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„Falscher Ort, falsche Zeit": Christian Wehrschütz über Krieg, Drohnenangriffe und Entscheidungen unter Lebensgefahr

Mag. Claudia Greindl, 09.03.2026 17:09

RAINBACH. Mehr als ein Vierteljahrhundert berichtet ORF-Balkan-Experte Christian Wehrschütz bereits von den europäischen Kriegs- und Krisengebieten. Trotz aller Dramatik, der er tagtäglich begegnet, hat er seinen Humor nicht verloren. Im Pferdeeisenbahnhof in Kerschbaum erzählte der Steirer, der seit 2015 das ORF-Büro in Kiew (Ukraine) leitet, von seinem herausfordernden Alltag. 

  1 / 7   Christian Wehrschütz nahm die Einladung zur Pferdeeisenbahn in Kerschbaum gerne an. "Hier, an diesem Zeugnis des Strukturwandels, war ich noch nie." (Foto: Pferdeeisenbahn)

Als Lesung aus seinem neuen Buch „Frontlinien: 25 Jahre zwischen Krise, Krieg und Hoffnung„ war der Abend mit Christian Wehrschütz angekündigt worden. Dem Publikum etwas vorzulesen ist jedoch die Sache des langjährigen ORF-Balkan-Korrespondenten nicht. Er spannte in freier Rede, so wie man ihn von seinen ZIB-Liveeinstiegen kennt, einen Bogen vom aktuellen Iran-Krieg bis zu seiner oft gefährlichen Arbeit als Korrespondent in der Ukraine. Die Zuhörer im übervollen Saal des Pferdeeisenbahnmuseums hingen Wehrschütz eine Stunde lang gebannt an den Lippen.

Wie Krieg heute funktioniert

„Jedes Mobiltelefon kann lebensgefährlich sein, es ist auch in ausgeschaltetem Zustand ein Peilsender“, versuchte der Journalist eine Erklärung, wie es den USA und Israel gelungen sei, den obersten iranischen Führer Ajatollah Ali Khamenei bereits in den ersten Kriegstagen auszuschalten. „Das war ein Paradebeispiel für die Arbeit der CIA: abhören, aufklären, vernichten.“ Der Krieg im Nahen Osten sei im größeren geopolitischen Zusammenhang ein Ringen um die Vorherrschaft im gesamten indopazifischen Raum. „Schließlich bezieht China ein Drittel seines Erdölbedarfs aus dem Iran.“ 

Iran-Krieg für Russland ein „Gottesgeschenk“

Für Russland, so Wehrschütz weiter, sei der Iran-Krieg ein Gottesgeschenk. „Niemand schaut mehr auf die Ukraine, und Putin kann sich rechtfertigen: Was die USA dürfen (nämlich ein Land anzugreifen, Anm. d. Red.), dürfe Russland auch. Warum die 19 Sanktionspakete der EU gegen Russland bisher relativ wenig Wirkung gezeigt hätten, liege an den Ausnahmen aufgrund wirtschaftlicher Interessen Europas. „Russland kann immer noch Krieg führen, weil etwa Frankreich Uran für seine Atomkraftwerke braucht.“

Live-Einstieg mitten im Wasser

Mucksmäuschenstill war es im Saal, als Wehrschütz über brenzlige Situationen seiner Berichterstattertätigkeit berichtete. „Als Journalist muss man oft rasch weitreichende Entscheidungen treffen.“ Nach der Zerstörung des Kachovka-Staudamms etwa lud ihn ein Hausbesitzer in sein überflutetes Haus ein. „Es hätte natürlich sein können, dass wir im Schlamm auf eine Mine treten - aber nachdem der Ukrainer meinte, er sei schon zehnmal zu seinem Haus gegangen, habe ich es riskiert.“ Den - fast vergessenen - Live-Einstieg für den ORF wickelte er dann im Wasser stehend mit Helm auf dem Kopf ab.

Falscher Ort, falsche Zeit: Knapp überlebt

In seiner Wohnung in Kiew, die dem Team auch als Hauptquartier diene, müsse häufig entschieden werden, ob man in den Luftschutzkeller laufe oder lieber einen Bericht drehe. In der Ukraine zu arbeiten heißt für Christian Wehrschütz, Hunderttausende  Kilometer im Auto unterwegs zu sein und sich möglicherweise zur falschen Zeit am falschen Ort aufzuhalten. So geschehen im November 2025, als er und sein Team mit knapper Not in der Region Donezk in der Ostukraine einem Drohnenangriff entgingen. Das Fahrzeug wurde dabei schwer in Mitleidenschaft gezogen.

Kerzerl und Wodka

„Danach bin ich in eine orthodoxe und eine katholische Kirche gegangen und habe zehn Kerzerl angezündet“, erinnert er sich, und auch an das eine oder andere Stamperl Wodka am Abend. Angst sei ein schlechter Ratgeber in heiklen Situationen. „Ich versuche, möglichst rational und kaltblütig zu reagieren.“

Mobile Rekrutierungskommandos

Die Angst der Ukrainer sei aber oft deutlich spürbar. „Der Mann unserer Sekretärin ist Drohnenpilot, da bekommen wir natürlich schon extreme Ängste mit.“ Seinen Fahrer und Producer konnte Wehrschütz mit Hilfe des ORF und mit viel Mühe vor dem Einsatz an der Front bewahren. Vielen jungen Ukrainern bleibt dieser aber nicht erspart. „Es kann einem passieren, dass man von mobilen Rekrutierungskommandos von der Straße weg in die Armee geholt wird.“

Wenn die Ukraine die „Krot“ schluckt...

Die Frage aus dem Publikum, wie der Ukraine-Krieg beendet werden könne, konnte Wehrschütz nicht hinreichend beantworten. „Gebietsverluste wird die Ukraine völkerrechtlich nicht anerkennen, das wäre politischer Selbstmord. Die entscheidende Frage ist: Was kriegt die Ukraine vom Westen, wenn sie die Krot schluckt? Sicherheitsgarantien, ja, aber...“ 

Nicht zum Zyniker geworden

Trotz aller belastenden Erfahrungen, meint der Journalist, sei er durch seine Arbeit nicht zum Zyniker geworden. „Es gab auch viele schöne Erlebnisse, etwa dass ich einen Beitrag zur Rettung eines der letzten Restaurantbären in Slowenien leisten konnte, der verbringt seinen Lebensabend jetzt im Bärenwald Arbesbach.“ Besonders berührte ihn der Anruf einer Frau, die Wehrschütz als „letzte Rettung“ anrief. „Sie und ihr Mann hatten den Kontakt zu ihrer legalen ukrainischen Leihmutter verloren.“ Der Österreicher schaffte es, den Kontakt wieder herzustellen, die Eltern konnten das Baby schließlich abholen. 

Zu den schönen Erlebnissen gehört es für Wehrschütz natürlich auch, Zeit mit seiner zehnjährigen Enkelin zu verbringen. Dafür wird er ab nächstem Jahr endlich mehr Zeit haben, tritt er doch nach bewegtem Berufsleben mit Ende 2026 seinen Ruhestand an. 

„Frontlinien - 25 Jahre zwischen Krise, Krieg und Hoffnung“ ist des Titel des jüngsten Buches von Christian Wehrschütz. Darin schildert der Autor und Journalist die Genesis des Ukraine-Krieges ebenso wie er erklärt, warum es wichtig ist, den Balkan zu stabilisieren. Und schließlich flossen auch die journalistischen Erfahrungen des ORF-Korrespondenten bei seiner tagtäglichen Arbeit in Kriegs- und Krisengebieten mit ein. 

 240 Seiten, erschienen in der edition a, ISBN: 978-3990018781


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