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30 Jahre nach ihrem Weggang sucht Philosophin Judith Fischer nach Verschwundenem in Ebensee
EBENSEE. Judith Fischer lebte von ihrem zweiten bis zu ihrem 18. Lebensjahr in Ebensee, nach der Matura verließ sie ihren Heimatort, jetzt kehrt sie als Künstlerin und Mutter zweier Kinder zurück und unternimmt beim „Festival der Regionen“ aus einem Abstand von 30 Jahren (1985 bis 2015) eine visuelle und schriftliche Recherche nach dem Verschwundenen in Ebensee.

Ihre diesbezüglichen Ergebnisse präsentiert Fischer bei einem „poetischen, analogen Diavortrag samt Lesung von Kurztexten“ am Donnerstag, 25. Juni, ab 18 Uhr im Rathaussaal. „Tips“ sprach mit der Künstlerin. Tips: Wie haben Sie erfahren, dass das Festival der Regionen in Ebensee stattfindet?Fischer: Von Gottfried Hattinger, dem künstlerischen Leiter Festival der Regionen. Ich habe meinen ersten Literaturpreis mit 17 Jahren gewonnen und dann in verschiedenen Literaturzeitschriften publiziert. Unter anderem einst auch in jener von Gottfried. Ich kenne ihn also schon lange. Tips: Was ist die Motivation der Teilnahme?Fischer: Ich wollte da unbedingt dabei sein. Aber ich hatte Angst vor zu viel Autobiografischem. Ich bin eine theoretisch-konzeptuelle Künstlerin und schaue weniger zurück. Mich interessiert wie´s mir bei der Recherche selbst geht. Tips: Wie sind Sie das Projekt angegangen?Fischer: Ich war seit dem Winter sechs bis sieben Mal für jeweils zwei Tage in Ebensee und habe mich als Fußgängerin zu Sachen und Orten begeben, die für mich damals Bedeutung hatten. Mir ist aufgefallen, dass hier alle mit dem Auto oder mit dem Rad fahren. Die Strassen sind so menschenleer, manchmal wie ausgestorben. Überhaupt hat sich die Geräuschkulisse verändert – zu Fuß gehen in Ebensee, da bin ich mir fast vorgekommen wie ein Wandermönch. Tips: Welche Bilder und Erinnerungen verbinden Sie mit ihrer Kindheit in Ebensee?Fischer: Das Wasser der Traun, der Blick aus meinem Kinderzimmer auf den Schlot der Solvay-Fabrik, die kleine Materialseilbahn, die Geröll durch den Ort transportiert, die Geräusche der nahen Fabrik und des Waggonverschiebens am Bahnhof nebenan, den „Strähn“ (der Soleleitungsweg, Anm. d. Red.), den „Antenoasch“ (ehemaliges Gasthaus an der Ischler Straße), die KZ-Gedenkstätte mit den Einfamilienhäusern drauf. Tips: Was vermissen Sie an Verschwundenem?Fischer: Definitiv die Konditorei Reischauer mit dem Fenster, durch das im Sommer das Tüten-Eis auf die Straße verkauft wurde, mir jede Woche ein Exemplar der Zeitschrift „Mädchen“ aus der Trafik holen und die Werksbibliothek der Solvay. Tips: Was haben Sie vom Leben in Ebensee mitgenommen?Fischer: Dieser Einsatz für Gemeinschaft hat mich schon beeindruckt. Dass wir nicht alleine auf der Welt sind, dass wir zusammenleben als Gemeinschaft, nicht nur um Eigentum, Geld oder Status zu erwerben – also eine soziale oder sozialistische Grundhaltung. Ich könnte sagen: Das Leben in Ebensee hat mich direkt zur Philosophie gebracht und zum politischen Engagement und zur Literatur und Kunst – die Liebe zum kalten Wasser hab ich auch mitgenommen. Ich kann also eine positive poetische Bilanz ziehen. Das habe ich mir so vor dem Projekt eigentlich nicht erwartet. Tips: Was haben Sie gefühlt, wie Sie zum ersten Mal wieder in Ebensee auf Recherche gegangen sind? Sehnsucht, Trauer, Gleichgültigkeit?Fischer: Zunächst ein bisschen Trauer. Ich bin nicht sentimental, aber ich empfinde durchaus eine Art Dankbarkeit. Tips: Welches Bild haben Künstler oder Personen, mit denen Sie beruflich verkehren, von Ebensee?Fischer: Manche sagen: „Oh Gott“, „arg“, „ein wilder Ort“. Das kann ich auch ein bisschen nachvollziehen, weil gleich am ersten Tag meiner Recherche bin ich einer „Kreuzigung“ (alter Brauch, bei dem der Bräutigam wenige Tage vor seiner Hochzeit an einem Holzkreuz gefesselt durch den Ort gehen muss, Anm. d. Red.) begegnet. Dass das Außenstehende irritiert, ist verständlich. Tips: Um was geht´s im Leben?Fischer (überlegt kurz): Ums fröhlich sein – im Sinne von Frohsein mit Anderen zusammen.


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