Wenn das Zuhause nicht mehr sicher ist: Anstieg häuslicher Gewalt in der Corona-Krise
BEZIRK KIRCHDORF. Ausgangsbeschränkungen, Heimunterricht der Kinder, Angst vor Krankheit oder Kündigung, beengte Wohnverhältnisse und existenzielle Sorgen: Die Corona-Pandemie sorgt für eine psychische Belastung – damit nehmen auch die Konflikte in den Familien zu und die häusliche Gewalt steigt.

Wenn die Luft in den eigenen vier Wänden dick wird und die Nerven blank liegen, können Auseinandersetzungen schnell eskalieren. Manchen Familien gelingt es nicht mehr ihre Konflikte gewaltfrei zu lösen. „In diesen Situationen brauchen Familien Hilfen, die nicht bewerten sondern unterstützen,“ betont Wigwam-Geschäftsführerin Sonja Farkas. Das Kinderschutzzentrum Wigwam in Kirchdorf bietet kostenlos Elternberatung und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie an, wenn diese von körperlicher, psychischer, sexueller Gewalt und Vernachlässigung bedroht oder betroffen sind. „Auch Kinder, die Gewalt zwischen den Eltern beobachten, leiden sehr und benötigen dringend Unterstützung“, appelliert Farkas.
Gewalttätige Eskalationen
Dass die Gewalt überhaupt eine Rolle bei der Regelung der zwischenmenschlichen Konflikte eine Rolle spielt, sei eine gesellschaftliche Katastrophe, meint Martina Jawna, psychosoziale Beraterin der Frauen- und Mädchenberatungsstelle Berta in Kirchdorf. Die Gründe seien vielfältig. „Oft sind es komplexe und belastende Abhängigkeiten, die unüberwindbar sind. Eine Befreiung daraus scheint oft aussichtslos zu sein. In einer Atmosphäre, die als eine permanente Spannung, als eine Mischung aus Angst, Wut, Not und Hilflosigkeit erlebt wird, kommt es immer wieder zu den gewalttätigen Eskalationen“, erklärt Martina Jawna und betont: „In Beziehungen, in denen Gewalt als Mittel zur Konfliktbewältigung gebraucht wird, lauert jetzt eine besondere Gefahr. Gegenseitige Achtsamkeit, Interesse und Verständnis füreinander, Respekt, Toleranz, Liebe und Freundlichkeit, die die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen ausmachen, kommen in Stress- und Krisensituationen schnell zu kurz und die Gewalt beherrscht die Lage. Eine Wiedergutmachung gelingt nicht mehr, die Grenzen sind überschritten.“
Sensible Menschen betroffen
Besonders betroffen sind, laut der psychosozialen Beraterin, Menschen, die sehr sensibel sind, schneller als andere die innere Sicherheit und Stabilität verlieren oder durch eine physische oder psychische Krankheit vorbelastet sind. Sie kommen schneller an ihre Grenzen und brauchen Hilfe. „Wichtig ist, dass sie sich an eine der unterstützenden Stellen wenden, sich Hilfe holen und nicht resignieren“, so Jawna. Die Frauen- und Mädchenberatungsstelle Berta in Kirchdorf ist weiter für alle Hilfe suchenden Frauen da. „Unser Angebot wird sehr intensiv in Anspruch genommen und als wirksam und hilfreich erlebt. Einen Anstieg der Gewaltfälle haben wir glücklicherweise noch nicht registrieren müssen“, berichtet die Beraterin.
Zivilcourage zeigen
Derzeit ist die Achtsamkeit von Mitmenschen besonders wichtig. „Bei Gewalt sind eine Handlung und Zivilcourage gefragt und nicht das Wegschauen und Schweigen“, betont Martina Jawna. Wenn laute Auseinandersetzungen in der Nachbarschaft auffallen, sollten diese ernst genommen werden – besonders, wenn Kinder und Jugendliche im betroffenen Haushalt leben. Bei den Nachbarn anzuläuten und zu fragen, ob alles in Ordnung ist, reicht oft schon, um eine aufgeheizte Situation etwas abzukühlen. „Halten Sie Ihre Augen und Ohren für die Nöte von Kindern und Jugendlichen offen,“ bittet Wigwam-Geschäftsführerin Sonja Farkas. Auch Menschen mit Verdacht und Sorge können sich an das Kinderschutzzentrum oder die Kinder- und Jugendhilfe wenden. Bei akuter Gefährdung muss jedoch die Polizei verständigt werden.
Kinder- und Jugendnotruf
Beim Kinder- und Jugendnotruf „Rat auf Draht“ stehen seit dem Ausbruch des Coronavirus die Telefone nicht mehr still. Die Jugend macht sich nicht nur um Gesundheit oder Schule Sorgen, sondern meldet sich vermehrt auch, weil zuhause dicke Luft herrscht oder sie vor häuslicher Gewalt Angst haben oder bereits betroffen sind. Birgit Satke, Leiterin von Rat auf Draht, rät den betroffenen Kindern und Jugendlichen, nicht zu zögern und Hilfe zu rufen.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden