"Roter Kaplan" im Tips-Gespräch: Franz Sieder stellt neues Buch vor
MOSTVIERTEL. 17 Jahre lang veröffentlichte Seelsorger Franz Sieder in einem Schaukasten am Bahnhof Amstetten religiöse, aber auch kritisch-politische Botschaften. Nun hat der bekannte Pfarrer seine Texte in einem Buch vereint. Tips bat zum Gespräch.

Tips: Herr Sieder, Ihr Buch trägt den Titel „Provokant – aber meine christliche Überzeugung“. Wie passen Provokation und christliches Verhalten für Sie zusammen?
Franz Sieder: Bei Predigten will ich nie bewusst provozieren. Hier möchte ich, dass Leute das, was ich sage, annehmen können. Wenn ich aber sehr prägnante Botschaften verkünde, rede ich schärfer und provokanter. Bei den Plakatbotschaften war es so. Für mich ist auch das Evangelium in seiner Schärfe und Radikalität etwas Provokantes. Jesus war sicher für viele Menschen seiner Zeit provokant. Er hat manche Botschaften sehr radikal verkündet, wenn er etwa gesagt hat: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“ Jedenfalls kann ich von mir sagen, dass ich grundsätzlich kein Mensch bin, der diplomatisch redet.
Tips:Ihr Buch enthält hauptsächlich jene Plakatbotschaften, die 17 Jahre lang in einem Schaukasten am Bahnhof zu lesen waren und die viele Menschen erreicht haben. Der Mietvertrag für den Schaukasten wurde 2019 von den ÖBB gekündigt. Schmerzt Sie das noch?
Franz Sieder: Die Kündigung des Mietvertrages hat mir schon wehgetan. 17 Jahre lang habe ich meine Botschaften dort verkündet und es hat niemanden gestört. Ich habe in der Zeit viele „Predigten“ zu Leuten halten können, die sonst nicht in die Kirche kommen und ich habe sehr viele positive Rückmeldungen erhalten. Ich nehme die Beendigung des Vertrages seitens der ÖBB heute zur Kenntnis. Viele der Plakatbotschaften habe ich weggeworfen, einige habe ich aufgehoben. Ich wurde oft gefragt, ob ich die Botschaften als Buch herausgeben könnte und das habe ich nun gemacht.
Tips:Warum haben Sie sich meist für politische und nicht für religiöse Plakatbotschaften entschieden?
Franz Sieder: Ich bin ein politischer Mensch und bekenne mich eher zu einer linken Politik, weil ich glaube, dass die linke Politik die christlichere ist. Dazu stehe ich, denn wenn links heißt, auf der Seite der Armen zu stehen und wenn links heißt, sich für ein Mehr an Gerechtigkeit in der Welt einzusetzen, dann bin ich gerne ein Linker. Aber meine tiefste Wurzel ist meine Gottesbeziehung und meine christliche Überzeugung.
Tips:Sie ergreifen in Ihren Texten Partei für Arme und Schwache in der Gesellschaft, sagen aber, dass Barmherzigkeit als christliche Tugend zu wenig ist. Was meinen Sie damit?
Franz Sieder: Barmherzigkeit bedeutet Nächstenliebe, den Armen zu helfen. Doch es braucht auch Gerechtigkeit, um wirtschaftliche und politische Strukturen zu schaffen, die Armut verhindern und die verhindern, dass Menschen aus ihren Herkunftsländern flüchten müssen. Das Problem ist ein neoliberales Wirtschaftssystem, das die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandertreibt und das Ungerechtigkeit schafft. Der Unterschied zwischen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit ist mir wichtig. Die Kirche war und ist sehr stark in der Barmherzigkeit, aber sie war und ist sehr schwach in der Gerechtigkeit. Papst Franziskus fordert Gerechtigkeit stark ein. Seine Botschaft wird von Bischöfen und Priestern aber nur sehr schaumgebremst weitergegeben.
Tips:Auf der Rückseite Ihres Buches findet man das Zitat „Wir erleben in der neoliberalen Wirtschaft einen Klassenkampf von oben nach unten“. Was wollen Sie damit sagen?
Franz Sieder: Früher verstand man den Klassenkampf als Aufstand der Arbeiter gegen Mächtige. Heute wird von oben her ein Instrumentarium eingesetzt, das schwache und arbeitende Menschen in die Knie zwingt. Es gibt ein verstecktes Sklaventum. Als Arbeiterseelsorger habe ich hier zahlreiche Erfahrungen gesammelt. Menschen begehren gegen Missstände nicht auf, weil sie froh sind, dass sie überhaupt eine Arbeit haben. Der glückliche Sklave ist der größte Feind der Freiheit.
Tips:Die Corona-Pandemie verstärkt die Arbeitslosigkeit. Wie erleben Sie diese Phase – auch als Betriebsseelsorger?
Franz Sieder: In der Betriebsseelsorge ist derzeit sehr viel lahmgelegt. Es ist alles auf die Bekämpfung des Coronavirus zentriert. Die wirklichen Arbeiterprobleme, wie etwa unmenschliche Arbeitsbedingungen, werden kaum oder nicht angesprochen.
Tips:Sie sprechen in Ihrem Buch viele Missstände – sei es in der Arbeitswelt, im Umgang mit Flüchtlingen, oder in Sachen Verteilung, Gerechtigkeit und Politik – an. Die Texte sind zum Teil 20 Jahre alt und man hat das Gefühl: Es hat sich bis heute nicht viel geändert. Packt einen da nicht der Frust?
Franz Sieder: Ja, manchmal schon. Aber ich werde weiterhin Missstände ansprechen – auch in der Kirche.


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