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Leserbrief Kaplan Franz Sieder: "Jedermann" theologisch gedeutet

Michaela Aichinger, 17.08.2021 12:03

AMSTETTEN. Der Amstettner Kaplan und Krankenhausseelsorger Franz Sieder hat der Tips Redaktion einen Leserbrief zukommen lassen.

Kardinal Franz Sieder (Foto: mai)
Kardinal Franz Sieder (Foto: mai)

„Der „Jedermann“ wird jetzt wieder bei den Salzburger Festspielen am Domplatz aufgeführt. Die Medien berichten nicht über den Inhalt dieses Stückes, sondern nur über die schauspielerischen Leistungen, ganz besonders über die Erotik zwischen Jedermann und der Buhlschaft. Ich denke, dass auch für die Zuseherinnen und Zuseher vorrangig die schauspielerische Leistung Bedeutung hat und nicht der Inhalt des Stückes. Wenn der Großteil der Menschen nicht an ein Weiterleben nach dem Tod glaubt, dann haben für sie auch die guten Werke , der Glaube und die Angst vor dem Gericht keine Bedeutung. Ich möchte versuchen einige Bereiche des Stückes theologisch in den Blick zu nehmen.

Ist „reich sein“ unmoralisch?

Als erstes möchte ich die Frage stellen, ob „reich sein“ unmoralisch ist oder eine Sünde ist. Das „Reich sein“ ist nicht an sich unmoralisch, aber ein Reicher / eine Reiche kann schwerer in den Himmel kommen. Jesus hat einmal gesagt: „Leichter kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr als dass ein Reicher in den Himmel kommt.“ Jesus hat auch den Satz gesagt: „Du kannst nicht zugleich Gott dienen und dem Mammon“. Mit Mammon ist nicht nur das „Reich sein“ an sich gemeint, sondern das Streben, die Gier nach Reichtum. Wenn ich dem Profitstreben diene, dann kann ich nicht zugleich Gott dienen. Wenn du reich bist, dann bist du auf jeden Fall einmal verpflichtet, zu teilen mit den Armen in der Welt. Reichtum ist im Sinn des Evangeliums nicht erstrebenswert. Jesus will auch nicht die Armut. Sie soll bekämpft werden. Jesus möchte ein gutes und menschenwürdiges Leben für alle Menschen unserer Erde.

Umverteilung von Reich zu Arm

Weil das Ziel von Jesus das Werden das Reiches Gottes auf unserer Welt ist und eines der deutlichsten Merkmale des Reiches Gottes die Gerechtigkeit ist, so ist es in der Intention der Gerechtigkeit Strukturen zu schaffen, wo eine permanente Umverteilung von Reich zu Arm stattfindet. Diese permanente Umverteilung verlangt eine sehr hohe Besteuerung der Reichen und verlangt auch von der Politik, dass sie Strukturen schafft, wo die Schere zwischen Arm und Reich nicht mehr auseinandergeht. Sie verlangt auch Strukturen, durch die die Reichen gar nicht so reich werden können. Die permanente Umverteilung von Reich zu Arm darf nicht nur national, sondern muss weltweit gesehen werden.

Frage nach der Auferstehung

Eine Frage, die der „Jedermann“ aufwirft, ist auch die Frage nach dem Leben nach dem Tod, nach dem Glauben an eine Auferstehung. Die Frage nach der Auferstehung gehört zu den zentralen Fragen unseres Glaubens. Ostern ist unser wichtigstes Fest und Ostern sagt uns nicht nur, dass Jesus vom Tod auferstanden ist, sondern dass auch wir auferstehen werden. Im „Jedermann“ wird auch das Gericht angesprochen, dass wir im Tod einmal Rechenschaft ablegen müssen über unser Leben auf dieser Welt: Die Gerechtigkeit verlangt immer nach einem Gericht und die wahre Liebe verlangt letztlich auch nach einem Gericht. Der berühmte Albert Einstein sagte einmal: „Nur der Glaube an die Auferstehung lehrt uns, dass letztlich der Mörder über das geschundene Opfer nicht triumphieren wird.“ Wie das Gericht sein wird, darüber haben wir nicht zu befinden, das müssen wir Gott überlassen. Jesus hat einmal gesagt: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ Es ist aber legitim und unserem Glaubensverständnis entsprechend, dass der Jedermann auch Angst hat, vor dem, was nachher kommt. Es ist möglich, dass der Mensch des ewigen Lebens verlustig geht. Diese Wahrheit wird durch den Teufel versinnbildlicht, der im Stück auftritt.

Die „guten Werke“ und der „Glaube“

Ich möchte noch auf zwei Ereignisse hinweisen, die im Stück auch durch Personen versinnbildlicht werden. Es sind die „guten Werken“ und es ist der „Glaube“. Die guten Werke sind angesichts des Todes ganz entscheidend. Wenn wir in der Bibel nach einem Kriterium suchen, das entscheidend ist, ob Gott das Leben eines Menschen im Tod annimmt oder nicht, dann sind es zweifellos die guten Werke. In der sogenannten Weltgerichtsrede sagt uns Jesus das eindeutig. Er identifiziert sich mit den Armen, Kranken, Schwachen und Fremden und sagt: „Was ihr den Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.“ Zu jenen, die ein Herz für die Armen, Kranken und Fremden gehabt haben, sagt Jesus dann beim Gericht: „Geh ein in die Freude deines Herrn.“ Geh ein in jenes Land, das wir Himmel nennen.

Wie ist der Glaube zu verstehen?

Glaube ist noch nicht, wenn ich an Gott glaube. Glaube ist auch noch nicht, wenn ich das Glaubensbekenntnis herunterbete und sage, dass ich an diese Wahrheiten glaube. Glaube heißt, dass Gott die allumfassende Wirklichkeit meines Lebens ist, dass ER letztlich mein Leben bestimmt. Für uns Christinnen und Christen heißt das, dass Jesus und seine Botschaft die eigentliche Richtschnur meines Lebens sind. Jeder Mensch hat in seinem Leben eine Berufung von Gott. Dieser Ruf Gottes kommt in unserem Leben normalerweise durch unser Gewissen, das die Stimme Gottes in uns ist. Wenn wir bemüht sind, dieser Stimme zu folgen, dann brauchen wir vor dem Tod und dem, was nachher kommt, keine Angst zu haben, dann gibt es für uns auch kein Gericht, denn Jesus sagte einmal „Wer glaubte, der wird nicht gerichtet“ – dann ist der Tod für uns nur ein Übergang von diesem in ein noch schöneres Leben.

Tiefste Sinnfragen

Das Stück „Jedermann“ wirft tiefste Sinnfragen unseres Lebens auf. Die Frage „Was ist meine Aufgabe in dieser Welt?“ und „Wohin geht mein Leben?“ – Es ist eigentlich schade, dass es in den Berichten nur um die Beziehung zwischen Jedermann und Buhlschaft geht.

Kaplan Franz Sieder ist em. Betriebsseelsorger sowie aktiver Krankenhausseelsorger in Amstetten und arbeitet u.a. bei Amnesty International, bei der Arbeitsgemeinschaft Christentum und Sozialdemokratie (ACUS) und bei Pax Christi Wien mit.

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