Von UNO-Einsätzen bis zur Weltreise: "Habe es nie bereut, meinen sicheren Bürojob als Beamter in Österreich aufzugeben"
MICHELDORF/KIRCHDORF/LINZ. Einsätze bei den Vereinten Nationen, mehr als 20 Jahre in Krisenregionen und eine Weltreise im Geländewagen – Oskar Lehner berichtet im Kino Kirchdorf und in der Uni Linz von seinen Erlebnissen in Kambodscha, Thailand und Vietnam.
Seit 2016 ist Oskar Lehner mit seiner Lebenspartnerin Ursula Forster auf einer Weltreise. Sein Anruf erreicht die Redaktion in seiner „Pause“, seinem Zwischenstopp in Österreich. „Es ist die siebte von zehn Etappen. In unserem nächsten Reise-Vortrag erzählen wir, was wir in unseren zuletzt besuchten Ländern Kambodscha, Thailand und Vietnam gesehen und erlebt haben“, erklärt der Micheldorfer.
Im April 2026 wollen die beiden in ihrem Geländewagen, der derzeit in Südafrika untergestellt ist, von Kapstadt aus entlang der Ostküste Afrikas über den Nahen Osten nach Österreich fahren und 2028 wieder zu Hause ankommen.
Dreierlei Kulturen
Am Dienstag, 24. und Mittwoch, 25. Februar (und am Donnerstag, 26. Februar in Linz), sprechen Forster und Lehner im Kino in Kirchdorf über „die atemberaubenden Naturlandschaften, die Kulturen, die politische Geschichte sowie die Herausforderungen des Lebensalltags an die Menschen“ in den Ländern Kambodscha, Thailand, Vietnam. „Unsere vierwöchige Tour durch Kambodscha 2024 war für mich eine Rückkehr, da ich dort im Jahr 1993 im Rahmen eines UNO Einsatzes zur Beendigung des Bürgerkriegs gearbeitet habe“, erzählt Lehner. Und: „In späteren Einsätzen waren meine Aufgaben Menschenrechtsschutz, Durchführung von demokratischen Wahlen und der Aufbau staatlicher Institutionen.“
Im Tips-Interview blickt der 70-jährige Weltenbummler auf prägende Erfahrungen zurück.
Tips: Was war für Sie emotional stärker: der erste Einsatz 1993 oder die Rückkehr 2024, und können Sie anhand von Beispielen beschreiben, wieso?
Lehner: Kambodscha 1993 war mein aufregendster Einsatz. Nicht nur weil es mein erster war, sondern auch weil ich sechs Monate jeden Tag draußen in den Dörfern war, um Verbrechen in Zusammenhang mit der Vorbereitung der Wahlen aufzuklären. Der emotional herausforderndste Einsatz war dann der nächste in Ruanda 1994/95. Im Rahmen einer Mission des UN Hochkommissars für Menschenrechte arbeitet ich in einem Team, das den Völkermord untersuchte und weitere Menschenrechtsverletzungen verhindern sollte.
Nach zehn Monaten war ich dann selbst ziemlich traumatisiert von den täglichen Gräueltaten und der Untersuchung der Massaker.
Als ich 2016 in Pension gegangen bin, habe ich mich schon sehr darauf gefreut, weil ich schon einen konkreten Plan hatte, nämlich mit einem Auto um die Welt zufahren. Nach Ende unser Fahrt durch Asien 2024/25 lebte ich jetzt ein ganzes Jahr in Micheldorf und es war schön wieder Wurzeln zu schlagen, bei lokalen Vereinen dabei zu sein und die tolle Landschaft unserer Bergregion zu genießen.
Tips: Gab es einen Ort in Kambodscha, der Sie bei der Rückkehr besonders berührt hat? Warum gerade dieser?
Lehner: Berührt hat mich besonders die Rückkehr in jene Ortschaft, in der ich am Wahltag ein Wahllokal geleitet habe. Es war ein kleiner Ort im Dschungel, der von feindlich gesinnten Khmer Rouge Soldaten umzingelt war und in den ich aus Sicherheitsgründen mit einem Helikopter eingeflogen werden musste.
Das hölzerne Schulgebäude, das damals als Wahllokal diente, ist längst zerfallen. An seiner Stelle wurde eine moderne Schule errichtet. Es hat mich sehr gefreut, dass ich dort sogar noch Menschen traf, die sich noch an die Umstände von vor 33 Jahren erinnern können.
Tips: Wenn Sie heute Ihre Fotos von 1993 anschauen: Was sehen Sie darin – die Geschichte des Landes oder Ihre eigene?
Lehner: Beides! Die Fotos sind eine Dokumentation der damaligen dramatischen Umstände nach Ende des Bürgerkriegs und wie sich Kambodscha seither verändert hat. Aber für mich sind die Bilder natürlich auch eine Erinnerung an eine der aufregendsten Monate meines Lebens.
Tips: Hat sich Ihr Gefühl gegenüber der UNO-Arbeit im Rückblick verändert und welche Stationen hatten Sie nach der in Kambodscha?
Lehner: Als ich von Kambodscha nach Österreich zurückgekehrt bin erschien mir meine damalige Arbeit als Assistenz-Professor an der Universität Linz ziemlich langweilig. Ich kündigte und arbeitete dann bis zu meiner Pension für die UNO, OSZE und EU in Krisengebieten als Experte für Menschenrechte, demokratische Wahlen und den Aufbau staatlicher Institutionen in Ländern wie Bosnien, Kosovo, Tajikistan, Kirgisistan, Pakistan, Afghanistan, Gaza, Indonesien, Sierra Leone, Nigeria und Tansania.
Mein gefährlichster Einsatz war der letzte, bei dem ich zwei Jahre lang in Mogadischu/Somalia am Aufbau eines funktionierende Parlaments und der Überarbeitung der Verfassung gearbeitet habe.
Rückblickend habe ich die Entscheidung, meinen sicheren Bürojob als Beamter in Österreich aufzugeben, nie bereut. Bedrückend ist allerdings, das in einigen der Länder, in den ich gearbeitet habe, die Konflikt nach wie vor andauern oder es inzwischen sogar schlimmer geworden ist.
Tips: Was haben Ihnen diese sechs Monate über sich selbst beigebracht, was Sie vorher nicht wussten?
Lehner: Wieviel Potenzial ich habe: Arbeiten in einem multikulturellen Team in mehreren Sprachen, Risikoabschätzung, strategisches Denken, diplomatisches Geschick und Überzeugungsarbeit leisten, kreative Lösungsfindungen für völlig neue Situation, autonomes Entscheiden und Verantwortung übernehmen....
Tips: Sie leben heute in Micheldorf – wie passt dieses ruhige Leben zu jemandem, der so lange (in Krisen-Regionen) unterwegs war?
Lehner: Ich lebe sehr gerne in Micheldorf und bin mittlerweile im Vereinsleben des Kremstals fest verankert: Fotoclub, Filmclub, Paragleitverein, Schützenverein... So richtig ruhig ist mein Leben also nicht wirklich.
Tips: Warum halten Sie Vorträge: Geht es mehr ums Erzählen oder ums Weitergeben von Erfahrungen?
Lehner: Mit unseren Reise-Vorträgen wollen wir in einer Zeit, in der die Fremdenfeindlichkeit immer mehr zunimmt, Verständnis und Mitgefühl für die Lebensweisen und Probleme anderer Länder und Kulturen fördern. Vielfach hat deren Not historisch oder aktuell sogar etwas mit uns und unserer Lebensweise zu tun. Wir haben natürlich auch Freude am Erzählen, aber wir wollen in erster Linie ein Fenster in andere Welten sein. Wir freuen uns, dass so viele Menschen durch den Besuch der Vorträge und durch das Lesen unserer Blogs (www.oskarlehnertravel.news), mit uns mitreisen.
Tips: Was möchten Sie, dass die Menschen in Kirchdorf nach Ihrem Vortrag mit nach Hause nehmen?
Lehner: Wir wollen vermitteln, dass wir – trotz aller Probleme – immer noch in einem der wohlhabendsten und best-administrierten Länder der Welt leben. Dass Dinge wie sauberes Wasser, Sicherheit auf den Straßen, ein funktionierende Sozialsystem, frei demokratische Wahlen... nicht naturgegeben sind und leider in vielen anderen Ländern nicht existieren.
Tips: Was bedeutet Fotografieren für Sie heute: Dokumentation, Erinnerung oder vielleicht auch Verarbeitung?
Lehner: In erster Linie ist Fotografie für mich Dokumentation. Sie ist ein Mittel, um durch ein Bild oder ein Video einen Zustand oder ein Problem oder einen außergewöhnlichen Eindruck an andere Menschen weitergeben zu können. Für meine Partnerin Ursula steht glaube ich mehr die Erinnerung im Vordergrund. Darum macht sie auch viel mehr Fotos von uns selbst als ich es tue. Fotografieren hilft aber auch, wenn man etwas sehr Dramatisches erlebt, weil man dann im Kopf wohl auch damit beschäftigt ist, die richtige Perspektive oder Belichtung zu wählen, um das Geschehen einzufangen. Ich bin seit einigen Jahren Mitglied des Kremstaler Fotoklubs Kirchdorf und möchte mich bei dieser Gelegenheit bei meinen Kollegen dafür bedanken, dass ich durch ihr Feedback meine fotografischen Fertigkeiten verbessern kann.
Tips: Wenn Sie an Ihr heutiges Leben denken – fühlen Sie sich angekommen oder immer noch unterwegs?
Ich glaube ich bin immer noch unterwegs und habe mit meiner früheren Arbeit noch nicht richtig abgeschlossen. Ursula meint, wenn wir auf Reisen sind denke ich immer noch in Kategorien wie Workplans, Excel-Sheets und Jahresplänen. Wenn man es einmal gewohnt war lässt einem das wohl auch in der Pension nicht los. Ich freue mich aber schon auf die Zeit nach dem Ende unserer Reise um die Welt, wenn ich dann im Kremstal noch mehr Wurzeln schlagen kann.
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