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Pfarrleiter Harald Prinz: "Wenn man vor lauter Packerl die Krippe nicht mehr sieht, wird es traurig"

Thomas Lettner, 15.12.2021 08:00

ENNS. Weihnachten steht vor der Tür und damit wieder ein reicher Geschenkesegen, brennende Kerzen und fröhliche Gesichter. Doch was ist der eigentliche Sinn des Weihnachtsfestes? Tips befragte dazu Harald Prinz, den Leiter der Pfarren Enns-St. Laurenz und Kronstorf.

Die Weihnachtsnacht 2020 in der Basilika St. Laurenz in Enns (Foto: Huemer Christoph)
Die Weihnachtsnacht 2020 in der Basilika St. Laurenz in Enns (Foto: Huemer Christoph)

Tips: Das Weihnachtsfest hat seit dem 19. Jahrhundert eine zunehmende Kommerzialisierung erfahren. Obwohl immer mehr Menschen aus der Kirche aussteigen und es viele Atheisten gibt, ist Weihnachten nach wie vor ein großes Event. Ist das vom kirchlichen Standpunkt her positiv zu sehen?

Prinz: Unabhängig von der Frage möchte ich festhalten, dass nicht jeder, der aus der Kirche austritt, automatisch ein Atheist ist. Es gibt Menschen, die aus verschiedenen Gründen aus der katholischen Kirche ausgetreten, im Herzen aber trotzdem glaubend sind. Selbst wenn es Gründe für ihren Austritt gab, sind sie keine Atheisten im Sinne von „gottlos“, auch wenn sie von Staats wegen her „Menschen ohne religiöses Bekenntnis“ genannt werden. In unseren Breiten ist Weihnachten das Fest des Jahres schlechthin. Aus der christlichen Theologie heraus würde man eigentlich das Osterfest als das größte bezeichnen. Das Osterfest richtet den Blick auf die Auferstehung Jesu Christi und darauf, dass der Mensch zur Auferstehung bei Gott gerufen ist. Im Osterfest steckt eine wunderbare, hoffnungsgebende Perspektive. Damit es aber Ostern werden kann im Leben des Jesus von Nazareth, braucht es erst einmal Weihnachten. Weihnachten ist das Fest der Menschwerdung Gottes. Gott wird Mensch in diesem kleinen Putzerl Jesus im einfachen Stall von Bethlehem. Für mich ist das ein Zeichen für die große Solidarität Gottes mit dem Menschen. Ich betrachte es als das große Wunder von Weihnachten, dass sich Gott auf das Menschsein einlässt – in allen seinen schönen und schweren Dimensionen. Was das heißt, können wir im Leben Jesu ablesen bis hin zur dramatischen Situation auf Golgatha am Kreuz. Gott hat dieses Leben auf sich genommen und ist in seiner Göttlichkeit nicht draußen irgendwo im Universum als Zuschauer geblieben, sondern hat sich in dieses Leben begeben. Das ist das Geheimnis von Weihnachten religiös gesehen. Irgendwann – im 19. Jahrhundert ist nicht schlecht datiert – ist die kulturelle Entwicklung dazugekommen, diesen religiösen Gedanken mit einem besonderen Familienfest zu verbinden. Im 20. Jahrhundert hat diese Entwicklung eine zuspitzende Kommerzialisierung erfahren. Schade ist, wenn die Kommerzialisierung eine Dimension erreicht, die das eigentliche verdeckt, was wir feiern wollen. Wenn man vor lauter Packerl die Krippe nicht mehr sieht, wird es traurig.

Tips: Gibt es Überlegungen der Kirche oder von Ihrer Seite, wie man die Menschen wieder dazu bringen kann, den wahren Sinn des Weihnachtsfestes zu sehen und die Kommerzialisierung hintanzustellen?

Prinz: Ich glaube, dass Menschen eine Sehnsucht haben, den Dingen auf den Grund zu gehen. Die Wirtschaft hat natürlich auch ihre Interessen und redet uns ständig ein, wir bräuchten dieses und jenes und zu Weihnachten muss es Geschenke über Geschenke geben. Aus meiner Sicht sind niemals die Geschenke das Wichtige. Über ein Geschenk freue ich mich wegen des Menschen, der es mir schenkt, aber nicht wegen des Objekts. Das kann ich mir selber auch kaufen. Ein Geschenk wird aufgrund seiner Beziehungsdimension wertvoll, aber nicht aufgrund seines materiellen Werts.

Tips: Glauben Sie, dass die Eltern eine wichtige Rolle spielen? Viele Kinder verbinden Weihnachten automatisch mit Geschenken, aber nicht mit den religiösen Tatsachen, die dahinterstecken.

Prinz: Klar, aber man sollte die Faktoren nicht gegeneinander ausspielen. Ich glaube, es darf sein, dass man zu Weihnachten Geschenke bekommt, aber die Geschenke sollen nicht so im Vordergrund stehen, dass nichts anderes mehr Platz hat. Ich glaube, dass es guttut, sich den ursprünglichen Kern des Weihnachtsfests in Erinnerung zu rufen. Bei mir zuhause gibt es auch Geschenke am Weihnachtsabend. Wir singen Weihnachtslieder, wir lesen das Weihnachtsevangelium, wir beten den Engel des Herrn an, weil das in der Familie meiner Frau so üblich war und wir das sozusagen in meiner Familie übernommen haben. Eine kleine Besinnung vor dem brennenden Christbaum ist das Schönste am ganzen Weihnachtsabend. Die strahlenden Kinderaugen beim Anblick der Geschenke und der brennenden Kerzen zu sehen ist unglaublich schön. Man sieht, was Weihnachten den Kindern bedeuten kann. In unserem Kulturkreis gehören eben Packerl dazu. Aber wenn es nur mehr die Packerl sind, dann fehlt ein wesentlicher Teil der Weihnachtsfreude.

Tips: Jetzt zur Corona-Zeit ist alles ein wenig ruhiger, auch auf den Straßen. Fördert die Krise die Rückbesinnung auf die Advent- und Weihnachtszeit?

Prinz: Grundsätzlich merke ich in der Vorweihnachtszeit immer das Bedürfnis nach Stille und nach Besinnung. Wir bemerken das bei den Rorate-Gottesdiensten, die um sechs Uhr morgens stattfinden. Das ist auch nicht gerade die Lieblingszeit der Pfarrleute. Aber diese Rorate hat sich schon vor Corona zu einem adventlichen Fixpunkt für viele entwickelt. Bei der Besinnung und dem Kerzenschein kommt in der Seele etwas ins Schwingen. Das ist schön und tut gut. Vielleicht haben wir in den Phasen der Corona-Zeit mehr Zeit zum Nachdenken geschenkt bekommen. Die Corona-Zeit – so schlimm sie auch ist – hilft uns, Dinge zu erkennen. Auch in der Pfarre sind wir auf einige Dinge draufgekommen. Eine furchtbare Eigenschaft von Corona ist, dass das Zusammenkommen und die Gemeinschaft erschwert sind. In einer Familie oder Partnerschaft geht das noch, aber für Alleinstehende kann die Corona-Zeit wirklich eine große existenzielle Herausforderung sein. Man entdeckt auf einmal den Wert der Gemeinschaft. Lange Zeit war das selbstverständlich. Wenn ich auf die Krippe schaue, sehe ich auch Gemeinschaft. Das kleine Jesuskind wird in eine Beziehungsgeschichte hineingeboren. Da sind Maria und Josef, dann kommen noch die Hirten dazu und die Sterndeuter - die Heiligen drei Könige wie wir heute sagen. In der Krippe kommen auch die unterschiedlichsten Menschen zusammen. Die Hirten waren besitzlose, arme Leute. Denen gehörten nicht einmal die Schafe, die sie hirteten. Die Heiligen drei Könige stammten aus wohlhabenderen gesellschaftlichen Schichten. Wir bedauern heute zu Recht die Spaltung der Gesellschaft in verschiedenster Hinsicht. Sollte nicht der Anblick des Jesuskindes ein Antrieb sein, diese Spaltung zu überwinden und diese Kluft zu überbrücken?

Tips: Die biblische Weihnachtsgeschichte ist also auch ein Symbol für den Respekt und die Wertschätzung verschiedener Bevölkerungsschichten untereinander?

Prinz: Ja, für das freundliche, liebevolle Miteinander. Alle in der Krippe blicken auf das Christkind. Es lädt uns ein, Dissonanzen abzubauen und Gemeinschaft zu leben. Mir fällt dazu das Zitat ein „Mach“s wie Gott – werde Mensch“. Ich finde das einen wunderschönen Gedanken. Wir feiern zu Weihnachten, dass Gott Mensch wird. Man könnte daraus den Appell ziehen, auch selbst mehr Mensch zu werden. Wenn das Menschwerden eines Gottes würdig ist, um wie viel mehr muss es nicht mir selbst Ansporn dafür sein, wirklich Mensch zu sein und mich menschlich zu verhalten?

Tips: Das beinhaltet auch, dass in jedem Menschen etwas Göttliches steckt und man sich selber auch mehr wertschätzen sollte?

Prinz: Ja klar. Ein großer Theologe hat einmal gesagt „Indem jeder Mensch Geschöpf Gottes ist, trägt auch jeder den Keim der göttlichen Liebe in sich“. Weihnachten ist die Zeit, in der wir besonders aufgefordert sind, dem Raum zu geben im eigenen Leben. Können tut das jeder, aber das Leben steckt voller Ablenkungen wie der Kommerzialisierung des Weihnachtsfests. Beziehung und Liebe – darum geht es zu Weihnachten, und das kann ich unter anderem auch über Geschenke ausdrücken, aber als Ausdruck der Beziehung. Ähnlich ist es bei einer Hochzeit, wo die Brautleute einander Ringe schenken. Der materielle Wert des Rings ist tertiär, es geht um die Beziehung, die dahintersteckt.

Tips: Warum hat sich der liebe Gott gerade zu diesem Zeitpunkt vor 2.000 Jahren in einem Stall in Bethlehem dazu entschieden, Mensch zu werden, und nicht zu einem anderen Zeitpunkt an einem anderen Ort?

Prinz: Das jüdische Volk ist das Volk, dem Gott seine Liebe zugesagt hat. Im Alten Bund gibt es schon immer die Prophezeiung, dass ein Kind geboren wird, das die Erlösung bringen wird. Viel spannender ist die Frage, ob ich heute im 21. Jahrhundert meinen Beitrag leisten könnte, ob Gott nicht durch mich auch in die Welt kommen kann? Das ist der Appell von Weihnachten: Mach“s wie Gott – werde Mensch“. Gott kommt nicht als waffenstrotzender Feldherr oder als reicher Herrscher, und seine Wiege stand nicht in einem Palast, sondern Gott hat sich das Kleine erwählt. Darin steckt die große sozialrevolutionäre Dimension des Weihnachtsfests. Das kann für uns heißen, das Kleine wertzuschätzen. Das geschieht einerseits durch die Wertschätzung der Kinder, die im Mittelpunkt bei den Eltern und den Großeltern stehen, aber auch bei dem, was von der Gesellschaft als gering erachtet wird. Was wir da feiern, muss eine Bedeutung für unser Leben haben. Josef und Maria waren unterwegs und bekamen keine Herberge. Menschen, die auf der Suche nach einem Quartier oder nach Sicherheit sind, sind also auch ein Thema der Weihnachtsgeschichte. Ich kann nicht das Weihnachtsevangelium vorlesen und unter dem glänzenden Christbaum stehen und gleichzeitig ausblenden, was gerade an der EU-Außengrenze passiert.


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