Steve Banner: „Ich fühle mich als Europäer“
AMSTETTEN. Der Amstettner Steve Banner ist britischer Staatsbürger. Er lebt seit 1982 in Österreich und seit 1987 in Amstetten. Vom Brexit erwartet er nur Nachteile für beide Seiten. Tips-Redakteur Norbert Mottas bat ihn zum Interview.

Tips: Wir hatten den heutigen Tag [23. Oktober“ als Interview-Termin gewählt weil wir dachten, dass da in London schon eine wesentliche Entscheidung zum Thema Brexit gefallen sein würde. Tatsächlich ist noch immer viel offen. Wann glaubtst du, wird es eine konkrete Entscheidung geben?
Steve Banner: Ich fürchte, dass es am 31. Oktober einen ungeregelten Brexit geben wird. Denn der Boris Johnson benimmt sich wie ein Diktator. Er ignoriert alles, was im Parlament beschlossen wird. Und ich fürchte schlimme Zustände in Großbritannien nachher. Die Preise werden sicher steigen und die Armen werden noch ärmer dran sein.Es wird große Demonstrationen geben, die nicht mehr friedlich sind. Aber 100 Prozent fix ist nichts. Die Schotten wollen nun die Unabhängigkeit und die wollen in der EU bleiben. Ein weiteres Problem ist Nord-Irland. Das Karfreitagsabkommen, das für Frieden sorgte, gilt nach einem harten Brexit nicht mehr.
Tips: Was bedeutet der Brexit für Briten, die im Ausland in Europa leben?
Steve Banner: Sie sind schlechter dran. Ich habe kein Problem in Österreich zu bleiben. Aber ich habe viele Behördenwege zu erledigen. Ich muss wieder eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen – und das bezahlen. Ich würde auch eine Arbeitsbewilligung brauchen, denn ich bin Tanzlehrer bei der Volkshochschule und in der Volkshochschulen gibt es die Regel, dass man eine Arbeitsbewilligung braucht, wenn man kein EU-Bürger ist. Ich würde die Arbeitsbewilligung bekommen. Aber das sind wieder Gebühren fällig.
Tips: Darfst du hier wählen?
Steve Banner: Ich durfte bei der EU-Wahl wählen und ich darf bei der Gemeinderatswahl wählen. Bei der kommenden Gemeinderatswahl darf ich auch im Falle eines harten Brexit wählen, denn der Stichtag für das Wählerverzeichnis ist schon vorbei.
Tips: Hast du schon überlegt, die österreichische Staatsbürgerschaft anzunehmen?
Steve Banner: Ich bin gerade dabei. Ich vermute aber, dass die Hälfte der österreichischen Staatsbürger es nicht schaffen würden durch die Staatsbügerschaftsprüfungen durchzukommen. Ich habe ein Heft mit Beispielen, was gefragt werden könnte. Zum Beispiel der römische Name von St. Pölten. Oder: „Wie heißen die vier Statutarstädte in Niederösterreich?“ Natürlich gibt es auch leichtere Fragen und man darf auch ein paar Fehler machen.
Tips: Wird auch die Sprache geprüft?
Steve Banner: Sie verlangen ein B1-Sprachzertifikat, was überhaupt kein Problem sein sollte. Aber es braucht einen dreiviertel Tag und es kostet 150 Euro.
Tips: Brauchst du auch viele Dokumente?
Steve Banner: Ich brauche die Pensionsauszüge der letzten vier Jahre, einen Strafregisterauszug von Großbritannien, Heiratsurkunde und Grundbuchauszug. Ich brauche auch eine Bestätigung vom Kreditschutzverband, nicht nur für mich, sondern auch für meine Frau. Es ist eine Riesenliste und kostet Geld.
Tips: Wieviel kostet das?
Steve Banner: Es kommt insgesamt auf 1.700 bis 2.000 Euro.
Tips: Bleibst du dann auch Brite?
Steve Banner: Wenn alles abgeschlossen ist, habe ich ein halbes Jahr Zeit, die britische Staatsbürgerschaft abzulegen. Es gibt keine Doppelstaatsbürgerschaft, außer man ist Opernsänger oder Fußballer. Mein britischer Pass läuft 2022 aus. Oben steht drauf „European Union“. Ich habe bei der britischen Passbehörde nachgefragt, was geschieht, wenn Großbritannien nicht mehr in der EU ist. Ich haben die Antwort bekommen, dass der Pass trotzdem seine Gültigkeit behält bis er ausläuft. Aber ob das auch bei einem harten Brexit gilt, das weiß nicht einmal die Passbehörde.
Tips: Fühlst du dich mehr als Österreicher oder mehr als Brite?
Steve Banner: Ich fühle mich als Europäer. Meine Frau Sissy und ich sprechen miteinander nur Deutsch. Ich habe eine englische Angewohnheit: Ich trinke am Vormittag Tee und am Abend Bier. Aber das machen Österreicher ja auch.
Tips: Wie geht es deinen Verwandten in England?
Steve Banner: Für mich persönlich wäre ein harter Brexit besser, denn dann weiß ich auf welcher Seite ich stehe – aber für meine Verwandten in England wäre das eine Katastrophe.


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