Wenn Raissa Borschtsch kocht
FREISTADT. Auf den Feldbetten schlafen dick eingemummte Frauen, Kinder toben mit Bällen umher, eine Frau führt ihren Hund herum, hier krabbelt ein Baby, dort kauern verängstige Katzen in kleinen Transportboxen. Die Handyverbindungen in die Ukraine glühen. Lokalaugenschein im Notquartier für ukrainische Kriegsflüchtlinge.

Ein bisschen Normalität ist es, was die Menschen hier in der Bezirkssporthalle nach ihrer Flucht aus der Ukraine finden. Ruhe, Wärme, frische Kleidung, eine Dusche, regelmäßiges Essen. „Faszinierend, wie sich hier eine eigene kleine Welt, ein Mikrokosmos entwickelt“, sagt Bezirksrettungskommandant Gerald Roth vom Roten Kreuz Freistadt. Rund um die Uhr stehen Rot Kreuz-Mitarbeiter und zahlreiche ehrenamtliche Dolmetscher hier im Einsatz. Die Vermittlung der Geflüchteten in private Unterkünfte muss erst richtig anlaufen, nur wenige konnten bisher von ihren neuen Quartiergebern abgeholt werden.
Abendessen mit ukrainischer Hilfe gekocht
An diesem Abend ist es ruhig. Zum Abendessen hat die Feldküche unter der Leitung von Charles Pickering Borschtsch serviert, gekocht mit Hilfe von Raissa. „Ich koche zu Hause für 600 Menschen, bei uns kann jeder Borschtsch kochen“, erzählt die Mittfünfzigerin mit Hilfe einer Dolmetscherin. Zu Hause, das ist Charkov, die zweitgrößte Stadt der Ukraine, im Nordosten nahe an der russischen Grenze. Weggehen wollte niemand, aber am zwölften Kriegstag stand die Entscheidung für die Flucht fest. „Mein Sohn ist in Charkov geblieben“, fügt Raissa leise hinzu.
Volles Spendenlager
Im Spendenlager sortiert Birgit Friedinger vom Roten Kreuz Tragwein Hygienewaren, Berge von Kleidung, unzählige Windelpackungen, Spielzeug, Schuhe, Hunde- und Katzenfutter. „Eigentlich hätten wir hier gar keine Spenden angenommen, aber die Bevölkerung ist derart hilfsbereit, dass wir jetzt ein volles Lager haben und leider die Leute schon abweisen mussten“, sagt die Helferin. Tatkräftige Unterstützung hat sie von Mastona bekommen, einem 13-jährigen Mädchen mit schwarzem Kopftuch. Mit ihrer Schwester Madina (16) und ihren Eltern hat sie ihre Heimat verlassen, nachdem Bomben auf eine Schule fielen. „Ich vermisse meine Katze, meine Schwester ihre Tanzstunden“, übersetzt Katja, eine Ukrainerin, die in Wien lebt und gekommen ist, um zu übersetzen. Als Dolmetscherin, man erkennt sie an der blauen Einsatzweste, ist auch Marina Fenzl aus Freistadt im Einsatz. „Ich bin seit 13 Jahren in Österreich und spreche Ukrainisch und Russisch“, erzählt sie.
Unverzichtbare Dolmetscher
Die Dolmetscher, die rund um die Uhr ihr eigenes Dienstrad haben, sind hier unverzichtbar. Deutsch oder Englisch sind wenig hilfreich. Viele der vorübergehend Gestrandeten haben aber ohnehin keinen Bedarf, sich zu unterhalten. Auf einem Feldbett kauert eine junge Frau, per Videotelefonat ist sie mit einem Mann in Soldatenkleidung verbunden. Tränen laufen der Ukrainerin über die Wangen. „Es ist so traurig“, sagt Lesya, die in der Nähe steht. Sie selbst, so übersetzt es Yuri Pritula aus Wartberg/Aist, stammt wie er aus der Gegend von Lemberg in der Westukraine. „Es war klar, dass uns Putin nicht in Ruhe lässt, aber dass er die ganze Ukraine angreift, hätten wir nicht gedacht“, sagt er. „Ich bin mit meiner Tochter und meiner Enkelin geflüchtet, mein Mann und mein Schwiegersohn sind noch dort“, übersetzt er Lesya weiter. Zwei Tage lang steckten sie an der Grenze zu Polen fest, dann ging es über Warschau nach Wien und weiter nach Freistadt. „Dass wir bald zurückkehren können, diese Hoffnung habe ich nicht.“


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