Sprachbarrieren, die mit Händen und Füßen locker überwunden wurden
ZISSERSDORF. Sommerzeit ist Ferienzeit: schwimmen gehen, Eis schlecken, in der Sonne faulenzen oder Urlaub machen - was für den Großteil der einheimischen Kinder eine Selbstverständlichkeit ist, hört sich für die Kinder aus der Tschernobyl-Region an wie ein Märchen. 31 Jahre nach der Nuklearkatastrophe kämpfen die Menschen dort weiterhin mit den Nachwirkungen. Die Aktion „Erholung für Kinder aus Belarus“ möchte den betroffenen Kindern eine Auszeit ermöglichen und organisiert Erholungsaufenthalte in Gastfamilien. Familie Bauer-Schöchtner aus Zissersdorf beteiligte sich an diesem Sozialprojekt und erzählt im Tips-Interview von ihren Erfahrungen und Erlebnissen.

Mehr als 75 Prozent aller Emissionen gingen nach der Katastrophe von Tschernobyl auf das Gebiet Weißrusslands (Belarus) nieder. Sehr viele Bewohner der Republik Belarus sind nach wie vor erhöhter Strahlung ausgesetzt. Ein Erholungsaufenthalt in unbelasteter Umgebung, bei gesunder Ernährung ist besonders für Kinder sehr wertvoll.
Tips: Wie kamen Sie als Familie auf die Idee, sich an der Ferienaktion zu beteiligen?
Jutta Bauer-Schöchtner: Wir sind und waren schon immer an kulturellem Austausch interessiert. Neben Au-pairs aus Zimbabwe, Irland, Spanien und Tschechien macht unsere Tochter Laura (15 Jahre) heuer im Sommer einen Familienaustausch. Im Gegenzug beherbergen wir ein Gastkind aus den USA. Außerdem wollten wir den benachteiligten Kindern aus der Tschernobyl-Region einen schönen Sommer in Österreich ermöglichen. Wir haben selbst vier Kinder und sind auf Kinder gut eingerichtet. Die Schwestern Daria und Anastasia (10 Jahre und 12 Jahre) aus Belarus waren zwei Sommer hintereinander bei uns, sie sind in etwa so alt wie unsere Töchter Lilly und Luisa.
Tips: Gab es sprachliche Barrieren und wie wurden diese gemeistert?
Jutta Bauer-Schöchtner: Ja, es gab große sprachliche Barrieren, weitergeholfen haben hier die Informationszettel von der Belarus-Kinder-Aktion: ein kleiner Sprachführer mit den wichtigsten Vokabeln und auch der Google-Translater war hilfreich. Es war aber eigentlich sehr lustig, alles mit Händen und Füßen zu erklären. Die Kinder hatten so gut wie keine Sprachschwierigkeiten, Wörter wie Trampolin, Spielplatz und Wii waren bald allen geläufig. Durch die kyrillische Schrift (wird in ost- und südslawischen Sprachen verwendet) ist es auch elektronisch schwierig in Kontakt zu bleiben. Die Mädels können zwar etwas Englisch aber die Aussprache war doch ganz anders und entsprechend schwer zu verstehen. Hilfreich war uns eine Freundin aus dem Ort die russisch spricht. Sie hat sich mit den Mädels unterhalten und übersetzt. Nicht nur meine eigenen, sondern auch die Kinder aus dem ganzen Dorf haben es genossen, die russischen Begriffe für bestimmte Dinge nachzusprechen: was manchmal leicht und manchmal nahezu unmöglich war. So haben wir bestimmte Wörter gelernt wie etwa „bassena“ für Schwimmbad und „maschina“ für Auto.
Tips: Wo sehen Sie als Mutter die Vorteile beziehungsweise auch Nachteile für die beteiligten Kinder?
Jutta Bauer-Schöchtner: Der kulturelle Austausch ist immens: wir alle haben so viele interessante Informationen vom Leben der weißrussischen Kinder erhalten. Die Mädchen hatten auch ein Fotoalbum mit um Einblicke in ihr Leben geben zu können. Es war so schön zu beobachten, dass Kinder weltweit ja doch die gleichen Interessen haben - das nimmt vielleicht die Angst vor fremden Menschen und Kulturen.
Tips: Gab es starke kulturelle Unterschiede?
Jutta Bauer-Schöchtner: Die Ernährungsgewohnheiten sind doch noch sehr unterschiedlich. Viele Lebensmittel, die bei uns sehr üblich sind, gelten dort nach wie vor als radioaktiv belastet und werden gemieden, wie etwa Milch. Aber Süßes oder Chips essen Kinder hier und dort.
Tips: Besteht nach wie vor Kontakt zu den ehemaligen Gastkindern und sind vielleicht sogar neuerliche Besuche geplant?
Jutta Bauer-Schöchtner: Via Transport durch die Belarus-Kinder-Aktion haben wir zu Geburtstagen sogar Pakete erhalten. Die Aktion organisiert auch regelmäßig Besuche in diese Region, wo man sich vor Ort über die Situation der Familien informieren kann. Bislang ist es sich bei uns zeitlich und organisatorisch leider noch nicht ausgegangen die Mädels zu besuchen. Wir schicken aber auch Karten und kleine Pakete an die Familie und sind an weiteren Austauschen interessiert. Heuer im Sommer ist unser Gästezimmer allerdings durch das Gastkind aus Amerika belegt.
Tips: Würden Sie persönlich diese Erfahrung anderen empfehlen? Was hat Ihre Familie daraus mitgenommen?
Jutta Bauer-Schöchtner: Für Familien mit Kindern ist es nicht sehr viel Mehraufwand. Trotz sprachlicher Unterschiede haben sich die Kinder gut verstanden und es hat viel Freude gemacht, die Gastkinder zu beobachten, wie sie die Möglichkeiten hier bei uns genießen.
Erfolgsgeschichte
Im Jahr 1994 startete Maria Hetzer das rein privat organisierte Projekt. Im Laufe der Jahre entwickelte es sich zu einem Projekt des Landes Niederösterreich und wird nun mit Unterstützung des Niederösterreichischen Landesjugendreferates durchgeführt. Pro Sommer kommen durchschnittlich 150 bis 250 Tschernobylkinder im Alter von acht bis vierzehn Jahren für jeweils drei Wochen zur Erholung in Gastfamilien.
Bisher hatten durch dieses Projekt mehr als 3500 Kinder die Möglichkeit, sich hier zu erholen; unzählige persönliche Kontakte zwischen Familien wurden begründet und bestehen auch weit über die Volljährigkeit der Kinder hinaus. Wichtig ist Organisatorin Maria Hetzer noch zu erwähnen, dass die Kinder erholungsbedürftig, aber nicht krank sind: „Zudem werden sie kranken- und unfallversichert sein. Wer nicht die Möglichkeit hat ein Kind bei sich aufzunehmen, könnte sich auch als Sponsor/Pate an den Kosten des Aufenthalts beteiligen. Wir sind für jegliche Unterstützung sehr dankbar.“
Termine & Infos
Termine
Sa, 24. Juni – So, 16. Juli
Sa, 15. Juli – So, 6. August
Sa, 5. August – So, 27. August
Drei Wochen in Österreich bedeuten Erholung für Körper und Seele der Kinder


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