Sperrstund’ für immer: Wirtshäuser auf Talfahrt
BEZIRK ZWETTL. Die Talfahrt der traditionellen Wirtshäuser ist ein Trend, der auch vor dem Bezirk nicht Halt macht. Nahezu jeder kennt eine Gaststätte, die in den letzten Jahren Sperrstund“ machte – für immer. Die Zahl der aktiven Gasthäuser ist bezirksweit von 95 im Jahr 2004 auf 84 gesunken, die Anzahl jener, die bereits der Hotellerie zugerechnet werden (ab neun Betten), nahm ebenso kontinuierlich ab (siehe Tabelle). Tips holte sich Informationen aus erster Hand.

„Ja das Wirt-Dasein“ ist definitiv um einiges schwerer geworden“, bestätigt Martin Huber, von Rappoltschlag (Gemeinde Waldhausen). Er übernahm die elterliche Gaststätte mit jungen 23 Jahren und betreibt sie nun in vierter Generation. Stets als „Wirtsbua“ betitelt, war für ihn immer klar, dass er einmal in diese berufliche Rolle schlüpfen wird und tatsächlich scheint ihm diese auf den Leib geschneidert zu sein. Neben dem gekonnten Umgang mit dem Gast, hat er stets einen herzlichen Lacher auf den Lippen oder eine Portion Schmäh parat. Nicht ganz so fröhlich wirkt er, wenn man mit ihm über die Branche und deren Zukunftsaussichten spricht. Seiner Ansicht nach ist der Rückgang von klassischen Wirtshäusern auf ein Zusammenspiel von vielen Komponenten zurückzuführen: „Es ist einerseits ein Generationenproblem, früher waren es zumeist Mischbetriebe, oft war eine Landwirtschaft, eine Fleischhauerei oder ein Sägewerk dabei – aufgrund der Herausforderung, nicht mehr alles ordentlich erfüllen zu können, musste ein Zweig eingebüßt werden und das war wahrscheinlich in vielen Fällen dann die Gastwirtschaft.“
Wirtshauskultur im Sinkflug
Andererseits habe das Wirtshaus an Bedeutung verloren, meint der „Huberwirt“. In seiner Kindheit war der Besuch eines Gasthauses an einem Sonntag – ob Frühschoppen oder nach¬mittags – ein Fixpunkt. Nun gäbe es zwar nach wie vor die Seniorenstammtische, aber die vormals zuverlässigen Stammgäste bröckeln beziehungsweise sterben weg und das junge Publikum fehlt zusehends. In seiner Jugend war die Gaststätte der bevorzugte Treffpunkt, bevor man samstags ausgeschwärmt ist, dem ist heute nicht mehr so, meint Martin Huber. Das Wirtshaus hole man sich heute oft ins eigene Wohnzimmer, dieser gesellschaftliche Wandel sei deutlich spürbar, die Leute bleiben mehr zuhause – auch aus nachvollziehbaren Gründen, wie er meint. „Der häusliche Lebensstandard ist höher geworden – Terrasse, schöner Garten – das wird das Wirtshaus zuhause. Es wird oft viel in das Eigenheim investiert, und das möchte man dann auch dementsprechend nutzen.“
Auflagen und Hürden
Ein grundsätzliches Problem sind die stets steigenden Auflagen und die nicht weniger werdenden gesetzlichen Hürden. „Die bald geltende Barrierefreiheit könnte für so manchen Wirt unter Umständen schwierig bis existenzgefährdend sein“ meint Huber, der sich diesbezüglich mehr Informationen von Seiten des zuständigen Fachverbandes erwartet hätte.
Rauchen und Registrierkasse
Das mit 2018 in Kraft tretende generelle Rauchverbot wird zusätzlich den ein oder anderen vom Wirtshausbesuch abhalten, ist der Gastronom – selber Nichtraucher – überzeugt. „Die Partien werden zerrissen, sinnvoller wäre die Belassung der Zweiraumregelung gewesen – sprich einen ausgewiesenen Raucherraum zu bieten.“
Und auch das Thema Registrierkasse ist in der Gastronomie nach wie vor ein heiß diskutiertes. „Mich stört nicht grundsätzlich die Einführung, sondern die pauschalierte Darstellung des Wirten als der größte Steuersünder“, ärgert er sich. Ohne Zweifel seien all diese Komponenten vor allem für jene entscheidend, die kurz vor der Pensionierung oder einer Betriebsübergabe stehen.
Stetiger Personalmangel
Während die Zahl der Jobsuchenden im Bezirk steigend ist, verzeichnet man in der Gastronomiebranche die meisten offenen Stellen, jede fünfte betrifft diese Sparte. „Es zählt auch für uns zu einer der größten Herausforderungen, die Stellen in der Gastronomie zu besetzen,“, betont AMS-Bezirksstellenleiter Kurt Steinbauer, die Arbeitszeiten seien halt oft alles andere als familienfreundlich. „Die Berufe in der Gastronomie haben eine schlechte Optik, Koch und Kellner haben im Gegensatz zu früher deutlich an Ansehen verloren“, meint Martin Huber. Für viele Gasthöfe stellt die Arbeitskräftebesorgung ein enormes Problem dar. „Man muss schon als Wirt eine große Bereitschaft bringen, eine Vielzahl an Stunden leisten, tagtäglich, abends und jedes Wochenende“, so Huber. Da sich das Hauptgeschäft hierzulande am Wochenende abspielt, ist auch der Personalbedarf im Wesentlichen oft auf diese zwei, drei Tage konzentriert. Und immer weniger seien bereit, hier ihre Freizeit zu opfern, das hänge schon auch mit unserer Wohlstandsgesellschaft zusammen, ist er überzeugt.
Zukunftsaussichten
Seitens des Fachverbandes der österreichischen Gastronomen spricht man bereits von reduzierten Öffnungstagen und Sitzplätzen als Konsequenz auf den Personalmangel. Das sei zwar in seinem Fall noch nicht vonnöten gewesen, aber dennoch sieht Martin Huber die Aus-sichten – was die Branche betrifft – nicht unbedingt als rosig: „Ich bin Wirt mit Leib und Seele, mich kann nicht leicht etwas erschüttern, aber ich blicke schon mit ein wenig Bauchweh in die Zukunft, angesichts der vielen Hürden der letzten Jahre und dem was noch kommen mag.“


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