Montag 15. Juli 2024
KW 29


Weitere Angebote

Sociale Medien

Kontakt

Kaplan Franz Sieder: „Gott will nicht, dass der Mensch sich gegenseitig abschlachtet“

Thomas Lettner, 09.05.2022 08:02

ST. VALENTIN. Anlässlich des 77. Jahrestags der Befreiung des ehemaligen Nebenlagers des KZ Mauthausens fand am Anna Strasser-Platz in Herzograd die alljährliche Kranzniederlegung statt.

Anna Strasser aus St. Valentin arbeitete im Nibelungenwerk als Finanzbuchhalterin und kam in Gestapo-Haft, weil sie Zwangsarbeitern half. Das Mahnmal am 2010 nach ihr benannten Platz wurde 1998 enthüllt und von einer Klasse der Hauptschule Langenhart unter Anleitung des Lehrers Gerhard Haslinger entworfen. (Foto: Thomas Lettner)
Anna Strasser aus St. Valentin arbeitete im Nibelungenwerk als Finanzbuchhalterin und kam in Gestapo-Haft, weil sie Zwangsarbeitern half. Das Mahnmal am 2010 nach ihr benannten Platz wurde 1998 enthüllt und von einer Klasse der Hauptschule Langenhart unter Anleitung des Lehrers Gerhard Haslinger entworfen. (Foto: Thomas Lettner)

Das KZ-Nebenlager in Herzograd wurde 1944 errichtet. Im Lager waren Häftlinge untergebracht, die im 1941 in Betrieb gegangenen Nibelungenwerk arbeiteten. Anna Strasser aus St. Valentin arbeitete in dem Panzer-Endmontage-Werk als Finanzbuchhalterin und kam in Gestapo-Haft, weil sie Zwangsarbeitern half. Das Mahnmal am 2010 nach ihr benannten Platz wurde 1998 enthüllt und von einer Klasse der Hauptschule Langenhart unter Anleitung des Lehrers Gerhard Haslinger entworfen. Die Gedenkfeier fand witterungsbedingt im Stadion des ASK St. Valentin statt und wurde von der Singgemeinschaft Freiheit musikalisch untermalt. „Diese Feier steht in einem besonderen Licht. Scheinbar haben wir mancherorts aus der Geschichte nichts gelernt. Es ist wichtig, dass wieder Toleranz und Respekt zählen. Ich wünsche mir, dass der Krieg in der Ukraine bald ein Ende findet. Bleiben wir wachsam“, sagte der Landtagsabgeordnete Anton Kasser (ÖVP), der in Vertretung von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner erschienen war.

Widerstandskämpfer sind keine Verräter

Bundespräsident a.D. Heinz Fischer, der 1938 im Burgenland auf die Welt kam, berichtete über seine Erinnerungen an die Zeit des Wiederaufbaus und über die ersten Gedenk-Veranstaltungen, die er als Schüler besucht hatte. In Deutschland war der Nationalismus nach dem Ersten Weltkrieg durch die Dolchstoß-Legende stark angefacht worden, so Fischer. In Österreich hatten die NSDAP und die Kommunisten hingegen nie ein Mandat. Trotzdem war der Nationalismus auch hierzulande stark genug, dass es zu einer Abschaffung des Parlaments und zur Ermordung des Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß durch illegale Nationalsozialisten kam. Die nationalistische Welle überspülte auch andere Länder wie Italien, Spanien, Ungarn und Polen. Man hatte also den Eindruck, der nationalistischen Politik gehöre die Zukunft. Ein Sturz Hitlers im Jahr 1938 sei illusorisch und viel zu riskant gewesen. Trotz der großen Gefahr hat es Widerstand gegen die Nazis gegeben. Fischer betonte, dass es wichtig ist, die damaligen Geschehnisse zu dokumentieren und es zu einer Bewusstseinsänderung gekommen sei, Widerstandskämpfer als mutige Menschen und nicht als „Deserteure“, „Wehrkraftzersetzer“ oder „Verräter“ zu sehen. Schülerinnen der Schulen der Marienschwestern Erla stellten anhand von Fotos und Texten bedeutende Widerstandskämpfer im Dritten Reich vor.

Vorphase zum Dritten Weltkrieg

Kaplan Franz Sieder ging auf die philosophische Frage ein, warum Gott dieses große Unrecht damals zugelassen hat. „Wir sollten uns nicht die Frage stellen, wo war Gott in Auschwitz, sondern wo war der Mensch in Auschwitz? Wir sind keine Marionetten Gottes, sondern er hat uns den freien Willen gegeben“, so Sieder. Gott wolle nicht, dass der Mensch sich gegenseitig abschlachtet noch, dass er Instrumente zum gegenseitigen Abschlachten produziert. Trotz der Kriege schreite die Humanisierung des Menschen voran. Immer mehr Menschen dieser Welt leben in Demokratien. Zwischen zwei Demokratien habe es noch nie einen Krieg gegeben. Russland, so Sieder, sei aber nicht wirklich eine Demokratie. Derzeit befinden wir uns in einer Vorphase zum 3. Weltkrieg. Die Schere zwischen Arm und Reich klaffe immer weiter auseinander, und immer mehr Menschen sterben auf den Schlachtfeldern des Kapitalismus. Der Krieg müsse als Mittel der Konfliktlösung abgeschafft und Strukturen geschaffen werden, damit alle Menschen in Gerechtigkeit leben können. Denn jeder Krieg könne durch einen Atomschlag das Ende dieser Welt bedeuten. „Das Osterfest zeigt uns, dass es eine ausgleichende Gerechtigkeit gibt und nicht die Hitlers und Stalins Sieger sein werden“, sagte Sieder, der zum Abschluss noch ein Gebet sprach. „Jedes Jahr, wenn ich hierher zurückkomme, stelle ich mir die Frage, ob ich selbst Widerstand geleistet hätte zu der damaligen Zeit“, sagte Bürgermeisterin Kerstin Suchan-Mayr (SPÖ) in ihrer Abschlussrede vor der Kranzniederlegung.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.

Jetzt anmelden

Antworten
Joachim D.
Joachim D.
09.05.2022 09:07

Es gibt keinen Gott!

Es gibt weder einen Gott noch einen Teufel! Es gibt nur eine Gottesvorstellung. Wobei die abrahamitische Gottesvorstellung der Religionen Judentum, Christentum und Islam von Hirtenvölkern aus dem Nahen Osten stammt und viele aggressive Aspekte hat. Joachim Datko - Physiker, Philosoph Regensburg