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Neue Palliativstation in Amstetten: Leiterin Elisabeth Mock im Tips-Gespräch

Michaela Aichinger, 22.09.2025 19:03

AMSTETTEN. Am Landesklinikum Amstetten ist die lange geforderte Palliativstation offiziell eröffnet worden. Damit verdoppelt sich die Anzahl der verfügbaren Palliativbetten im Mostviertel auf insgesamt 16 – acht davon in Amstetten und ebenso viele in Scheibbs. Tips bat die Leiterin der neuen Station, Oberärztin Elisabeth Mock, zum Gespräch.

Oberärztin Elisabeth Mock ist die Leiterin der neuen Palliativstation am Landesklinikum Amstetten. (Foto: mai)

Tips: Frau Mock, mit der neuen Palliativstation in Amstetten ist ein langgehegter Wunsch in der Region in Erfüllung gegangen. Was bedeutet es für Sie persönlich, die Leitung der Station übernehmen zu dürfen?

Elisabeth Mock: Für mich persönlich ist es eine Freude und Verantwortung zugleich: Ich sehe die Station wie „mein viertes Kind“, das nach intensiver Vorbereitung nun wachsen und sich gemeinsam mit dem Team entwickeln darf. Seit dem Medizinstudium interessiere ich mich für Palliative Care – inspiriert durch persönliche Erfahrungen in der Familie: Meine Tante starb im Alter von 43 Jahren an einer fortgeschrittenen Krebserkrankung. Damals erlebte ich zum ersten Mal, wie wichtig und bereichernd offene Gespräche rund um das Lebensende sein können. Fast zur selben Zeit wurde in Amstetten der Hospizförderverein gegründet, von Menschen, die über 20 Jahre wertvolle Aufklärungsarbeit über Hospiz und Palliativversorgung geleistet und sich für die Schaffung einer Palliativstation in Amstetten eingesetzt haben. Diesen Pionierinnen, allen voran Dr.in Ester Steininger, bin ich sehr dankbar für ihr Engagement. Jetzt habe ich die Gelegenheit, Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörige stationär umfassend zu betreuen – in einem tatkräftigen, bunten Team aus Pflege, Medizin, Psychologie, Sozialarbeit, Seelsorge, Diätologie, Musik- und Physio- sowie Logotherapie und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen sowie Mitarbeitern.

Die Zahl der Palliativbetten im Mostviertel hat sich nun durch die Eröffnung verdoppelt. Wie groß ist der Bedarf Ihrer Einschätzung nach hier in der Region tatsächlich?

Die Zahlen exakt zu fassen ist schwierig. Wir begegnen regelmäßig Patientinnen und Patienten mit großem palliativen Bedarf, die bisher auf Normalstationen bestmöglich versorgt oder wenn möglich an die Palliativstation nach Scheibbs transferiert wurden. Die neue Station ermöglicht eine kontinuierliche Behandlung vor Ort – geeignet, individuell und zeitnah auf die Bedürfnisse einzugehen. Ob die Station rasch ausgelastet sein wird? Wahrscheinlich ja, mit einer möglichen Warteliste – so wie es bei Palliativstationen üblich ist. Die Aufnahme erfolgt überwiegend geplant – von zu Hause oder als Übernahme von anderen Abteilungen – die Reihenfolge richtet sich nach der Dringlichkeit. In der Wartezeit kann es vorkommen, dass Patientinnen und Patienten vorübergehend an anderen Abteilungen aufgenommen werden.

Die Station ist nicht nur medizinisch, sondern auch atmosphärisch besonders gestaltet – jedes Zimmer trägt ein eigenes Thema wie Wiese, Wald, Wasser oder Berge, und entlang der Gänge hängen Bilder aus der Region. Welche Wirkung soll diese Umgebung auf Patienten und auch auf ihre Angehörigen haben?

Ziel ist, dass sich Patientinnen, Patienten und Angehörige wohlfühlen und sich nicht ständig daran erinnert fühlen, im Krankenhaus zu sein. Dank der Gestaltung von Manuela Zemann und der engen Einbindung der Stationsleitung DGKP Manuela Supantschitz und des Teams ist das gelungen: Räume mit Themen wie Wiese, Wald, Wasser oder Berge, ergänzt durch regionale Bilder, schaffen eine beruhigende Umgebung.

Ein zentrales Anliegen in der Palliativmedizin ist die ganzheitliche Betreuung, die weit über die reine medizinische Behandlung hinausgeht. Was genau darf man sich darunter vorstellen?

Bei uns ist klar, dass Heilung nicht mehr möglich ist, die Lebenszeit individuell variiert. Unser Fokus liegt auf der Linderung von Symptomen wie Schmerzen, Atemnot, Übelkeit, Angst, Schwäche, Einsamkeit, spirituelles Leid durch die Zusammenarbeit aller Berufsgruppen im Team, ganz individuell. Viele unserer Patientinnen und Patienten schätzen das offene Gespräch über den absehbaren Tod oder die begrenzte Lebenszeit. Auch dafür sind wird da. Aber auch für sozialrechtliche Fragen, Therapie- und Hilfsmittelorganisation sowie Unterstützung bei der Organisation der Versorgung zu Hause. Wir arbeiten interdisziplinär, um Autonomie und Lebensqualität zu erhalten. Manchmal bedeutet das, Symptome zu kontrollieren und Stabilisierung zu ermöglichen, damit Versorgung zu Hause gelingt. Natürlich werden auch Patientinnen und Patienten bei uns sterben, dann sind wir da, um diesen Prozess würdevoll in ihrem Sinne und unter Linderung belastender Symptome zu begleiten. Die Betreuung der Angehörigen endet nicht mit dem Tod. Es wird auch Trauerangebote und Gedenkfeiern für die Verstorbenen geben.

Die Arbeit auf einer Palliativstation ist für Mitarbeitende besonders herausfordernd. Wie wird das Team dabei unterstützt, diese emotionale Belastung zu bewältigen?

Wir hatten bereits im Vorfeld ein Teambuilding für das neue interprofessionelle Team, regelmäßige Supervisionen und Reflexionsrunden sind geplant. Ob noch mehr nötig ist, wird sich im Praxisalltag zeigen – wir bleiben dran. Die Betreuung Schwerkranker, das Möglichmachen von letzten Wünschen oder manchmal auch „nur“ dem Wunsch zu Hause gut versorgt zu sein, kann unglaublich bereichernd und erfüllend sein. Bei aller Schwere liebe ich meine Arbeit und ich erlebe jeden Tag, dass wir einen großen Unterschied machen.

Auch Angehörige sind in dieser besonderen Lebensphase von großer Bedeutung. Wie sollen sie in den Betreuungsprozess auf der neuen Station einbezogen werden?

Angehörige stehen oft unter enormer Belastung durch die herausfordernde Pflege und durch die Sorge um ihre geliebten Menschen. Wir bieten offene Gespräche, psychologische Unterstützung und Seelsorge. Besuchszeiten sind flexibel und Angehörige können in manchen Fällen mit ihren Liebsten auf der Station bleiben.

Wer als Angehöriger oder Patient ein Palliativbett braucht, hat mehrere Anlaufstellen – vom direkten Kontakt zum Klinikum über Hausärzte bis hin zum palliativ-konsiliarischen Dienst. Worauf sollte man achten, wenn man sich in einer so schwierigen Situation auf die Suche nach Unterstützung begibt?

Der einfache Weg für Palliativbetreuung ganz allgemein läuft über das Mobile Palliativteam, das auch zu Hause unterstützen kann. Über Hausärztinnen und -ärzte oder andere behandelnde Ärztinnen und Ärzte kann ein Anfrage-Formular für die Palliativstation gestellt werden; wir melden uns dann bei Patientinnen sowie Patienten und Familien, um den Bedarf gemeinsam zu klären.

Noch-Landesrat Ludwig Schleritzko hat bei der Eröffnung betont, dass der Bedarf an Palliativversorgung in den kommenden Jahren noch zunehmen wird. Welche Perspektiven sehen Sie für die Weiterentwicklung der Palliativmedizin in Amstetten?

Menschen werden nicht nur älter, es werden auch schwere Erkrankungen immer länger „überlebt“. Es ist wichtig, die Palliative Care stärker in die Grundversorgung zu integrieren. Viele Hausärztinnen und -ärzte leisten bereits Großartiges; dennoch muss das palliative Denken in und außerhalb des Klinikums breiter verankert werden, damit Patientinnen und Patienten mit hoher Symptomlast in spezialisierten Abteilungen versorgt werden können und es muss die Palliativversorgung zukünftig sicher noch weiter ausgebaut werden.

Zum Schluss: Viele Menschen haben Hemmschwellen, wenn es um das Thema Palliativmedizin geht. Was möchten Sie den Menschen im Mostviertel mitgeben, um ihnen diese Scheu zu nehmen?

Zuerst muss betont werden: Palliativ bedeutet nicht automatisch Sterben. Wir sind da, wenn jemand eine unheilbare Krankheit hat – nicht nur bei Krebs – auch bei anderen fortgeschrittenen, lebensverkürzenden Erkrankungen. Wenn hier Sorgen oder belastende Symptome auftreten, kann man sich ans Mobile Palliativteam oder an seine Hausärztin beziehungsweise seinen Hausarzt wenden. Wir sind Meisterinnen der Symptomkontrolle sowie im Begleiten und Unterstützen in schwierigen Situationen. Camilla Zimmermann beschreibt es sehr schön in ihrer Regenschirmmetapher: Palliative Versorgung ist nicht der Regen, sondern der Regenschirm. Frühe Palliativversorgung verbessert die Lebensqualität.

Die Medizinerin Elisabeth Mock möchte auch dazu ermutigen, Tabus zu brechen und über das Sterben und den Tod zu sprechen. Sie hat dazu anlässlich eines Poetry Slams im Sommer 2025 einen Text geschrieben:
Vom Sterben und Leben
Der Weg ist das Ziel?  - der Tod ist das Ziel!
Das heißt Leben ist Sterben  - ganz egal ob ich will!
Wir wissen nicht wann und wir wissen nicht wie.
Auch wenn Glückskekse uns langes Leben versprechen, wir nicht rauchen und sporteln und viel Gemüse essen  (Das kannst du vergessen ; )
Wir können uns auch nicht verstecken!Er (oder sie?) wird uns entdecken!
Und manchmal ist da im Sterben etwas Schönes,  etwas Magisches- eine Erinnerung und Verbindung, die für immer bleibt,auch wenn es uns traurig macht und uns die Tränen in die Augen treibt.
Der Wechsel der Welten, wie bei der Geburt …… in diesem Sinne: auch jedem Ende wohnt ein Zauber inne!
Momente voll Genuss, gutes Essen und Wein - Augenblicke voll Freuden,schöne Geschichten, Zeit mit den liebsten Leuten,glücklich-sein, Liebe und Berührungen - mit Händen - oder mit Worten…
All das tut uns Menschen gut  - und macht uns Mut -im Leben und im Sterben!
Denn eins ist gewiss: auch Sterben ist Leben.
Es gehört eben dazu - und drum lasst uns drüber reden!
Über Lieblingslieder und Bucketlists, über Pflegeheim, Testament, Würde, Wünsche und Träume,
über Vorstellungen vom Tod, Begräbnis, Erdgrab, Urne, Seebestattung und Friedbäume.
„Über den Tod zu sprechen hat noch niemanden umgebracht!“ sagt auch Eva Masel.
In diesem Sinne, lasst uns drüber reden: Der Tod, der gehört zum Leben.
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