Protestkundgebung: Waldviertel, nicht Windviertel
BEZIRK HORN. Mit einer Protestaktion der Bürgerinitiative (BI) „Lebenswertes Sigmundsherberg“ gegen den geplanten Bau von Windrädern in den Wäldern des nördlichen Waldviertels wollen Aktivisten weiterhin auf ihr Anliegen aufmerksam machen. An die 200 Bürger nahmen an dem friedlichen Protestmarsch teil.

Zweck der Kundgebung war es, auf die Widerstände in der Bevölkerung gegen die Zerstörung der Wälder hinzuweisen und neue Mängel der naturschutzfachlichen Gutachten der Betreiber in den Vordergrund zu stellen.
Alfred Schmudermayer, Sprecher der BI „Windparkfrei“ betonte, dass es jetzt an der Zeit wäre, die Reduktion der Treibhausgase voranzutreiben und Maßnahmen zur Energie-Effizienz anstelle stetig steigender Energieproduktion zu setzen. So wie die Natur ihre Vielfalt benötige um Krisen besser abzufangen, so würde auch eine Vielfalt an dezentral gebauter Erneuerbarer Energieversorgung dem Bürger in Zukunft Sicherheit bieten.
Zitat, Alfred Schmudermayer: „Angesichts der Tatsache, dass das Land Niederösterreich seit heuer 100 Prozent seines Strombedarfs aus erneuerbaren Energiequellen abdeckt, besteht keine Notwendigkeit die ökologisch wertvollen Wälder des Waldviertels für weitere Windkraftwerke zu opfern.“
Franz Radaschütz von der BI „Lebenswertes Sigmundsherberg“ meint dazu: „Das Waldviertel hat durch die Zerstörung der Wälder viel zu verlieren: nämlich sich selbst, die einzigartige, naturnahe Landschaft.“
Der Biologe Wolfgang Lechthaler, der sich seit zwei Jahren intensiv mit der naturschutzfachlichen Problematik befasst, führt an: „Bei mehreren Projektstandorten handelt es sich um ausgedehnte Feuchtwälder, die eine artenreiche Vogel- und Fledermausfauna beherbergen. Im Oberen Pulkautal etwa leben und brüten mehr Vogelarten als im Vogelschutzgebiet Allentsteig. Inmitten des geplanten Windparks befinden sich Schwarzstorchhorste, in denen 2015 eine Brut erfolgte. Dass die Landesregierung keine Bedenken gegen derartige – mit dem Artenschutz unvereinbare Projekte hegt – ist völlig unverständlich“.
Prominente Unterstützung vor Ort erhielten die Demonstranten durch Prälat Joachim Angerer, den ehemaligen Abt des Stiftes Geras, sowie durch den Musiker Roland Neuwirth. Einmal mehr bekundete der Prälat seine Liebe zum Waldviertel und unterstrich die Bedeutung dieser mystischen Natur- und Kulturlandschaft für ganz Niederösterreich: „Opfert nicht voreilig, zugunsten von unqualifizierten Subventionen unsere Landschaft, den letzten Schatz, der uns Benachteiligten seit Generationen geblieben ist, unsere Landschaft, die das Waldviertel für alle Zukunft ausmacht.“
Grußbotschaften und Manifeste von Promis
Höhepunkt der Veranstaltung war zweifellos die Verlesung der Grußbotschaften und Manifeste gegen die Kraftwerksprojekte von Kunst- und Kulturschaffenden aus dem Waldviertel. Robert Menasse beschäftigt die Deckung von 100 Prozent des niederösterreichischen Strombedarfs aus erneuerbaren Energien: „Das genügt nicht? Es muss Wachstum geben, ewiges Wachstum? Das haben wir Waldviertler von unseren Wäldern gelernt: kein Baum ist so blöd, dass er ewig wächst...“
Schauspielerin Erni Mangold, Bluespumpmchef Zappa und der Begründer des Schrammelklangfestivals in Litschau, Zeno Stanek, schickten aus Anlass der Kundgebung Grußbotschaften.
Darin schilderten sie aus ihrer ganz persönlichen Sicht, warum sie das Waldviertel als Lebensmittelpunkt gewählt haben. Sie alle sehen die große Gefahr, die der Windkraftanlagenbau für das Landschaftsbild bedeutet. Extremschrammler Roland Neuwirth, der die Statements auch vortrug, pflichtete seinen Kollegen bei.
Zitat, Roland Neuwirth: „Ich bin in ganz Österreich unterwegs. Bei uns herrscht eine, in Europa beispiellose, Vielfalt an Bauwut – es gibt nur noch einen einzigen Flecken, der das Prädikat Landschaft verdient und das ist das Waldviertel.“
Heftige Kritik seitens der Teilnehmer ging vor allem auch in Richtung St. Pölten: „Als zuständiger Politiker hat Landesrat Pernkopf (ÖVP) die großflächige Zerstörung der Wälder zu verantworten.“
Der Geist von Hainburg
Pressesprecherin der BI, Fotografin Barbara Krobath: „Trotz des feuchtkalten Wetters – oder vielleicht gerade deshalb: die Demonstration gegen die Bedrohung des Waldviertels durch die Energie-Wirtschaft, das Engagement von Bürgern und Prominenten aus Kirche, Kultur und Wissenschaft zur Rettung von Schwarzstorch, Luchs und Co – das alles erinnerte ein wenig an die kalten Dezembertage vor mehr als 30 Jahren, und irgendwie schwebte der Geist von Hainburg über dieser Veranstaltung.“
Mittlerweile unterstützen schon über 30 Kulturschaffende die Waldviertler Bürgerinitiative und haben auch bereits eine Petition unterzeichnet, die Ende des Sommers an den Landeshauptmann übergeben wurde.
Auszug aus dem Text von Robert Menasse
„Wer das Waldviertel liebt, liebt es nicht wegen seiner Windverhältnisse und Windbedingungen. Das Waldviertel ist nicht berühmt und besungen als Paradies für Segler, Windsurfer, Segelflieger und Paraglider, das Waldviertel ist nicht das Zentrum der Windhosen-Schneider und es ist auch nicht der Sehnsuchtsort der Kinder aus aller Welt, die gerne Drachen steigen lassen.
Wer das Waldviertel liebt, liebt es nicht deswegen, weil es ihn wegen seiner vielen Windmühlen an Holland erinnert. Wenn hier einer bläst, dann der Glasbläser.
Wer das Waldviertel liebt, wandert nicht mit genießerischem Blick durch die Landschaft und denkt verzückt: So ideale Bedingungen für Windräder! Wer das Waldviertel liebt, phantasiert nicht: Welch beglückendes Windparkszenario wäre hier möglich!
Wer glücklich im Waldviertel lebt, ist nicht deswegen glücklich, weil hier die naheliegende, geradezu sich aufdrängende Möglichkeit besteht, Wind zur Existenz- und Geschäftsgrundlage zu machen! Windige Gestalten sind hier nicht beliebt, und wer viel Wind macht, fällt unangenehm auf.
Deshalb heißt es Waldviertel und nicht Windviertel. Und wer hier Wald abholzen will, um Windräder aufzustellen, kann nur diesen Wind bekommen: Gegenwind.“


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