Blaumeise "Tipsi" im Interview mit Naturfilmer Erich Pröll
REGION ENNS. Es gibt ja viele Möglichkeiten die Natur zu genießen. Die einen gehen spazieren mit Familie und Kinderwagen, die anderen mit dem Hund, wieder andere joggen oder wandern, manche sind Jäger, Heger oder Fischer. Eine besondere Möglichkeit der Natur näher zu sein, ist das Fotografieren und Filmen, da man hier besonders den Blick für das Schöne schärfen kann, für die Blumen, Vögel, Tiere, Menschen, ja sogar die Insekten und ihre Lebensläufe beginnen einen zu faszinieren. Blaumeise „Tipsi“ interviewt dazu Oberösterreichs bekanntesten Naturfilmer Erich Pröll, natürlich aus der Vogelperspektive.

Tipsi: Lieber Erich Pröll. Sie sind ein international bekannter Naturfilmer. Welche Tiere waren ihre ersten Hauptdarsteller?
Erich Pröll: Vor fast 50 Jahren, als ich auf Super 8 Film begonnen habe, waren es die Tiere unter Wasser, die Kaulquappen, Fische und Frösche die mich fasziniert haben. Ich hatte dazu ein kleines Unterwasser-Gehäuse für meine S-8 Kamera. Ein Hauptdarsteller war auch eine zahme Dohle, die im Haus wohnte und sich wie ein Clown verhielt. Später waren es Gorillas, Krokodile, Walhaie oder Komodo-Warane...
Tipsi: Was fasziniert Sie so an der Natur?
Erich Pröll: Nun, wir sind ja ein Teil der Natur, auch wenn man dies oft nicht für möglich halten würde, wie die weltweiten Konflikte und das Morden und Abschlachten von Artgenossen es leider zeigen. In der Tierwelt würde dies in dieser Art niemals passieren. Faszinierend an der Natur ist so ziemlich alles. Ob es die ganz großen Tiere und Pflanzen sind, die winzigen, die bei genauer Betrachtung uns ins Staunen versetzen. Wenn man sieht, wie im kleinsten Kopf eines Insektes die Mechanismen viel besser funktionieren, als im besten Computer, dann gibt das schon zu denken, wie unvorstellbar weit sich die Natur entwickelt hat.
Tipsi: Kinder lieben ja alles was mit Natur zu tun hat. Wie haben Sie sich ihre kindliche Freude daran bewahrt, während andere Erwachsene keine oder fast keine Ahnung von der Natur mehr haben?
Erich Pröll: Je älter ich werde, um so erstaunter bin ich von der Natur und deren Abläufen. Vor kurzem bin ich 66 geworden und immer weniger will ich von der hektischen, gestressten Lebensweise wissen, die offenbar immer dreister die Menschen vereinnahmt. Immer mehr und intensiver will ich die Natur erleben, die Donauauen, die Wälder im Mühlviertel, den Böhmerwald und natürlich – die Tiere. Ich habe 18 Pferde, einen Hund, viele Fische in den Teichen und viele Nistkästen und Futterhäuschen für meine singenden gefiederten Freunde.
Tipsi: Wie haben Sie sich ihr Wissen über die Natur angeeignet?
Erich Pröll: Das Wissen über die Natur ist meist Selbsterfahrung, Beobachtung und dann hol ich mir die Fachbücher. Bei meinen Filmen bin ich ja sehr viel am Recherchieren und manches merke ich mir sogar.
Tipsi: An was liegt es, dass wenn wir Vögel in ein Visier einer Kamera geraten, dass wir meist gleich die Flucht ergreifen?
Erich Pröll: Ich glaube, dass das Objektiv für euch Vögel oder auch für andere Tiere, wie ein großes Auge wirkt, das euch fixiert. Große Augen sind eine Bedrohung, der Jäger ist nahe, daher besser die Flucht ergreifen. Ich sitze meist in einem Tarnzelt, beobachte aus einem Fenster heraus oder bin im Busch möglichst verborgen. Gar nicht so einfach, ein scheues Tier gut vor die Linse zu bekommen. Ein Foto geht meist ganz gut, aber ruhige, mindestens acht Sekunden lange Szenen zu drehen und das in verschiedenen Positionen, das erfordert viel Geduld.
Tipsi: Haben Sie ein paar Tipps und Tricks in ihrem Erfahrungsschatz, was man beachten muss, wenn man uns Vögel fotografieren und filmen will? Wie schafft man erste Erfolge bei uns scheuen und flinken Wesen, die wir uns gut im Blätterwald verstecken können?
Erich Pröll: Wie gesagt, viel Geduld und gute Tarnung. Beim Eisvogel etwa weiß man, dass er sich meist auf den selben Ast setzt. Tarnzelt aufbauen, einige Tage stehen lassen und dann viele Stunden ruhig drinnen kauern. So habe ich die prächtigen Vögel einen Meter vor der Linse gehabt. Es dauerte 6 Stunden, bis die ersten brauchbaren Aufnahmen entstanden.
Tipsi: Klingt anstrengender als tolle Fotos oder faszinierenden Aufnahmen oft vermuten und die Mühen dahinter vergessen lassen. Mit welchem Material würden Sie den Einstieg in das Hobby Naturfotografie, Naturfilmerei empfehlen?
Erich Pröll: Kameras gibt es unendlich viele und alle paar Monate kommen noch bessere, mit noch hunderttausenden Pixel mehr auf den Markt. Ich glaube nicht, dass es bei den Kameras gravierende Unterschiede ausmacht. Die Optiken sind entscheidend und eine gute Tele-Optik ist für Tier-Fotografen/Filmer ein Muss. Auch das Stativ. Keiner will verwackelte Szenen sehen und die Schwenks und Zooms über und durch die Landschaft sind gerade noch den blutigsten Anfängern gestattet und sollten möglichst unterbleiben. Einfach gute Universum-Beiträge ansehen, das sind die idealen Lehrbeispiele. Gerade die Filme von der BBC sind von höchster und bester Aufnahmetechnik.
Tipsi: Sie sind ja in der ganzen Welt unterwegs, haben Sie trotzdem auch einen heimischen Lieblingsvogel?
Erich Pröll: Vögel kommen in meinen Filmen fast immer vor. Zur Zeit sind es die Gagaros, die Sturmtaucher, die ich auf den Azoren laufend gefilmt habe. Im Nest beim Brüten, als Jungvogel und dann beim Ausfliegen auf den Atlantik. Diese Vögel sind die einzigen, die selbständig mit Flügel schlagend bis auf 15 Meter Tiefe tauchen können und Fische jagen. Die Seeschwalben habe ich auch das Jahr über gefilmt und bei uns ist es der Eisvogel, der mich fasziniert.
Tipsi: Ach ja, der Eisvogel, der taucht ja auch so gerne wie Sie ins Wasser ab. Über ihn berichtete ich auch im Dezember. Welche ihrer Projekte liegen Ihnen nächstes Jahr besonders am Herzen?
Erich Pröll: Als großes Projekt für kommendes Jahr ist mein Universum-Film über die „Azoren – Tanz um den Vulkan“ in Arbeit. Im November 2016 ist Sendung. Zwei Jahre wird gedreht, ober und unter Wasser. Auch im Herbst nächsten Jahres, im November, gibt es ein Sonntags-Österreichbild über „Unser liebes Federvieh – über Enten, Hühner und Gänse“ und deren Verwandten.
Tipsi: Sie beobachten ja tagaus, tagein sehr viel in der Natur. Wenn Sie drei Wünsche an die Menschen hätten, was sie an ihrem Verhalten zum Wohle der Natur verändern sollten, was sie positives bewirken könnten, welche Anliegen fallen Ihnen da spontan ein?
Erich Pröll: Es sollten möglichst viele „natürliche“ Flächen erhalten oder geschaffen werden. Siedlungen, Neubauten, Industrieanlagen etc. sollten in geballten Zonen angesiedelt werden und nicht die freie Naturlandschaft zerstört werden. Neue, auch kleine Wasserflächen, Tümpel und Teiche sollten errichtet werden und Bächen ihr natürlicher Lauf erlaubt werden, es sind Oasen für Tiere und Pflanzen. Österreich ist in den meisten Fällen ohnehin vorbildlich in Naturschutzfragen, doch es geht natürlich noch besser und es gibt immer was zu tun zum Wohle der Tiere und Pflanzen. International ist es um das Meer sehr schlecht bestellt. Laut Meeresbiologen ist es, wenn es so weiter geht wie jetzt, in 30 Jahren tot. Auf den Azoren traf ich einen ehemaligen Hochseefischer. Früher fischten sie pro Tag acht Tonnen Fisch aus dem Meer, heute kostet alleine der Diesel für das Boot mehr, als ein Fang bringen würde ... ein Wahnsinn ist auch das Shark-Finning, 200 Millionen Haien werden jährlich bei lebendigem Leibe die Flossen abgeschnitten, sie verenden anschließend elend im Meer, nur um Chinesen und Japanern die Potenz zu stärken. Das gehört sofort unterbunden.


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