Ärztin im Interview zum Lockdown „Nutzen einer Maßnahme muss den potenziellen Schaden überwiegen“
BEZIRK FREISTADT. Eine Allgemeinmedizinerin (Name der Redaktion bekannt, Anm.) aus dem Bezirk Freistadt ist nicht mit allen Maßnahmen, die der Bevölkerung im momentanen Lockdown von der Bundesregierung auferlegt wurden, einverstanden. Sie meint: „Man muss situationsgerecht und mit Hausverstand handeln.“

Tips:Sie sagen, in Ihrer täglichen Arbeit als Allgemeinmedizinerin sind Sie auch mit negativen Effekten eines Lockdowns konfrontiert. Was meinen Sie damit genau?
Ärztin: Damit meine ich soziale, psychische und menschliche Aspekte: Aus meiner täglichen Arbeit in der ärztlichen Praxis werden diese immer offensichtlicher. Es geht mir nicht darum, alle propagierten Maßnahmen zu verunglimpfen oder gewisse positive Effekte bei gezieltem Einsatz zu negieren. Jedoch, manche Maßnahmen sind unverständlich und meiner Meinung auch in hohem Maße unethisch. Ich habe von einem Patienten gehört, dass er nicht bei der Geburt seiner ersten Tochter dabeisein konnte – wegen Corona; und von einer anderen Situation, in der der Mutter eines sterbenden Frühchens die Verlegung ins entsprechende Krankenhaus verwehrt wurde, weil „Corona-Betten“ reserviert waren, und es deshalb für die Mutter keinen Platz gab. So etwas darf in unserem Land nicht passieren!
Tips:Was kann, Ihrer Meinung nach, die Maßnahmen betreffend, geändert oder angepasst werden?
Ärztin: Ich hinterfrage das Ausschütten von Maßnahmen über alle Altersgruppen hinweg. Nicht pharmazeutische Maßnahmen, also zum Beispiel Masken, Abstand, Geschäftsschließungen, Besuchsverbote im Krankenhaus oder Pflegeheim, sollten gezielt dort eingesetzt werden, wo man Risikopersonen schützen möchte, und der individuellen Situation in ihrem Ausmaß angepasst werden. Wir hatten im März 2020 eine sehr unsichere Situation, was das Wissen über die Gefährlichkeit von Covid-19 angeht. Eine Sterblichkeit von 30 Prozent stand im Raum, was sich zum Glück nicht bewahrheitet hat. Damals habe ich die strengen Maßnahmen eingesehen. Jetzt weiß man mehr über das Virus und hat auch in der Behandlung dazugelernt. Es ist daher nicht nachvollziehbar, warum Besuche in Altenheimen unter den entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen mit negativem Antigen-Schnelltest, FFP2 Maske und Registrierung nicht regelmäßig ermöglicht werden können. Derzeit ist nur ein Besucher pro Bewohner pro Woche erlaubt, und auch das häufig zeitlich begrenzt. Auch für Patienten im Krankenhaus gilt derzeit ein Besucher pro Patient pro Woche, sofern man länger als eine Woche stationär aufgenommen ist. Das ist eine unzumutbare Belastung für kranke Personen, die vielleicht noch an Demenz- oder psychischen Erkrankungen leiden. Es ist nicht verwunderlich, dass sich Patienten vor Krankenhausaufnahmen fürchten, weil ihnen die Aussicht, keine Besuche zu bekommen und alleine zu sein, Angst macht.
Tips:Was wäre Ihr Vorschlag?
Ärztin: Im Gesundheits- und Pflegebereich bedarf es besonderer Achtsamkeit und auch besonderer Regeln. Aber auch hier muss es möglich sein, situationsgerecht zu handeln und gewisse Situationen mit Hausverstand zu bewerten. Der Nutzen einer Maßnahme muss den potenziellen Schaden überwiegen.
Tips:Vernachlässigen Menschen ihre Gesundheit, weil sie sich aus Angst vor einer Ansteckung mit Covid-19 nicht zum Arzt gehen oder ins Krankenhaus trauen?
Ärztin: Schon jetzt zeichnet sich ab, dass sich viele Menschen während der Lockdowns einfach nicht getraut haben, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen und auch nicht mehr zu Vorsorgeuntersuchungen gegangen sind. Die Gefahren hieraus und aus der nicht oder zu spät erfolgten Behandlung zum Beispiel von Schlaganfällen, Herzinfarkten und Krebs sind wohl noch gar nicht beziffert.
Tips:Sie finden, medial wird den Menschen unverhältnismäßig viel Angst vor Corona gemacht?
Ärztin: Ich vermisse vor allem die positive Kommunikation: Was kann ich tun um gesund zu bleiben und das Immunsystem zu stärken? Gehen Sie an die frische Luft, bewegen Sie sich viel, ernähren Sie sich gesund, gehen Sie zu Ihrer Vorsorgeuntersuchung, halten sie Kontakt mit Freunden und Verwandten – telefonieren Sie miteinander, reden Sie im Freien über den Gartenzaun miteinander, schreiben Sie Briefe, helfen Sie einander, treffen Sie einander im Rahmen des Erlaubten. Der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen – er braucht soziale Kontakte, um gesund zu bleiben.
Tips:Ihr Ausblick ins Pandemiejahr 2021?
Ärztin: Es sieht so aus, dass uns dieses Virus noch länger begleiten wird. Wahrscheinlich mit einer saisonalen Komponente. Also hoffe ich, dass wir die Zeit über den Sommer nutzen, um sinnvolle Verhaltensregeln und Maßnahmen für die kommende Saison zu schaffen, um mit möglichst wenig Einschränkung der persönlichen Freiheit in die nächste „Virussaison“ starten zu können.


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