Kriegsende in Pregarten: Wie ein Buch den Mantel des Schweigens lüften soll
PREGARTEN. Was ist passiert in den letzten Monaten des zweiten Weltkriegs in Pregarten? In der Zeit, die höchstens noch in den Köpfen der verbliebenen Zeitzeugen und in verstaubten Gemeindearchiven präsent ist? Gemeinsam mit dem Lokalhistoriker Erwin Zeinhofer ist Josef Schartmüller diesen dramatischen Monaten auf den Grund gegangen. Ein Brunnen spielt darin eine der Hauptrollen.

„Mitte der 1980-er Jahre, damals habe ich als Rechtsanwalt in Pregarten begonnen, war ich bei vielen Stammtischen und habe honorige, betagte Bürger kennengelernt. Was mir damals schon aufgefallen ist: Über lokale Kriegsereignisse ist nie geredet worden, offenbar wollte man keine alten Geschichten aufrühren“, erinnert sich Josef Schartmüller. Das Interesse speziell an diesem lokalhistorischen Thema und das Schweigen darüber hat den 64-Jährigen über Jahre nicht losgeslassen. Nach seinem Buch über Wirtshausgeschichten im Jahr 2017 erscheint im November nun „Der Brunnen“.
Reales und Vermutetes
Das Buch ist zweigeteilt, in einem historisch belegten Teil mit Fakten, die Erwin Zeinhofer beigesteuert hat, und in eine romanhafte Geschichte über die fiktive Anna aus Kaltenbrunn (Studanky), die zu Kriegsende dem real existenten Landdienstlager Kriechmayrdorf zugeteilt worden war. In 20 Kapiteln arbeitet Schartmüller lokalgeschichtliche Ereignisse romanartig auf.
Prekäre Seiten aus dem Gedenkbuch entfernt
„Bei den historisch belegbaren Fakten war die Schwierigkeit, dass im Gedenkbuch der Marktgemeinde Pregarten die Seiten mit den Eintragungen von 1934 bis 1945 zu Kriegsende entfernt worden sind“, berichtet Schartmüller. Historisch belegt ist jedenfalls die Person des Ferdinand Fröhlich, Jahrgang 1901. Der vor dem Anschluss illegale SS-Mann machte nach Hitlers Machtergreifung als Nationalsozialist Karriere und wurde 1942 zum Bürgermeister der Großgemeinde Pregarten. „Es war bald klar, das war ein mächtiger Mann, den man fürchten musste“, sagt Josef Schartmüller.
Hunderte verschwanden
In Fröhlichs Bürgermeisterzeit verschwanden immer wieder Menschen, allein 1945 wurden unter Fröhlich hundert Todesurteile ausgesprochen und von seiner „Privatarmee“ auf dem Turnplatz, wo heute das Ämtergebäude steht, vollstreckt. Unverständlich war es es daher für Schartmüller, dass Fröhlich 1947 trotz schwerwiegender Beweise gegen ihn vor dem Volksgericht Linz freigesprochen wurde. Er lebte unbehelligt bis zum Jahr 1968.
Chaos zu Kriegsende
In seinem Buch schildert der Jurist die Geschehnisse im völligen Chaos der letzten Kriegstage, als der unliebsame Rauchfangkehrermeister Hanausek verschwand. „Der hatte stets ein loses Mundwerk gehabt und war mehrfach in Haft gewesen, Fröhlich hat wohl gefürchtet, dass er bei den herannahenden Russen gegen ihn aussagen würde.“ Hanauseks Leichnam wurde nie gefunden, über sein Schicksal breitete sich Schweigen.
Geht Pregarten über Leichen?
Und hier kommt der ehemalige Molkereibrunnen im Stadtteil Mitterfeld ins Spiel: „Der 18 Meter tiefe Brunnen wurde damals gesperrt, weil angeblich ein totes Pferd darin entsorgt worden war, und später zugeschüttet“, weiß Schartmüller aus historischen Quellen. An seinem Standort geht die Erde noch heute immer wieder sichtbar nach. Was es mit dem Brunnen wirklich auf sich hat, was sich am Ende darin befindet, das stellt der Autor zur Diskussion. „Der größte Erfolg wäre für mich nicht, 1000 Bücher zu verkaufen, sondern einen Diskurs darüber auszulösen, was mit dem Brunnen geschehen soll.“


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