Rollend durchs Gym: „Sport ist mein Lebensinhalt“
ZWETTL/GMÜND. „Das war schon ganz gut, aber achte noch mehr auf einen geraden Oberkörper, und vor allem auf deine Atmung!“, weist Mario Holzreiter gerade seinen Kumpel bei der Königin aller Übungen, der Kniebeuge, an. Er trainiert heute Samstag selbst im Gym in Zwettl, schließlich geht es nun in den Endspurt – die Rennsaison steht vor der Tür. Tips hat den passionierten Fitnesstrainer und Handbiker getroffen.

„Derzeit trainiere ich sechsmal die Woche Ausdauer und zwei- bis dreimal Kraft, ein Tag ist Ruhepause“, erzählt der 34-Jährige aus dem Bezirk Gmünd. Mit Ende März beginnt die Rennsaison und da möchte er am Rad nicht nur gute Figur machen, sondern auch Erfolge einfahren. Sein wichtigstes und gleichzeitig wertvollstes Utensil – sein Handbike, vergleichbar mit einem Fahrrad, allerdings wird es allein durch die Arme angetrieben.
Schicksalsschlag
Denn seit einem Verkehrsunfall im Jahr 2000 ist Mario von der Brust abwärts gelähmt. Dabei sollte es damals ein schöner Abend werden, „wir feierten den Abschluss der Berufsschule in Gerweis, am Heimweg schleuderte es das Auto in einer Kurve, und ich – der ich hinter dem Fahrer saß – flog raus“, erzählt Mario von jenem Abend, der sein Leben für immer veränderte. Es folgten neun Wochen Spitalsaufenthalt, vier – endlos scheinende – davon mit Beatmungsgerät, gepaart mit dem ein oder anderen kompletten Durchhänger. Auf die Frage was er im Gegenzug zu früher am meisten vermisst, entgegnete er: „Ich muss viel mehr überlegen – ist alles barrierefrei, brauche ich dort und da Unterstützung – man lernt, sich in Geduld zu üben.“ Und das Fußballspielen gehe ihm ab. „Aber irgendwann hat mich mein Sportlerehrgeiz gepackt, ich wollte aus meiner Situation das Beste herausholen, und das so schnell als nur möglich“.
„Im Rehazentrum siehst du Leute, denen es bei Weitem schlechter geht als dir, mit Verletzungen im Halswirbelbereich und solche, deren Hände und Arme eingeschränkt sind – da geht“s dir verhältnismäßig noch gut.“ Mario Holzreiter
Mittels eisernem Willen, einer schier großen Portion Optimismus und dem Drang, es sich selbst zu beweisen, kämpfte sich der damals 18-jährige gelernte Tischler zurück, machte sich zuerst mit einer Trafik selbstständig, bis er einen komplett anderen beruflichen Weg einschlug und damit seine wahre Profession erlangte.
Traumberuf Fitnesstrainer
Sport begleitete ihn schon seit jeher, so kam Mario über Umwege 2007 zum Handbiken. Dem nicht genug, beschloss er, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen, eine Ausbildung zum Sporttrainer folgte, im Zuge eines Praktikums landete er schließlich bei seinem späteren Arbeitgeber. Seitdem rollt er durch das Chili Gym Gmünd, berät die Kunden, gibt ihnen Tipps und korrigiert sie, wenn Übungen falsch durchgeführt werden. Und die Reaktionen der Leute? „Die sind durch die Bank gut, natürlich gibt es dann und wann den ein oder anderen erstaunten Blick“, grinst der ausgebildete akademische Sport- und Fitnesstrainer. Aber er bringt nicht nur die Klienten auf Vordermann, auch sich selbst – und das sehr hartnäckig. Schließlich ist er niederösterreichweit der einzige leistungsmäßige Handbiker, auch die bundesweite Szene ist (noch) nicht sehr groß. „Österreich ist ein kleines Land, die Profiklassen sind im Winter auf Trainingslager und haben ein ganz anderes Netzwerk und Sponsoren hinter sich“, so der 34-Jährige, der bei den Staatsmeisterschaften bereits zweimal am Stockerl stand und auch im Europacup schon punkten konnte. Auf (finanzielle) Unterstützung ist man über kurz oder lang angewiesen, denn ob Startgelder, Fahrtkosten oder das rund 10.000 Euro teure Handbike – es summiert sich. Das Preisgeld – der Sieger bekommt im Europacup rund 300 Euro – erscheint im Vergleich dazu nahezu lächerlich. „Es steht zu anderen Sportarten, wo sehr hohe Beträge eingesetzt werden, in keiner Relation“.
Ich würde mir oft mehr Wertschätzung für den Behindertensport wünschen – von den Medien, von den Sponsoren, einfach von der Allgemeinheit. Mario Holzreiter
Große sportliche Ziele
Dennoch ist Mario ein grenzenloser Optimist mit hohen Zielen: Zwar sind die wenigen Startplätze für die Olympischen Spiele heuer in Rio schon vergeben, „aber innerhalb der nächsten beiden Jahre möchte ich mich für die Weltmeisterschaft qualifizieren, national strebe ich die Top 3 in meiner Klasse an – das könnte durchaus heuer noch realistisch werden. Und 2020 wartet Tokio auf mich!“Und dann war es schon wieder Zeit, das Training in Zwettl zu beenden, Mario verabschiedet sich mit einem festen Händedruck, rollt hinaus zu seinem Auto – ein Automatik mit Gas- und Bremshebel (“so viel Luxus muss sein im Waldviertel“) – schwingt sich auf den Sitz, positioniert den Rollstuhl auf den Beifahrersitz und braust davon.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden