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Enorme Nachteile im Wettbewerb für heimische Gemüsebauern

Gertrude Paltinger, BSc, 16.05.2024 10:21

EFERDING/OÖ. Bei den heimischen Gemüsebauern hat man mit 40 Gemüsesorten die Saison eröffnet - heuer aufgrund der Witterung vergleichsweise früh und in großen Mengen. Die Vertreter der heimischen Landwirtschaft beklagen aber enorme Wettbewerbsnachteile und vergleichsweise schlechtere Rahmenbedingungen als im Ausland. Dadurch gibt es heuer zum Beispiel keinen heimischen Bierradi.

Konsumenten steht schon eine breite Palette an heimischem Gemüse zur Verfügung. (Foto: Landwirtschaftskammer OÖ)
photo_library Konsumenten steht schon eine breite Palette an heimischem Gemüse zur Verfügung. (Foto: Landwirtschaftskammer OÖ)

40 Gemüsesorten haben die heimischen Gemüsebauern bereits zu bieten, 80 werden es bis zum Herbst werden. Eine Ernte von rund 70.000 Tonnen erwartet die Landwirtschaftskammer für das heurige Jahr. Heuer waren die Witterungsbedingungen bisher optimal, sodass das Gemüse historisch früh und in großen Mengen an den Lebensmittelhandel geliefert werden kann. Qualitativ hochwertige Radieschen, Salate, Kohlrabi, Spargel und vieles mehr steht schon zur Verfügung. Das heimische Gemüse liefern 179 oberösterreichische Betriebe mit einer Gesamtanbaufläche von rund 1.948 Hektar.

Landesrätin Michaela Langer-Weninger, Landwirtschaftskammer-Präsident Franz Waldenberger und Ewald Mayr, Obmann der Gemüse-, Erdäpfel- und Obstbauern in Oberösterreich machen aber auf enorme Wettbewerbsnachteile für die heimischen Bauern aufmerksam. Bei einem Besuch bei Efko in Hinzenbach, Österreichs größtem Sauergemüseproduzenten, wurde das verdeutlicht.

Höhere Lohnnebenkosten, weniger für den Arbeiter

Ein wichtiger Punkt sind die Lohnnebenkosten. Hier habe Österreich einen enormen Nachteil. In Österreich muss für Saisonarbeitskräfte ab dem ersten Tag ins Sozialsystem eingezahlt werden, was für den Arbeitgeber zu höheren Kosten führt. In Deutschland gibt es das „70-Tage-Modell“, das heißt für diese Zeit gibt es keine Sozial- und Lohnnebenkostenverpflichtung und kein Urlaubs- und Weihnachtsgeld.

Für die Arbeitgeber kostet die Arbeitsstunde in Oberösterreich 17,22 Euro. Und obwohl Deutschland einen Mindestlohn von 12,41 pro Stunde eingeführt hat, haben Saisonarbeiter in Österreich einen Auszahlungsnachteil von zirka vier Euro pro Stunde.

Deshalb lautet die klare Forderung der Vertreter der Landwirtschaftskammer und der Landesrätin die Lohnnebenkosten dringend zu senken.

Unterschiedliche Handhabung von Pflanzenschutzmitteln

Die unterschiedliche Möglichkeit Pflanzenschutzmittel zu nutzen ist ein weiterer Grund für einen Nachteil der heimischen Bauern gegenüber jenen aus dem benachbarten Bayern. So kann zum Beispiel das Unkrautbekämpfungsmittel Butisan seit einer EU-weiten Senkung des Rückstandshöchstgehaltes nicht mehr verwendet werden. In Deutschland ist das über eine einzelbetriebliche Genehmigung aber möglich. Hier haben Österreich und Deutschland eine andere Rechtsauffassung, wie die Landesrätin erklärt.

Für das Mittel steht den heimischen Bauern aber keine Alternative zur Verfügung. Das führt schließlich dazu, dass es heuer zum Beispiel keinen heimischen Bierrettich mehr gibt. „Die Anbauer von Rettich benötigen das Herbizid um mit wirtschaftlich vertretbarem Aufwand weiter Rettich auf wenigen Kleinstflächen anbauen zu können. Die Kultur hat eine relativ lange Standzeit mit hoher Gefahr der Verkrautung. Mechanische Unkrautbekämpfung ist in Rettich nur mit sehr hohem Aufwand durchführbar. Die Rückstandshöchstgehalte sind im Freiland trotz der Absenkung der Werte einhaltbar“, erklärt Ewald Mayr, warum es den heimischen Bauern nicht mehr möglich ist, Bierrettich anzubauen und verweist auf die unterschiedliche Auslegung der EU-Regelung.

Gefährdet sind aus diesem Grund in den nächsten Jahren auch die Salate und Kohlarten.

Gemüsekonsum in Oberösterreich

Die Zahl der Gemüseproduzenten ist in Oberösterreich seit dem Vorjahr zurückgegangen (von 184 2023 auf schätzungsweise 179 Betriebe 2024). Auch die Anbaufläche ist zurückgegangen und liegt 2024 bei 1.948 Hektar. Bei den etwa 80 zu erwartenden Gemüsesorten bis Herbst werden rund 70.000 Tonnen geerntet werden, was einem Produktionswert von 33 Millionen Euro entspricht. Der flächenmäßige Anteil von biologisch produziertem Gemüse nimmt zu und beträgt 29 Prozent.

Die Aufteilung von Frischgemüse zu Sauergemüse beträgt rund 80 zu 20 Prozent. Beim Versorgungsgrad mit heimischem Gemüse liege man bei 55 Prozent, heißt es.

Eiskalte Preispolitik

Die Rückgänge bei den Anbauflächen seit 2022 sind auf die schlechten Rahmen- und Geschäftsbedingungen zurückzuführen, wie Landwirtschaftskammer-Präsident Franz Waldenberger erklärt. „Längst stehen nicht mehr die Qualität und leider immer weniger die Herkunft im Vordergrund“, fügt er hinzu. „Das Gemüse würde sehr gerne übernommen, wird vom Lebensmittelhandel ständig beteuert, aber nur zu einem maximalen Preis“, weiß der Bauernvertreter und erklärt dass Aktionen und Preisschlachten die Produzenten aber zusehends in Gefahr bringen. „Es braucht hier einen Schulterschluss mit dem Handel und den Konsumenten, ansonsten ist die heimische Produktion in Gefahr.“

Efko-Chef fordert Chancengleichheit

Darauf verweist eindringlich auch Klaus Hraby, Geschäftsführer der efko Frischfrucht und Delikatessen GmbH: „Alle Stakeholder entlang der Wertschöpfungskette müssen angemessene Preise bekommen und die Konsumenten müssen auch bereit sein, für regional produzierte Lebensmittel zu bezahlen.“

Die Benachteiligung der Saisonarbeitskräfte am europäischen Arbeitsmarkt bekommt er besonders zu spüren. „Es geht um die Herstellung von Chancengleichheit, wir brauchen die selben Rahmenbedingungen wie die Mitbewerber, nicht mehr“, fordert er und verweist auch auf nicht vorhandenen Sozialstandards in vielen anderen Ländern.


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