Windischgarstener kämpft seit Jahrzehnten für Menschen und Natur in Brasilien
WINDISCHGARSTEN/BARREIRAS. Seit 1991 lebt und arbeitet der gebürtige Windischgarstner Martin Mayr in Brasilien. Ein neuer Dokumentarfilm über eine Agrarreform vor 40 Jahren rückt nun auch seine Arbeit in den Fokus. Als Entwicklungshelfer von Horizont 3000 setzt er sich für Kleinbauern, soziale Gerechtigkeit und den Schutz von brasilianischem Naturraum (Cerrado) ein.

Eintausend landlose Familien übernahmen am 14. Juli 1986 im brasilianischen Bundesstaat Bahia 54.000 Hektar Land. Der Dokumentarfilm „14 de julho de 1986 – 1000 no lugar de 1“ des Filmemachers Thomas Bauer erzählt die Geschichte der ersten Agrarreform-Siedlung Angical und blickt auf vier Jahrzehnte Entwicklung zurück.
Für Martin Mayr ist die Geschichte weit mehr als ein historisches Ereignis. Als Entwicklungshelfer kam der gebürtige Windischgarstner 1991 erstmals intensiv mit dem Ansiedelungsprojekt in Kontakt. „Ich kann sagen, dass ich das Agrarreformprojekt von Angical – seine Menschen, seine Natur, seine Bewirtschaftung – nicht nur gut kenne, sondern auch sehr gern mag“, sagt Mayr. Auch seine persönliche Verbindung ist eng: Seine Frau Luiza ist die Tochter einer Kleinbäuerin, die als Witwe ein Landstück im Agrarreform-Projekt bewirtschaftete.
Viele Familien blieben
„Von den ursprünglich angesiedelten Familien sind längst nicht alle geblieben“, erzählt der 64-Jährige. Laut ihm sind etwa 50 Prozent noch dort. Für jene, die geblieben sind, habe sich der harte Kampf um eine gesicherte Existenz ausgezahlt. Zugleich hätten viele Kinder und Enkel bessere Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten erhalten. Das führt allerdings auch dazu, dass manche Höfe heute keine Nachfolger haben.
Zwischen Agrarkonzernen und Kleinbauern
Mayr sieht die Agrarreform dennoch als Möglichkeit, den Menschen neue Perspektiven zu eröffnen. Eine bloße Zuteilung von Land reiche dafür aber nicht aus. Es brauche landwirtschaftliches Potenzial, Sicherheit, Gesundheit und die nötigen Mittel, um das Land zu bewirtschaften. Genau hier sah der Windischgarstener eine zentrale Aufgabe der Entwicklungshelfer.
Heute arbeitet er als Leiter von 10envolvimento weiter für die Rechte der Kleinbauern und den Schutz der Natur. Im Cerrado, einer riesigen Savannen- und Landschaftsregion in Brasilien, in dem auch West-Bahia liegt, treffen traditionelle Gemeinschaften auf eine großflächige Agrarproduktion. Der Klimawandel verschärft die Situation zusätzlich.
Weniger Regen, mehr Hitze
Hitze und Trockenheit gehören in West-Bahia grundsätzlich zum Alltag. Über sechs Monate im Jahr regne es kaum, und die Temperaturen stiegen häufig über 35 Grad. Gleichzeitig beobachtet Mayr Veränderungen: Die Durchschnittstemperaturen steigen, die Niederschläge verteilen sich schlechter und die Verdunstung nimmt zu.
Besonders problematisch sei die großflächige Abholzung für den Anbau von Soja, Mais und Baumwolle sowie für die Rinderhaltung. Dadurch sinke unter anderem der Grundwasserspiegel, während die Flüsse immer weniger Wasser führten. „Paradoxerweise werden gegen die Austrocknung der Acker-Flächen immer mehr Bewässerungs-Projekte angelegt, mit Wasser aus den Flüssen und unterirdischen Reserven“, sagt Mayr.
Kleinbauern und Fischer hätten nicht die finanziellen Möglichkeiten, mit Bewässerungsanlagen oder künstlichen Teichen gegenzusteuern. „Der Klimawandel trifft die Armen wesentlich empfindlicher und weitläufiger als die Reichen“, resümiert Mayr.
Nach seinen Angaben werden in West-Bahia rund 80 Prozent des genutzten Süßwassers für die Bewässerung eingesetzt.
Ein Leben in Brasilien
Mayr selbst kam aus Interesse an den sozialen und religiösen Entwicklungen Lateinamerikas nach Brasilien. Seit 1991 ist das Land mit einer dreijährigen Unterbrechung, in der er in Wien beim Österreichischen Entwicklungsdienst arbeitete, sein Lebensmittelpunkt. Mit seiner Frau Luiza hat er vier Kinder – zwei Töchter und zwei Söhne. Gemeinsam mit ihnen lebt er in Barreiras, einer Stadt im Westen des Bundesstaates Bahia.
Was er von den Menschen in Bahia gelernt hat? „Unter anderem im Schatten zu gehen, viel Wasser zu trinken, mit Feldwerkzeugen umzugehen und Spuren von Wildtieren zu lesen. Und mich vom Lachen fröhlicher Kleinbauern anstecken zu lassen. Was ich leider nicht gelernt habe: Gut Fußball zu spielen und Samba zu tanzen“, sagt der Familienvater.
Eine Begegnung ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben: Bei seinem ersten Besuch in der Hütte seines späteren Mitstreiters Nô saßen dessen sechs Kinder auf dem Boden. Es gab nur einen Stuhl, der Mayr angeboten wurde. „Nô’s Frau rupfte ein mageres Huhn, welches wir etwas später zu neunt verspeisten“, erzählt Mayr. Gemeinsam mit Nô, der ebenfalls bei der Agrarreform Land erhalten hatte, erlebte er später auch schwierige Zeiten und Bedrohungen. Heute leben Nô und seine Familie laut Mayr glücklich auf ihrem gemeinsamen Landstück – „mit zahlreichen Obstsorten und gesunden Hühnern.“
Auf die Frage, ob er sich wieder für Brasilien entscheiden würde, bleibt Mayr zurückhaltend: „So gut kenne ich mich und die Welt nicht, um das zu beantworten. Nur Gott weiß es.“








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