Begegnungsworkshops: „Bitte baut eure Berührungsängste ab“

Katharina Vogl Katharina Vogl, Tips Redaktion, 25.10.2016 10:55 Uhr

ZWETTL. „Du darfst mich alles fragen“, lacht der junge Mann im Rollstuhl. „Ich habe keine Hemmung über meine Behinderung zu reden.“ Und genau das macht Alex Weber. Er hat sogenannte Begegnungsworkshops für Schüler entwickelt, damit „das Andere“ einmal „das Normale“ sein wird.

„Ich bin Spastiker von Geburt an, wenn ich nervös bin, verkrampfe ich mich, mit Training wird manches leichter, ich spüre meine Füße, kann sie sogar bewegen, nur stehen kann ich nicht. Wenn wir zwei auf einen Kaffee gehen, und du lässt mich los, dann würde ich umfallen“, beschreibt der bald 23-Jährige seine Symptomatik ganz offen und ohne Umschweife.

Gerade eben kommt er von der Physiotherapie, morgen habe er sicher einen Muskelkater vom Training. Geübt wird, damit sich der Behinderungsgrad vielleicht ein wenig verbessert. „Mein Ziel ist es, selbstständiger zu werden – um zum Beispiel den Gang auf das WC zu schaffen.“ Derzeit ist Alex auf einen Assistenten angewiesen, der ihm da und dort die nötige Hilfe anbietet.

Alltagsprobleme

Und genau das erzählt er unter anderem auch wenn er in den Schulen zu Gast ist und dort seine Workshops abhält. Er berichtet von sich und seinem Alltag, aber auch von den Problemen, die dieser mit sich bringt. Dass er Hilfe beim Duschen oder beim Gang zur Toilette benötigt, dass er jemanden braucht, der ihm das Essen schneidet oder ihn über Gehsteigkanten und das Kopfsteinpflaster schiebt. Große Barrieren bringen auch manche Geschäfte mit sich, so erreicht er ohne fremde Hilfe viele gar nicht. Auch der Zwettler Stadtkern – er wohnt ganz oben in einer Seitengasse der Weitraerstraße – ist alleine unnahbar für ihn. „Ich hätte nicht die Kraft, über den Berg runter dauernd zu bremsen.“ Bei plötzlichen Geräuschen, wie einem lauten Nieser oder dem Bellen eines Hunde reißt es Alex am ganzen Körper, bedingt durch den Spasmus erklärt er. Gleichzeitig dürfen ihn die Jugendlichen alles fragen. Viele Rollstuhlfahrer hätten womöglich ein Problem darüber zu reden, nicht so Alex. „Ich bin immer auf die Leute zugegangen.“ Denn seiner Erfahrung zufolge ist Behinderung vielerorts noch immer ein gesellschaftliches Randthema, Berührungsängste inklusive.

Gegenseitiges Herantasten

Um den Austausch und das gegenseitige Verständnis von beeinträchtigten und nicht-beeinträchtigen Menschen zu fördern, wurde vor vier Jahren die Idee eines Workshops geboren, die dann vor zwei Jahren ins Rollen kam. Schnell war ein Konzept auf die Füße gestellt – die Generalprobe erfolgte schließlich in seiner ehemaligen Schule vor 35 Leuten. Erfahrungsaustausch, aufeinander zugehen und auch selbst einmal einen Rollstuhl ausprobieren – durch diese schulische Begegnung wird eine Brücke geschaffen, und dem ein oder anderen die Hemmschwelle genommen. „Schließlich ist ein Rollstuhlfahrer auch genauso ein Mensch wie jeder andere, der einmal gute und schlechte Tage hat – nur dass er halt sitzt.“ Sonderbehandlungen sind für ihn kein Thema. Und mit diesen Begegnungen möchte er seinem Traum, dass das „Anders sein“ in Zukunft auch „das Selbstverständliche und Normale“ wird, ein Stückchen näher kommen.

„Musik ist mein Leben“

Er selbst ist übrigens stolz, dass er nicht ganz dem „gesellschaftlichen Mainstream“ angehört und das trägt er auch gerne nach außen. Gerne bezeichnet er sich als Hippie. Schwarz ist seine Kleidungsfarbe, lediglich seine Schnürsenkel sind rot – die einzige Ausnahme, die Alex zulässt. Er trägt lange Haare und ein Bärtchen und hört leidenschaftlich gerne Rock-Musik und Metal. „Ich hatte früher viele Probleme, dann kam der Rock“n„Roll und gab mir meine positive Lebensenergie zurück!“, schmunzelt Alex. „Wenn ich bei einem Heavy Metal- Konzert in der erste Reihe stehe, neben all den anderen, das gibt mir das normale Gefühl zurück.“ In dieser Musikszene fühlt er sich wohl, „dass sind auch die Typen, die mir meistens helfen und keine Berührungsängste haben.“

Reisepläne

Sein nächstes großes Projekt ist bereits in Planung, eine Amerikareise im kommenden Jahr. Der Englischkurs ist bereits absolviert, die Reiseplanung im Werden. „Es gibt natürlich Leute, die mir das nicht zutrauen, aber ich bin überzeugt, wenn man etwas will, schafft man das auch!“ Dieser Tage schickt Alex übrigens die Flyer an die verschiedensten Schulen und hofft, dass seine Begegnungsworkshops Anklang finden, denn „je mehr Aufmerksamkeit meine Idee bringt, desto besser ist es!“

Ach ja, abschließend sei gesagt: Alex freut sich, wenn man mit ihm Kontakt aufnimmt, bevorzugt aber die Variante via Mail (rolly@alex-weber.at). Denn Telefonieren, das ist nicht so seines, meint er mit einem Grinser.

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