InterviewMartin Pollack: Ungeschminkter Bericht über die Vorfahren

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Norbert St. Mottas Norbert St. Mottas, Tips Redaktion, 19.05.2020 18:42 Uhr

AMSTETTEN. Im Buch „Die Frau ohne Grab. Bericht über meine Tante“ berichtet der mehrfach ausgezeichnete Autor Martin Pollack von seinen Vorfahren väterlicherseits und berichtet ungeschminkt von deren Verstrickungen in den Nationalsozialismus in Amstetten. Tips-Redakteur Norbert Mottas bat Martin Pollack um ein Interview.

Tips: Ihr Buch „Die Frau ohne Grab. Bericht über meine Tante“ handelt von ihrer Tante Pauline Drolc. Dabei schildern Sie deren Heimatort Tüffer/Laško, die Zeit, in der sie lebte, und die Menschen der Zeit derart anschaulich und lebendig, dass man meinen könnte, Sie seien dabei gewesen. Woher haben Sie diese detaillierte Information?

Pollack: Einiges habe ich von Zeitzeugen erfahren, aber das war eher spärlich, da die Ereignisse lang zurückliegen. Ich habe mich daher einer Methode bedient, die ich auch bei anderen Büchern erfolgreich angewandt habe: der Lektüre zeitgenössischer Zeitungen, vor allem lokaler Blätter. Die sind eine unglaubliche Fundgrube interessanter Details.

Tips: Empfanden Sie die sehr umfangreichen Recherchen zu dem Buch als Last oder waren Sie von einer Jagdleidenschaft nach immer genaueren Details angespornt?

Pollack: Die Recherche ist für mich ein geradezu lustvolles Erlebnis – ich liebe es, in Archiven zu suchen, alte Zeitungen durchzuschauen usw. Da kommt man von einem Detail zum anderen, die man am Ende zu einem möglichst „lesbaren“ Bild formen muss.

Tips: Zentrale Figuren in dem Buch sind Ihr Großvater Rudolf Bast und Ihr Großonkel Ernst Bast. Sie waren schon in Tüffer deutschnational aktiv, wurden später in Amstetten intensive Nationalsozialisten und behielten – wie auch Ihre ganze Familie väterlicherseits – diese Gesinnung selbst nach 1945. Haben Sie mit den beiden je über Politik diskutiert?

Pollack: Nein, dazu war ich damals noch zu klein. Mein Großvater ist 1960 gestorben, da war ich 14, aber ich habe ihn schon einige Jahre zuvor kaum mehr gesehen, da er schwer krank war. Mit Onkel Ernst gab es überhaupt keine Diskussion, dazu war er zu abgehoben – eine Respektsperson. Ich hätte es nie gewagt, ihn mit Fragen zu behelligen.

Tips: Ihr Onkel Guido, der einen jüdischen Vater hatte, wurde sowohl von Ihrem Großvater und Ihrem Großonkel sehr geschätzt. Hat das die beiden nie dazu veranlasst, an ihrem Antisemitismus zu zweifeln? Haben die beiden mit Ihrem Onkel Guido auch antisemitische Gespräche geführt?

Pollack: Über die Gespräche, die Onkel Ernst mit Onkel Guido führte, kann ich nichts sagen, die wurden außerhalb meiner „Hörweite“ geführt. Damals war es in gewissen Kreisen nicht üblich, dass Kinder bei solchen Gesprächen anwesend waren. Aber ich glaube nicht, dass sie über solche Dinge gesprochen haben. Wohl eher über Erinnerungen an Tüffer, an die Verwandtschaft, an gemeinsame Erlebnisse. Mit meinem Großvater hatte Guido meines Wissens keinen Kontakt.

Tips: Sie hatten zu Ihrem Großvater eine enge Verbindung, was Sie auch im Buch „Mosaiksteine“ betonen. Ab welchem Alter begriffen Sie die Diskrepanz zwischen dem liebevollen Großvater und dem grausamen Nationalsozialisten Rudolf Bast?

Pollack: Das lässt sich zeitlich schwer festmachen. Solang die enge Verbindung dauerte, beschlichen mich keine Zweifel an ihm, aber das lag einfach daran, dass ich noch sehr jung war – zehn, elf Jahre alt.

Tips: Haben Ihr Großvater Rudolf Bast und Ihr Großonkel Ernst Bast versucht, auch Sie mit ihrer Gesinnung zu überzeugen und wie ist es Ihnen gelungen, sich nicht von dieser Ideologie anstecken zu lassen?

Pollack: Mein Großvater hat das nie versucht, wohl weil man mit einem Kind nicht über solche Sachen wie Politik spricht. Es war eher meine Großmutter, die das ganz aktiv betrieben hat, sie war so etwas wie die „Chefideologin“ der Familie. Mein Glück war es, dass ich mit zehn Jahren ins Internat geschickt wurde – ausgerechnet in eine liberale, aufgeschlossene Schule, was damals in Österreich keine Selbstverständlichkeit war. Das Internat war weit entfernt, es lag im Pinzgau, damit war ich dem unseligen Milieu weitgehend entzogen.

 

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