"Human Bridge": Ein Training ganz ohne Berührungsängste
ZWETTL. Es ist Donnerstag, 15.30 Uhr. Im Turnsaal der SMS Zwettl herrscht geschäftiges Treiben - Bälle fliegen durch die Luft, Matten werden hervorgeholt und Turnringe bereitgestellt. Andreas und Jacqueline Gusenbauer haben ein Projekt initiiert, dass Menschen mit Beeinträchtigungen Zeit schenkt - Zeit, um gemeinsam Spaß zu haben.

„Ich habe euch ein Geschenk mitgebracht“, strahlt eine Teilnehmerin und übergibt Andreas und Jacqueline ein liebevoll eingepacktes Präsent. Die Freude steht ihr ins Gesicht geschrieben, sie umarmt die beiden mit den Worten „ihr seid super“. Die junge Frau kommt jede Woche zur Einheit, am liebsten macht sie Gymnastik, außerdem liebt sie es, Bälle hin- und her zu spielen, das sei für die Abnützungserscheinungen an ihren Händen gut, meint sie. Und heute wird sie ein weiteres sportliches Talent entdecken - Fußball.
Im Herbst 2017 ins Leben gerufen
Seit November 2017 treffen sich hier einmal wöchentlich rund 15 Menschen mit Beeinträchtigung, um gemeinsam Spaß zu haben, seitdem sind sie zu einer richtigen kleinen Gemeinschaft zusammengewachsen.
Ein Teilnehmer ist Manfred: Er spielt leidenschaftlich gerne Basketball, „von 15 Versuchen trifft er elfmal ins Schwarze“, freut sich Andreas Gusenbauer mit ihm. Dabei war die anfängliche Begeisterung noch nicht so groß, Manfred galt eher als zurückhaltend und reserviert. Bei einem Training im Jänner dann das erste herzhafte Lachen. Und heute blüht er förmlich auf, wenn er seine Körbe wirft. Auch Tormann Martin wirkt schon fast wie ein Profi.
„Wir haben zudem einen Spieler, der nahezu blind ist - nur Farben kann er ein wenig unterscheiden, mit ihm kegeln wir beispielsweise“, so Andreas. Bunte Matten links und rechts symbolisieren die Kegelbahn, „und wir geben dann Bescheid, wie viel er umgestoßen hat“. So wird auf jeden ganz individuell eingegangen, jeder macht das, was er im Rahmen seiner Möglichkeiten machen kann und mag.
Berührungsängste abbauen
Ob Menschen mit besonderen Bedürfnissen, Familien mit Kindern oder Firmen, jeder kann bei der Trainingseinheit mitmachen. Denn die große Vision hinter dem Projekt namens „Human Bridge“: eine Arbeitswelt zu schaffen, in der alle Schichten der Gesellschaft dieselben Chancen und dieselbe Wertschätzung bekommen. Der Sport dient als das verbindende Element.
Die wöchentlichen Trainingseinheiten sollen beispielsweise Menschen mit Beeinträchtigung und Menschen aus der Wirtschaft zusammenbringen, um Berührungsängste zu nehmen und miteinander Spaß zu haben, so ein Grundgedanke. „Und vielleicht ergibt sich ja für den einen oder anderen eine berufliche Chance“, hofft Initiator Andreas. Dass das Projekt überhaupt in Zwettl entstanden ist, ist mehr oder weniger einem Zufall zu verdanken.
Wie alles begann
Eines Tages wurde Gusenbauer eingeladen, eine Einheit eines Special Needs-Training in Krems zu unterstützen, Vorstellung was ihn dort erwarten würde, hatte er keine, aber es sollte ihn nachhaltig prägen. „Mich begeisterte die natürliche Freude der Menschen, ich komme auf das Training und einer geht auf mich zu und umarmt mich, obwohl er mich gar nicht kennt. Das war für mich wirklich der Eisbrecher und ich habe gewusst, da möchte ich etwas bewirken“, erzählt er sichtlich berührt.
So entstand bald darauf die Idee, etwas Ähnliches auch in anderen Waldviertler Regionen zu etablieren. Im Sommer folgten erste Gespräche, im November 2017 kam es bereits zu einer Trainingseinheit in Zwettl - und die Aktion „Human Bridge“ war geboren. Gemeinsam mit drei weiteren Trainern, Melvin Pichler, Valentin Grabovac und Lukas Holzinger-Neulinger, schenkt das Ehepaar Gusenbauer einmal wöchentlich 90 Minuten ihrer Zeit. Ein Geschenk, das hundertfach zurückkommt, sind sie sich einig.
„Es tut fast weh, wenn es mal ausfällt“
„Was ganz wichtig ist für mich, dass sie dich so nehmen wie du bist. Du gibst nichts vor, du spielst keine Rolle. Und so findest du wieder zu dir“, erzählt Jacqueline Gusenbauer.
„Seitdem wir das gemeinsam machen, lachen wir viel mehr. Wir nehmen uns selbst nicht mehr so wichtig, das Herz macht richtig auf. Es geht gar nicht wirklich darum, was man macht, sondern viel mehr darum, dass man Zeit schenkt. Und zu 100 Prozent da ist - im Moment, ich glaube das haben wir gelernt“, ist Andreas sichtlich begeistert und fügt hinzu: „Es tut fast weh, wenn es eine Woche mal ausfällt.“
In Verein eingegliedert
Das Projekt ist eingliedert in den Verein „MaitriBodh Peace Services“, der es sich mit verschiedensten Ansätzen zum Ziel gesetzt hat, eine nachhaltige positive Veränderung der Gesellschaft zu erzielen (mitrakaivalya.org).
Geplant ist im Übrigen eine zukünftige Ausweitung der Aktion „Human Bridge“: nach Zwettl, Krems, Wien, Graz oder Zürich, soll im Mai der Start in München erfolgen.
Interessierte sind herzlich willkommen
Auch die Zwettler Gruppe würde gerne noch wachsen. „Wir freuen uns jederzeit über neue Trainingsgäste“, heißt Andreas Interessierte willkommen. Ab Ende Mai steht auch ein Sportplatz in Zwettl zur Verfügung. Ob Groß oder Klein, Alt oder Jung, beeinträchtigt oder nicht, Firmen oder Privatpersonen - alle sind gerne gesehen, um gemeinsam einfach Spaß zu haben.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden