„Auch Wasserstoff-Pkw sind eigentlich Elektro-Fahrzeuge“

Daniela Toth Daniela Toth, Tips Redaktion, 17.09.2019 07:33 Uhr

BEZIRK GMUNDEN Tips Gmunden holt gemeinsam mit der Klima- und Energiemodellregion (KEM) Traunstein in loser Serie Lokales aus den Bereichen Energie und Nachhaltigkeit auf die Bühne. Anlässlich der aktuellen Mobilitätswoche hat Tips mit dem Vorchdorfer KEM-Projekt­koordinator und Nachhaltigkeitsexperten Christian Hummelbrunner über das Thema Elektromobilität gesprochen.

Tips: Warum ist der Mobilitätsbereich in der aktuellen Klimadebatte so wichtig?

Hummelbrunner: In der Diskussion über den Klimawandel spielt der Verkehr eine große Rolle. Er ist derzeit für ca. 1/3 der CO2 Emissionen verantwortlich. Die seit dem Jahr 1990 um rund 66% angewachsenen Emissionen des Verkehrssektors zeigen deutlich, dass Klimaschutz nur dann erfolgreich sein wird, wenn es auch im Mobilitätsbereich gelingt, die Dekarbonisierung umzusetzen.

Tips: Elektro-PKW oder Wasserstoff?

Hummelbrunner: Diese Frage wird bei Diskussionen oder auch am Biertisch manchmal sehr heftig geführt und dabei dominieren oft die Extrempositionen. Dabei ist diese Frage im Grunde nicht einmal korrekt!

Auch Wasserstoff-PKW sind Elektro-Fahrzeuge. Als Antrieb dienen in beiden Fällen ein oder mehrere Elektromotoren. Der Unterschied ist lediglich die Art und Weise wie der Strom gespeichert wird.

Im ersten Fall ist es eine Batterie mit (derzeit) Lithium Ionen Zellen im zweiten Fall ist der Energiespeicher ein Wasserstoff-Tank. Hier wird der Wasserstoff mithilfe einer Brennstoffzelle wieder in Strom umgewandelt.

Ein wesentlicher Unterschied  ist der Wirkungsgrad. Bei einer Batterie kann ca. 85 Prozent des eingespeicherten Stroms wieder entnommen werden. Bei Wasserstoff ist dieser Wirkungsgrad viel niedriger und liegt bei ca. 40 Prozent.

Aus Strom wird über ein Elekrolyseverfahren zuerst Wasserstoff erzeugt der dann komprimiert und gespeichert wird. Dieser Wasserstoff wird über eine Brennstoffzelle wieder in Strom umgewandelt. In beiden Fällen entstehen Wärmeverluste.

Tips: Ebenfalls ein großes Diskussionsthema ist die Reichweite

Hummelbrunner: In Gesprächen höre ich oft das Argument, dass E-Mobilität deshalb nicht funktioniert, weil die Reichweite der Fahrzeuge viel zu gering ist. Aktuelle E-Fahrzeuge erreichen eine Reichweite von über 300 Kilometern. Berücksichtigt man zusätzlich noch, dass die durchschnittliche gefahrene PKW-Strecke pro Tag bei 34 Kilometer liegt und 94 Prozent aller Autofahrten in Österreich kürzer als 50 Kilometer sind, dann ist diese Reichweite für den Normalfall mehr als ausreichend.

Etwas Ironie: Im Schnitt helfe ich alle 3 bis 4 Jahre bei einer Übersiedelung mit. Trotzdem käme ich nicht auf die Idee mir für diesen Fall einen 7,5 t LKW zu kaufen.

Tips: Wie lange dauert das Nachladen?

Hummelbrunner: Aktuelle E-Fahrzeuge haben eine Batteriekapazität von 40 bis 50 kWh. Eine komplett leere Batterie braucht an einer Schnellladestation mit einer Ladeleistung von 50 kW ca. 1h zum Laden.

In Entwicklung sind Ladestationen mit bis zu 350 kW. Die Ladedauer sinkt damit in den Bereich von 10 Minuten.

Bei einer typischen Ladestation mit 11 kW so wie man sie bei vielen Gemeinden findet, dauert es ca. 4 Stunden. Zuhause in der Garage mit 2,3 bzw. 3,7 kW dauert es ca. 20 bzw 12 Stunden. Beachten Sie bitte, dass das Fahrzeug selten ganz leer gefahren wird und das Fahrzeug über Nacht ohnehin zum Nachladen an die Steckdose kommt.

Tips: Haben wir genug Strom für die E-Mobilität?

Hummelbrunner: Hier muss ganz klar zwischen Leistung (kW) und Energie (kWh) unterschieden werden. Wenn alle um 17 Uhr nach Hause kommen und ihr Fahrzeug schnellladen möchten würde das Netz zusammenbrechen. So muss aber nicht geladen werden. In den allermeisten Fällen reicht es, wenn das Fahrzeug am nächsten Morgen wieder ausreichend geladen ist. Genauso wäre es möglich das E-Fahrzeug auch tagsüber, etwa am Arbeitsplatz, ans Stromnetz anzuschließen. Im Schnitt wird ein PKW pro Tag 1h gebraucht und steht 23h am Parkplatz.

Die Ladung kann also zu Zeiten erfolgen, wo Stromüberschüsse, durch PV oder Wind,  im Netz vorhanden sind. So gesehen, kann E-Mobilität  helfen die Netze zu stabilisieren und die volatilen Erneuerbaren Energien besser ins Stromnetz zu integrieren. Diesbezügliche Feldversuche wurden bereits gestartet.

Tips: Wie sieht es mit E-Mobilität unter dem Aspekt von Ökologie und CO2 Neutralität aus?

Hummelbrunner: E-Fahrzeuge sind im Betrieb CO2-neutral, sofern die Energie aus erneuerbaren Quellen kommt. Für die Herstellung des Fahrzeuges und auch der Batterie ist ebenfalls Energie nötig und es werden hierbei CO2 Emissionen erzeugt. Über die Lebensdauer gerechnet ist ein E-Fahrzeug um ein Mehrfaches „besser“ als ein Diesel oder Benzin betriebenes Fahrzeug. Vergleiche hierfür den Artikel in der Zeitschrift „auto touring“ vom September 2019.

Tips: Wie lange hält die Batterie?

Hummelbrunner: Ein Lithium Ionen Akku im Fahrzeug kann rund 1.500 bis 2.000 mal vollständig geladen und entladen werden. Bei einer Reichweite von 300 Kilometern pro Akkuladung sind das 450.000 bis 600.000 Kilometer.

Die Batterie kann nach der Nutzung im Elektroauto weitere nachhaltige Funktionen als Speicher erfüllen. Sie kann weiterverwendet werden („Second Life“), etwa als stationärer Zwischenspeicher in einem Gebäude, um Strom aus erneuerbaren Energien zu puffern. Ein Großteil der Rohstoffe lässt sich letztlich wiedergewinnen. Hohe Recyclingraten von Lithium-Ionen-Batterien sind technisch möglich,

Tips: Eine persönliche Frage: Glauben Sie an den Siegeszug der E-Fahrzeuge?

Hummelbrunner: Seitens der Klima- und Energie-Modellregion sind wir davon überzeugt! Strom ist eine der Energieformen die wir in Österreich selbst erzeugen können. Mit Benzin und Diesel bleiben wir von Importen, auch aus Krisengebieten, abhängig. Die direkte Nutzung des selbst erzeugten Stroms, auch für Mobilitätszwecke, ist wegen des hohen Wirkungsgrades zu bevorzugen. Nicht zuletzt sei zu erwähnen, dass wir uns am Anfang eines Technologiewechsels befinden. Ein Elektromotor ist einem Verbrennungsmotor in jeder Beziehung überlegen. Die Frage der Reichweite ist eine ausschließliche Frage der Batterie oder der Kombination aus Wasserstofftank und Brennstoffzelle. Bei den Batterien ist die Entwicklung inzwischen weit genug fortgeschritten um sinnvolle Reichweiten zu erhalten. Ein E-Fahrzeug besteht aus viel weniger Teilen als ein PKW mit Verbrennungsmotor, braucht weniger Wartung und ist billiger herzustellen sobald es in große Stückzahlen geht.

Tips: Konkret gefragt: Rettet das Elektroauto das Klima?

Hummelbrunner: Wie schon erwähnt ist der Verkehr für ca. 1/3 der Emissionen verantwortlich, Tendenz steigend. Daher muss auch die Mobilität ihren Beitrag zu Klimaschutz und Energiewende leisten. Der Umstieg auf E-Fahrzeuge ist dafür ein notwendiger, richtiger und auch wichtiger Schritt. Voraussetzung dafür ist aber, dass der Strom aus Erneuerbaren Quellen kommt. Der Einsatz von Kohlestrom bzw. Wasserstoff aus Erdgas wäre kontraproduktiv.

Die österreichische Klima- und Energie Strategie #mission 2030 setzt das Ziel bis 2030 den Strom in Österreich ausschließlich aus erneuerbaren Quellen zu erzeugen. Atomstrom ist hierbei ganz klar ausgeschlossen.

Es darf bei allen Diskussionen auch nicht übersehen werden, dass ein 1:1 Umstieg von fossilen Fahrzeugen auf Elektrofahrzeuge nichts an den Staus und den verstopften Straßen ändert. Es braucht auch ein Umdenken der Gesellschaft,  neue Mobilitätskonzepte und einen Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel.

Beispielsweise ist in Österreich ein PKW im Schnitt mit 1,3 Personen besetzt. Fahrgemeinschaften können das steigern. 

Im Rahmen der Europäischen Mobilitätswoche gibt es in vielen Gemeinden Aktionen, so findet in Ebensee am Samstag, 21. September, vormittags am Wochenmarktgelände (Salinenplatz) ein „Radlerfrühstück“ für alle umweltfreundlichen Besucher statt. Zudem gibt es die Möglichkeit, eine kostenlose Testfahrt mit dem neuen Elektroauto der Marktgemeinde, einem Kia Soul, zu absolvieren. In Vorchdorf gibt es eine Förderaktion für Fahrradanhänger und das Lastenrad „vor.radl“ zum Ausborgen. Weitere Veranstaltungen auf: www.mobilitaetswoche.at

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