Wissenschaftler Lambert Neumayr: "Bio ist gekommen, um zu bleiben"
MICHELDORF IN OÖ/BREGENZ. Der gebürtige Micheldorfer Lambert Neumayr führt mit seiner Frau Daniela den Naturkostladen Keimling in Bregenz (Vorarlberg) und studiert Wirtschaftswissenschaften. Im Rahmen seiner Dissertation an der Technischen Universität München beschäftigte sich der 31-Jährige mit dem Kauf und Verkauf von Bio-Lebensmitteln. Für die Datenerhebung befragte er auch Kunden des Biobauernladens Kremstal in Kirchdorf.

Tips: Warum hat es Sie nach Vorarlberg verschlagen?
Lambert Neumayr: Mich zieht es schon lange „in der Weltgeschichte“ herum. Nach meiner Matura am BRG Kirchdorf bin ich nach Wien gezogen, habe in Kanada gelebt, war auf Weltreise, arbeitete in vier europäischen Ländern, forschte in München und nun bin ich in Vorarlberg. Meine Frau Daniela ist „Gsi-Bergerin“ und übernahm 2018 den Familienbetrieb.
Tips: Welchen Bezug haben Sie jetzt noch zum Bezirk Kirchdorf?
Neumayr: Egal wo ich war und an was ich geforscht oder gearbeitet habe, Kirchdorf war und ist der Ort, an den ich immer wieder zurückgekommen bin. Meine Eltern wohnen in Micheldorf, viele meiner engsten Freunde wohnen (wieder) hier – es ist immer ein Heimkommen und ein Gefühl „wie damals“.
Tips: Warum haben Sie sich im Rahmen Ihrer Dissertation für das Thema „Konsumentenverhalten am Beispiel von Bio-Lebensmitteln“ entschieden?
Neumayr: Das Thema sollte nicht rein theoretisch sein, sondern etwas, unter dem sich jeder etwas vorstellen kann und mit dem ich mich voll identifiziere. Der Bio-Anbau ist die nachhaltigste Form der Landwirtschaft und jeder profitiert: der Bauer, der einen fairen Preis für seine wichtige Arbeit erhält, der Konsument, der natürliche und gesunde Nahrung auf dem Teller hat, und – damit beschäftige ich mich besonders – das Klima und die Umwelt, die beim Bio-Anbau viel weniger belastet werden. Dazu möchte ich gerne meinen Beitrag leisten.
Tips: Für Ihre Dissertation führten Sie Befragungen und Experimente in ganz Österreich und Deutschland durch. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?
Neumayr: Bei meiner letzten Studie habe ich ein Öko-Label entwickelt und getestet, mit dem die Umweltverträglichkeit eines Produkts für den Konsumenten objektiv und auf einen Blick ersichtlich wird. Die Einführung dieses Labels hat tatsächlich dazu geführt, dass die Konsumenten häufiger zu Bio-Lebensmitteln gegriffen haben. Mich freut besonders, dass die Studie kürzlich in einem internationalen Fachmagazin publiziert und auch von Ö1 und orf.at aufgegriffen wurde. Die Wissenschaft darf nicht an der Grenze der Universität Halt machen, sondern muss raus in die Welt.
Tips: Was macht typische Bio-Einkäufer aus?
Neumayr: Den typischen Bio-Käufer gibt es nicht. Aber Studien legen nahe, dass drei Faktoren überproportional oft vorkommen: weiblich, hoher formaler Bildungsgrad, Kinder im Haushalt. Ein hohes Einkommen ist übrigens kein Indiz dafür, dass mehr bio gekauft wird.
Tips: Welche Rolle spielt also der Preis in Bezug auf Bio-Lebensmittel?
Neumayr (lacht): Das ist ein hoch emotionales Thema und eine eigene Doktorarbeit. Es stimmt: Bio hat einen höheren Preis. Studien legen allerdings nahe, dass es für die meisten Haushalte nicht um ein „nicht-leisten-können“ geht, sondern um eine Prioritätensetzung: Gebe ich mein Geld lieber für gesunde und umweltschonende Lebensmittel aus oder für Auto, Fitnessstudio, Kleidung, Einfamilienhaus, Amazon etc.?
Tips: Sie haben 2019 auch Kirchdorfer Biobauernladen-Einkäufer befragt. Was ist Ihnen besonders in Erinnerung?
Neumayr: Das war ein „Heimspiel“. Ich habe die Leute teils am Namen ansprechen können, ob sie sich vorstellen können, an meiner Studie teilzunehmen. Eine mir unbekannte Dame, die nach ihrem Einkauf meine Studie ausgefüllt hat, ist im Anschluss zurück in den Laden gegangen, um mir eine Schokolade zu kaufen und sich dafür zu bedanken, „dass sich jemand mit diesem wichtigen Thema wissenschaftlich auseinandersetzt“.
Tips: Unterscheiden sich die Kirchdorfer von anderen Bio-Einkäufern?
Neumayr: Aus Gründen der versprochenen Anonymität für die Studienteilnehmer kann ich in meinen Daten keine Ergebnisse rein auf Kirchdorf zurückführen. Aber klar ist: Wenn man die Erfahrungen bei der Befragung selbst vergleicht, dann erinnere ich mich zum Beispiel lieber an die Schokolade zurück als an die Lebensgeschichte eines Dackel-Herrchens, die mir in voller Länge vor einem Wiener Supermarkt erzählt wurde.
Tips: Seit 2019 hat ein weiteres Bio-Lebensmittelgeschäft im Bezirk eröffnet: BioReicherstorfer in Pettenbach. Welches Potential vom Verkauf von Bio-Lebensmitteln sehen Sie im Bezirk Kirchdorf?
Neumayr: Es ist sehr begrüßenswert, dass sich immer mehr Leute mit den Auswirkungen ihrer tagtäglichen Entscheidungen auseinandersetzen und damit wieder mehr kleinere und persönlichere Strukturen unterstützen, die sich der Regionalversorgung mit hochqualitativen und umweltschonenden Lebensmitteln verschreiben und dabei der Anonymität der Supermärkte entgegentreten. Diese Entwicklungen kann man österreichweit beobachten. Der Bezirk Kirchdorf war und ist seit Jahrzehnten ein Vorreiter dieser Entwicklung. Hier war es schon früh möglich, an regionale Bio-Lebensmittel zu kommen.
Tips: Würden Sie die Studie heute noch einmal durchführen, wie hätte sich das Ergebnis, Ihrer Meinung nach, verändert?
Neumayr: Corona hat viele Trends, die bereits vor der Pandemie als Trends galten, beschleunigt. Denken wir an die Digitalisierung oder eben auch an den Vormarsch von nachhaltigen Produkten. Bio ist gekommen, um zu bleiben. Und das ist gut so.


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