30 Jahre Frauenhaus Amstetten: „Müssen öffentlich gegen Gewalt an Frauen auftreten“
AMSTETTEN. Das Frauenhaus feiert am 11. November sein 30-jähriges Bestehen in Amstetten. Seit der ersten Stunde mit im Team ist Maria Reichartzeder. Tips bat sie zum Interview.

Tips: Frau Reichartzeder, dieses Jahr feiert das Amstettner Frauenhaus einen runden Geburtstag. Was bedeutet dieses Jubiläum für Sie und Ihr Team?Maria Reichartzeder: In erster Linie freut es mich, dass auch heute noch mehrere Frauen im Frauenhaus-Team arbeiten, die damals vor 30 Jahren beim Aufbau dabei waren. Das Jubiläum bedeutet für mich einen Rückblick auf eine spannende Zeit. Das Frauenhaus ist auf Initiative der damaligen Frauenberatung Amstetten entstanden. Nach einer sechsmonatigen Projektvorbereitung konnten wir am 11. November 1991 mit einer Krisenwohnung starten. Nach einem halben Jahr war klar, dass der Bedarf da ist und dass wir mehr Raum benötigen. Wir sind dann 1992 in ein Mietshaus übersiedelt. Nach zehn Jahren ging’s in das aktuelle Haus. Vor allem finanziell sind wir am Anfang ein hohes Risiko eingegangen, da wir diesbezüglich nur mündliche Zusagen hatten. Eine Frau hat unserer Initiative ihre Abfertigung gespendet – das war eine enorme Hilfe! Wir haben damals in Niederösterreich als drittes Frauenhaus eröffnet – derzeit gibt es sechs Frauenhäuser. Der Beginn in Amstetten war sehr spannend, sehr aufregend und sehr cool, weil wir Erfolg gehabt haben.
Tips:Welche Themen standen im Frauenhaus zu Beginn im Zentrum? Welchen Unterschied gab es zu der gegenwärtigen Situation?
Reichartzeder: Frauen sind natürlich immer wegen Gewalt zu uns gekommen. Aber anders als heute wurde damals in der Gesellschaft Gewalt in der Familie und an Frauen als Thema nicht wahr- und ernstgenommen. Es gibt heute immer noch Morde und gefährliche körperliche und psychische Gewalt. Aber die Gesellschaft weiß nun besser Bescheid. Unsere Arbeit wurde am Anfang ja belächelt – heute werden wir als selbstverständliche Einrichtung in der Region gesehen.
Tips:Wenn heute die Gesellschaft besser Bescheid weiß und sensibilisiert ist, warum steigen dann Morde und Gewaltakte an Frauen immer weiter an?
Reichartzeder: Gewalt wird von der Gesellschaft nicht mehr verharmlost oder geduldet. Daher verschwindet sie zusehends aus der Öffentlichkeit und versteckt sich noch mehr hinter privaten Mauern. Das Thema „Gewalt“ ist ja immer noch sehr schambehaftet. Es hat mit Versagen zu tun. Oft wissen die besten Freundinnen nicht Bescheid, wenn eine Frau von Gewalt betroffen ist. Dieses Schweigen zu brechen, ist unsere nächste Aufgabe. Und wir müssen Männer auffordern, sich auch in der Öffentlichkeit eindeutig gegen Gewalt auszusprechen und Verantwortung zu übernehmen. Es gibt viele Formen von Gewalt – wir alle müssen öffentlich gegen jede einzelne auftreten.
Tips:Corona hat die Lage von Frauen in Gewaltbeziehungen nicht gerade verbessert – welche Erfahrungen haben Sie hier gemacht?
Reichartzeder: Zu Beginn der Corona-Pandemie war im Frauenhaus erstaunlich wenig los. Die bei uns lebenden Frauen haben in dieser Zeit sehr gut zusammengehalten – das war toll. Der diesjährige Sommer war sehr stark. Jetzt haben wir aber wieder Platz im Frauenhaus.
Tips:Welche Themen stehen im Frauenhaus derzeit im Zentrum?
Reichartzeder: Jetzt ist Zeit für eine Bilanz: nach 30 Jahren möchten wir Danke sagen an alle Menschen, die die Entwicklung des Frauenhauses Amstetten mitgetragen haben, die uns unterstützt haben. Ohne die breite Verankerung unserer Einrichtung in der Bevölkerung, ohne den Respekt von Politik und Behörden hätte sich das Frauenhaus nicht so entwickeln können.
Tips:Wie viele Frauen und Kinder haben in den drei Jahrzehnten im Frauenhaus Amstetten gewohnt?
Reichartzeder: Insgesamt haben in den 30 Jahren 2.250 Frauen und Kinder bei uns Platz gefunden. Im Durchschnitt wohnen etwa 38 Frauen pro Jahr im Frauenhaus. Manchmal bleiben sie nur eine Nacht, manchmal bis zu einem Jahr.
Tips:Das ist eine gewaltige Zahl – und es sieht nicht so aus, als ob der Bedarf an Plätzen im Frauenhaus sinken würde ...
Reichartzeder: Ja – wir haben in den 30 Jahren immer viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht und trotzdem sinkt Gewalt gegen Frauen nicht. Also was kann man tun? Wichtig ist, weiterhin Gewalt gegen Frauen und Strategien gegen Gewalt in der Region zum Thema zu machen – etwa bei Nachbarschaftstreffs, die wir derzeit organisieren. Die Menschen müssen wissen, wie sie bei Gewaltsituationen einschreiten können und wie sie Hilfe holen können.


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