentrum St. Martin ein bestimmter Besuchstag kommt, dann freuen sich nicht nur die Heimbewohner. Gleich nebenan in 100 Meter Luftlinie liegt der Kindergarten „Apfelbäumchen“. Aus dieser Ortsnähe hat sich eine herzliche Symbiose entwickelt.

„Es ist so schön, wenn man den Kindern einfach nur zuschauen kann“, sagt eine Heimbewohnerin glückselig. Regelmäßig besuchen die Kinder im Alter von zweieinhalb und sechs Jahren die Senioren in der „vierten Lebensphase“ zwischen 70 und 100 Jahren. Das Hauptaugenmerk liegt hier vor allem in der Empathie, nämlich einfach die Bedürfnisse des anderen wahrzunehmen. Die Pädagoginnen vom „Apfelbäumchen“ bereiten im Gespräch die Kinder auf den Besuch vor, denn natürlich wollen diese wissen, warum zum Beispiel jemand nicht mehr gehen oder gut hören kann. Die Kinder lernen sich anzupassen, denn Rollstuhlfahrer, schwerhörende oder sehbehinderte Menschen haben Gegebenheiten, die sie nicht verändern können. Dass hier nicht nur die Kinder etwas lernen, wurde ganz schnell klar. „Wenn Senioren mit Begeisterung etwas machen, dann vergessen sie ihre Defizite und gehen unbewusst über ihre Grenzen raus“, sagt Karin Ritter, Leiterin des Tageszentrum St. Martin. Es ist einfach die Freude, die spürbar ist, denn alle Generationen dürfen so sein, wie sie sind.
Der Sprachgebrauch verändert sich
Mittlerweile hat sich auch schon der Sprachgebrauch der Kinder geändert. Jetzt ist es nicht mehr die „alte Oma“ oder der „alte Opa“, sondern die ältere Dame oder der ältere Herr. Die Pädagoginnen Alexandra Dangl und Katja Pilz vom Apfelbäumchen und Karin Ritter vom Tageszentrum sind flexibel, was die Besuchszeit betrifft. Man ruft sich einfach zusammen, wann es für jeden passend ist. Zwischen Frühstück und Mittagessen oder am Nachmittag findet man immer eine Stunde Zeit. Durch die optimale Nähe hält sich der Zeitaufwand sehr gering. Neben Malen, Basteln, Singen und Merkspielen werden auch Geschicklichkeitsspiele mit Schwungtuch und Ballspielen durchgeführt. Beim Zusehen merkt man, dass die Bedürfnisse des Bewegungsablaufes zwischen Alt und Jung sehr ähnlich sind. Berührungsängste gibt es nicht mehr. Da sitzen Kinder am Schoß der Heimbewohner und lesen der „älteren Dame“ phantasievoll aus dem Bilderbuch vor, weil diese ihre Lesebrille vergessen hat. Zur Zeit tüftelt man gerade eine Spieleolympiade mit den Kindern aus. Auch Gegenbesuche hat man eingerichtet. Wenn das Wetter schön und warm ist, dann rücken die Heimbewohner freudig aus und man trifft sich zum Spielen im Garten vom „Apfelbäumchen“. Es ist aber auch keine Seltenheit, dass die rüstigeren Senioren auch einfach so einmal im Kindergarten vorbeischauen.
Projekt Proseci
Da die Menschen immer älter werden und die eigentlichen Großeltern junggebliebene 50er oder 60er sind, ist das Umfeld von Hochaltrigen von hohem Stellenwert. Es entsteht eine spannende, vorurteilslose Wechselwirkung zwischen den Kindern und dem Erfahrungsschatz der Senioren. Das Projekt „Proseci“, wie es inzwischen inoffiziell untereinander genannt wird, leitet sich von den Wörtern Projekt, Senioren und Kinder ab. Ein tolles Konzept und eine gelungene Symbiose, das neben Verständnis und Respekt füreinander auch mit viel Liebe umgeben ist und die Kinder dann freudig zu Hause erzählen, dass sie heute wieder bei der „älteren Dame“ oder dem „älteren Herrn“ gewesen sind.<


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