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Michaela Kreilmeier: „Diese gelebte Hoffnung hat mich sehr beeindruckt“

Nora Heindl, 15.07.2015 07:00

ALKOVEN. „Diese Reise hat mich wachsen lassen und mir gezeigt mit wie wenig Besitz ein Mensch leben kann“ – Michaela Kreilmeier ist 35 Jahre und studiert Soziale Arbeit an der FH Linz. Mehrere Wochen hat die Alkovnerin das HIV-Hilfsprojekt des Vereins Daraja in Emali/Kenia begleitet. In Tips schildert sie ihre Eindrücke vom anderen Ende der Welt.
 

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Tips:Was steckt hinter Daraja?Kreilmeier: Daraja ist ein unabhängiger, gemeinnütziger und ehrenamtlicher Verein, der sich 2008 aus einer Studierendengruppe der Fachhochschule OÖ für Soziale Arbeit entwickelt hat. Dieser Verein sammelt Spenden in Österreich um Mt. Zion CBO in Emali, Kenia zu finanzieren. Daraja bedeutet Brücke auf Kisuaheli und eine solche war die Leitidee des Vereins: „Wir wollen eine Brücke der Entwicklungszusammenarbeit zwischen Österreich und Kenia schlagen“.

Mt. Zion CBO (Community based organization) ist der ortsansässige Partnerverein in Emali. Emali liegt 2 Stunden entfernt von Nairobi an der wichtigsten Hauptverkehrsroute Ostafrikas, der Mombasa-Road. In Emali und Umgebung wohnen in etwas 20.000 Menschen – ca. 7000 in der Stadt. Mt. Zion wird von Daniel Mwirigi (Sozialarbeiter) und Christopher Tuitoek (Krankenpfleger) geleitet. Außerdem arbeiten Veronika (Sozialarbeiterin), Jennifer (Communityworkerin) und Robert (Lehrer) in dieser Organisation. Es gibt eine projekteigene Klinik. Mt. Zion arbeitet mit Mikrokrediten und Arbeitstrainings, bietet medizinische Grundversorgung für die Gruppenmitglieder und deren Angehörige und versucht durch Prävention und Aufklärung in der Community eine Verhaltens- und Bewusstseinsveränderung bezüglich HIV/Aids zu kreieren.

Die HIV-Rate beträgt ca. 12 % in Kenia, in Emali schätzt man, dass sie doppelt so hoch ist, was auf die geographische Lage der Stadt zurückzuführen ist. Durch den regen Transitverkehr nutzen viele LKW-Fahrer Emali als Rastplatz und dadurch hat sich ein florierendes Prostitutionsgewerbe entwickelt, für welches die Region mittlerweile landesweit bekannt ist. Die teils aussichtslose wirtschaftliche und soziale Situation führen dazu, dass Sexarbeit für Frauen in Emali oft als einzige Erwerbstätigkeit in Frage kommt. Viele der betroffenen Frauen sind alleinerziehend und müssen mit ihrem meist spärlichen Einkommen eine mehrköpfige Familie ernähren. Dabei spielt jeder Cent eine Rolle und da „Sex ohne Kondom“ für die Betroffenen ein höheres Einkommen erzielt, wird vielfach ungeschützter Geschlechtsverkehr praktiziert. Hinzu kommen mangelnde Aufklärung und Aberglaube, die eine Verbreitung des HI-Virus begünstigen.

Tips:Was war Ihre Motivation an diesem Projekt mitzuarbeiten?

Kreilmeier: Meine Motivation für ein Informationspraktikum im Ausland war, dass ich grundsätzlich immer schon eine Liebe zu anderen Kulturen pflegte. Nach der Matura verbrachte ich ein Jahr auf Big Island, Hawaii, als Aupairmädchen. Seit meiner Rückkehr besuchte ich viele Länder und eine meiner ersten Reisen brachte mich bereits nach Kenia. Damals bereiste ich dieses Land klassisch als Touristin. Leider hatte ich nicht sehr viele Berührungspunkte mit der lokalen Bevölkerung, da man von Hotel zu Hotel und von Nationalpark zu Nationalpark gefahren wird. Aber ich war fasziniert vom Kontinent Afrika und dachte mir schon damals, dass ich nochmals nach Kenia reisen möchte.

Einige Vorstandsmitglieder von Daraja stellten ihr Projekt an der FH vor. Ich war sofort begeistert von der Idee, ein Teil dieses Projekts zu werden. Da ich erfahren habe, dass dieses Projekt sehr nachhaltig arbeitet, ein sehr charismatischer Sozialarbeiter das Projekt leitet und sehr systemische Arbeit geleistet wird, habe ich mich dafür entschlossen, nach Kenia zu reisen. Ich wollte ins richtige Leben der Bevölkerung eintauchen. Land und Leute kennenlernen und speziell einen Einblick erhalten, was es bedeutet Sozialarbeit im Kontext HIV zu leisten. Es ist etwas sehr Außergewöhnliches mit Menschen zu arbeiten die mit HIV infiziert sind und sie im tatsächlichen Lebens- und Wohnumfeld zu begleiten. Diese Erkrankung kann die Lebensqualität der Betroffenen sehr einschränken und gerade in Ländern wie Kenia kann innerhalb von kürzester Zeit eine Existenz ausgelöscht werden, wenn diese Menschen nicht Ihren täglichen Arbeiten nachgehen können. In den kenianischen Familiensystemen bedeutet das aber, dass eine gesamte Großfamilie vor dem Ruin steht und sich nicht mehr ernähren kann. Diese Begegnungen haben mich sehr beeindruckt und haben mich demütig dem Leben gegenüber gestimmt.

Tips:Was waren Ihre Aufgaben?

Kreilmeier: Mein täglicher Arbeitstag bestand darin, die Mitarbeiter von Mt. Zion in der aktiven Sozialarbeit zu begleiten. Meine Aufgaben waren somit sehr abwechslungsreich und ich konnte jeden Tag aufs Neue bei den Hilfsmaßnahmen mitwirken. Eine davon ist die Begleitung von Selbsthilfegruppen HIV-positiver Menschen, die sich wöchentlich oder 14-tägig treffen. Diese Gruppen bieten Unterstützung in psychischer, sozialer sowie wirtschaftlicher Hinsicht. Durch gezielte Arbeitstrainings wird ihnen eine lukrative Einkommensquelle zu erschließen ermöglicht. Jedes Mitglied kann um einen Mikrokredit ansuchen um ein Projekt zu realisieren. Projekte können einen Obst- oder Gemüsestand darstellen, die Errichtung von einem Hühnerstall, der Kauf von Setzlingen für verschiedene Gemüsearten und vieles mehr. Hierbei muss erwähnt werden, dass es nicht derartig viele Einkommensquellen in Emali gibt und man somit in jedem Business eine hohe Konkurrenz hat. Bei den Gruppenmitgliedern handelt es sich überwiegend um Frauen jeden Alters, es gibt jedoch auch eine reine Männergruppe sowie ein Projekt für Kinder. Besonders das Projekt mit den Kindern hat mich sehr berührt. Mit der Diagnose HIV hast du für kenianische Verhältnisse noch ein Stück mehr Nachteil im Leben geerbt. Die Zustände in den meisten Familien der Kinder sind oft sehr dramatisch und viele haben große Schwierigkeiten die Grundbedürfnisse zu decken. Doch habe ich Kinder kennengelernt, die Begleitung bekommen auf diesem schwierigen Weg des Erwachsenwerdens. Es wird mit ihnen an einem bewußtem Umgang mit der Krankheit gearbeitet und somit können viele gut mit dieser Diagnose leben. Dies gilt natürlich auch für die erwachsenen KlientInnen.

Tips:Gab es ein Erlebnis, das Ihnen in Erinnerung bleiben wird?

Kreilmeier: Mary ist 4 Jahre alt. Sie gehört zum Stamm der Massai. Sie lebt mit ihren Eltern und ihren fünf Geschwistern im Massailand. ca.45 min Autofahrt entfernt von Emali. Ich durfte sie auf der childrensparty, die monatlich stattfindet, kennenlernen. Meine drei Studienkolleginnen, die mich auf dieser Reise begleiteten und ich kauften viel Obst, Nüsse und natürlich Kekse für diesen besonderen Tag. Wir spielten mit ihnen Mensch ärgere dich, sangen, spielten Mühle und sie durften sich am Fotografieren üben. Man vergisst ihre täglichen Herausforderungen bei dieser fröhlichen und ausgelassenen Stimmung und die Kinder dürfen einfach nur Kindsein. Dieses Mädchen berührte mich sehr, da sie mitten in der Menge saß und vor Fieber glühte und teils wie in Trance da saß. Mary freute sich trotzdem sehr, dass sie dabei sein konnte. Es war etwas Besonderes mit diesen Kindern das Mittagessen einzunehmen und später ein Soda trinken zu gehen. Die Kinder aßen riesige Portionen und sparten sich teilweise das Brot auf, um es in die Hosen- oder Rocktasche verschwinden zu lassen um auch später etwas essen zu können. Gerade Mary ließ keinen rann an ihren Proviant. Es zeigte mir, wie hungrig sie oft sein musste. Ich erfuhr später Details über ihre Familie und es war für mich sehr schwer, die Kleine nach dem Tag loszulassen und wieder zurückzuschicken in die Perspektivenlosigkeit Ihrer Familie.

Tips:Welche Erfahrungen haben Sie in Kenia gemacht?

Kreilmeier: Diese Reise hat mich vor allem ein Stück weit wachsen lassen und hat mir gezeigt mit wie wenig Besitz ein Mensch leben kann. Der Alltag in Kenia ist geprägt von Armut und Bürden. Ernsthaftigkeit kam oft auf und ein Nachdenken hat sich eingestellt. Die Gefühlsskala habe ich bestimmt ausgeschöpft an manchen Tagen. Was mich sehr beeindruckt hat, war die Offenheit und die uns entgegenbrachte Gastfreundschaft der Einheimischen. Nächstenliebe und tiefer Glaube sind wahrscheinlich die Motivatoren dieser Menschen. Ich habe es auf jeden Fall so erlebt. Die Klienten versuchen aus jedem Tag das Beste zu machen trotz ihrer Erkrankung und versuchen mit Eifer sich auf eigene Beine zu stellen. Und diese Form von gelebter Hoffnung und einem Muss zugleich um zu überleben, hat mich besonders beeindruckt. Was ich nicht vergessen darf zu erwähnen ist, dass wir auch viel gelacht haben in der Zeit in Emali. Humor, laute Musik und Zeit für einen Chai zu haben machten Emali mit seinen BewohnerInnen so erlebenswert.

Die Gespräche mit Daniel, dem Sozialarbeiter haben mich immer wieder aufs Neue staunen lassen und ich konnte sehr viele Dinge für meine persönliche Entwicklung mitnehmen. Ich konnte viele meiner Sichtweisen für mich überprüfen und meine Werte im Leben bewusster betrachten.

Außerdem habe ich viele Freundschaften schließen können, die mich nach wie vor in meinem Leben hier in Österreich begleiten. Während meines Aufenthaltes habe ich meine Erlebnisse auf Video aufgezeichnet und bin gerade dabei eine kleine Dokumentation dieser Zeit mit einem Freund von mir zusammenzuschneiden und zu einem Film zu vollenden.

Tips:Gibt es Dinge die jetzt für Sie mehr Bedeutung haben als vorher?

Kreilmeier: Zufriedener sein mit dem was man hat. Viele Menschen in Österreich betreiben „Sudern auf hohem Niveau“ im Vergleich zu den Bewohnern von Emali. Durch die Arbeit mit den KlientInnen habe ich zumindest eine Idee bekommen, wie es sich tatsächlich anfühlen muss in so einer lebensfeindlichen Gegend zu leben. Der ausbleibende Regen durch die Klimaveränderung hat einen großen Einfluss darauf, ob die Menschen dort sich und ihre Familien ernähren können oder nicht. Ich wurde wieder daran erinnert wie kostbar unsere Ressourcen auf der Erde sind. Ich versuche bewusster mit ihnen umzugehen.

Tips:Würden Sie wieder eine solche Chance ergreifen?

Kreilmeier: Zwischen 4 und 5 Semester steht das nächste Praktikum an in meiner Ausbildung. Dieses Praktikum ist das Berufspraktikum und ich habe wieder vor es im Ausland zu absolvieren. Es ist von unschätzbarem Wert solche Erfahrungen machen zu können und darum möchte ich wieder das Privileg ergreifen, in einer Organisation mit zu arbeiten, die Menschen nachhaltig unterstützen auf dem Weg in ein besseres Leben.


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