Sozialmarkt: Die Lebensmittel mit der zweiten Chance
GROSS GERUNGS. Es ist Donnerstag halb zwei Uhr nachmittags. Eine Zeit, wo sich einige aus der Umgebung auf zum Einkauf machen, unter anderem auch Uschi Leuchtenmüller. Ziel ist nicht etwa ein örtlicher Supermarkt, sondern der mobile SOMA Waldviertel, der rollende Sozialmarkt, welcher zweimal wöchentlich in Groß Gerungs Halt macht.

„Ja den Aufstrich und den Hummus esse ich so gern, aber das ist mir im Supermarkt viel zu teuer“, entgegnet Uschi. Die 62-Jährige ist regelmäßig hier, auf der Rückseite des Stadtamtes in Groß Gerungs, anzutreffen. Für eine große Einkaufstasche voll mit Brezel, Baguette, verschiedenen Käsesorten, Gemüse, Tiefkühlprodukten, Joghurts und Feuchttüchern zahlt sie schließlich 10,10 Euro. Und das kommt damit mindestens um ein Drittel billiger als im Supermarkt, schätzt sie. Frau Leuchtenmüller hat einen Einkaufspass – das ist die Voraussetzung, um den Einkauf hier im SOMA Waldviertel mobil zu tätigen. Dieser wird – auf Anfrage sowie auf Vorlegen gewisser Nachweise – dann ausgestellt, wenn man eine gewisse Einkommensgrenze nicht überschreitet. „Bei einem Einpersonenhaushalt liegt die Nettomarke bei 900 Euro, bei einem Zweipersonenhaushalt bei 1350 Euro, einmal jährlich werden die Angaben auf ihre Richtigkeit kontrolliert“, erläutert Claudia Zwingl, Pressesprecherin von SAM NÖ, dem Betreiber der insgesamt neun Sozialmärkte in NÖ.
Vor der Mülltonne bewahrt
Denn das Konzept der SOMA ist denkbar einfach, „Verteilen statt Vernichten“. Wertvolle und noch voll genießbare Nahrungsmittel werden vor der Mülltonne bewahrt und Menschen mit geringem Budget günstig zur Verfügung gestellt. „Es sind alles hochwertige und verzehrfähige Lebensmittel, die aus den verschiedensten Gründen nicht mehr in den regulären Handel gelangen und bei uns eine zweite Chance bekommen“, so Marion Pichler, Leiterin des Regionalmanagements, im Tips-Gespräch. Es sind Waren, die vor dem Verfallsdatum stehen, aus Überproduktion kommen oder saisonal bedingte Lebensmittel wie jüngst die Schokoosterhasen. Marion deutet auf einen Sack voll Blumenerde, der an der Naht ein wenig aufgerissen ist und nicht mehr verkauft werden kann. Ihren Zweck erfüllt sie aber dennoch voll und ganz. Die Regionalmanagerin hat heute schon einen langen Tag hinter sich, Groß Gerungs ist nun die letzte von insgesamt drei Stationen, nach Gföhl und Zwettl. Um 7.30 Uhr wird der mobile Sozialwagen tagtäglich neu eingeräumt, die Waren selbst werden stets am Vortag vom Abholer gebracht, durchsortiert, sowie stichprobenartig kontrolliert. Zwei Modelle der fahrbaren Sozialmärkte kurven täglich durch das Waldviertel, nach einem fixen Fahrplan.
Mehr Haltestellen
Fünf Haltestellen gibt es mittlerweile im Bezirk, neben Zwettl, Allentsteig und Groß Gerungs nun auch in den Gemeinden Schweiggers und Pölla. „Der Zustrom an Leuten wird definitiv mehr, was wir vor allem merken, ist der eklatante Anstieg an Pensionisten“, erläutert Marion Pichler. „Besonders erschreckend ist die Tatsache, dass viele trotz geregelter Arbeit nicht mehr über die Runden kommen.“ Und auch Claudia Zwingl bestätigt, dass die Tendenz hin zur Armut – auch regional gesehen – eine steigende ist und meint weiters: „Die Hemmschwelle hierherzukommen, wird geringer, oftmals kommt man ganz plötzlich in eine solche Notsituation und man sieht sich gezwungen, günstige Nahrungsmittel zu beziehen.“ Natürlich sei das am Land noch ein wenig schwieriger – wo jeder jeden kennt. Die Anzahl der ausgestellten Einkaufspässe in den letzten Jahren spricht aber für sich, alleine im neuen Jahr 2016 wurden waldviertelweit 144 Pässe neu angefordert beziehungsweise erneuert. 106.000 Kilogramm konnten 2015 im Zuge des rollenden Sozialmarktes im Waldviertel einer sinnvollen Verwendung zugeführt werden. „Der Bedarf an weiteren Lebensmittel wäre definitiv gegeben, denn der Wegfall von Zielpunkt tat uns spürbar weh“, meint Marion Pichler.
Mitarbeit jederzeit willkommen
Auch fleißige, gewillte Hände sowie ehrenamtliche Mitarbeiter werden immer wieder gesucht. So wie Gerhard, der heute in Groß Gerungs den Verkaufsstand betreut. Er fand im Zuge des SOMA-Beschäftigungsprojekts hier einen vorübergehenden Arbeitsplatz. Mit spürbarer Begeisterung und Engagement bedient er die Kunden, „eine Tütensuppe kostet 30 Cent, drei Semmel zehn Cent, eine Bodymilk nur 50 Cent“, erklärt er im Gespräch. Und als besonderes Zuckerl hat er heute Donnerstag sogar den ein oder anderen Strauß rote Rosen im Gepäck.
Infos unter: 0676/88044660, der aktuelle Fahrplan: www.somanoe.at


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