Mögliche Gasbohrung in Molln: "Jaidhausgebiet ist eines der hochwertigsten und artenreichsten Naturgebiete" (Update 17 Uhr)
MOLLN. Das offene naturschutzrechtliche Verfahren zur möglichen Bewilligung einer Gasbohrung in unmittelbarer Nachbarschaft des Naturschutzgebiets Jaidhaus in Molln kommt in die entscheidende Phase. Die Gegner des von der ADX VIE GmbH beantragten Projektes - Umweltdachverband und Bürgerinitiative Pro Natur Steyrtal - bekommen mit Franz Essl, Wissenschafter des Jahres, prominente Unterstützung. Update 17 Uhr: ADX wirft in einer Stellungnahme anhaltende Falschinformationen vor.

Ökologe und Biodiversitätsexperte Franz Essl, Uni Wien, 2022 zum Wissenschafter des Jahres gewählt, legte am Mittwoch vor Presse seine fachliche Bewertung zum Vorhaben und Folgen einer geplanten Gasbohrung im Vorfeld des Nationalparks Kalkalpen dar. Der gebürtige Oberösterreicher kennt das Jaidhausgebiet durch jahrelange Führungstätigkeit genau.
„Das Jaidhausgebiet ist eines der hochwertigsten und artenreichsten Naturgebiete Oberösterreichs und Österreichs.“ Das 4,5 Quadratkilometer große Gebiet sei deshalb so besonders, weil dort mit 600 Pflanzenarten etwa ein Drittel aller Arten in Oberösterreich vorkommen. Der dortige Lebensraum Wiese sei in seiner Art einzigartig geworden, „die unterschiedlichen ungedüngten Wiesentypen haben überragenden Naturschutzwert“, die Strukturen der dortigen Waldflächen seien anderswo kaum noch zu finden.
Essl hält in einer Stellungnahme direkt an das Land OÖ fest, „dass die Errichtung einer Gasbohrinfrastruktur im direkten Nahbereich des Schutzgebietes Jaidhaus unvermeidbare negative Auswirkungen auf hochgefährdete Arten und Lebensräume sowie das Landschaftsbild hätte“.
„Konterkariert Fauna-Flora-Habitat-Richtlinien“
Essl verweist zudem darauf, dass ein solches Vorhaben nicht mit den naturschutzrechtlichen Verpflichtungen und Zielen Österreichs einhergingen, darunter die Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Richtlinie. Auch widerspräche ein weiterer Verlust solcher Schutzflächen den Verpflichtungen im Rahmen der EU-Biodiversitätsziele.
Zu dieser Einschätzung kommt auch Franz Maier, Präsident des Umweltdachverbandes. Aus gleich mehreren Gründen dürfe und könne es eigentlich vom Land OÖ keinen positiven Bescheid für die Probebohrung kommen.
Widerspruch zur Alpenkonvention
Maier verweist darauf, dass das beantrage Projekt auch in „eklatantem Widerspruch“ zur Alpenkonvention stehe – „wir gehen davon aus, dass die rechtskonforme Anwendung der Alpenkonvention zwingend zu einer Versagung führen muss“, so Maier. „Eine Bohrtätigkeit in unmittelbarer Nähe zu zwei hochrangigen Schutzgebieten (Jaidhaus und Nationalpark Kalkalpen) verletzt die Schutzverantwortung und -pflicht gemäß der Konvention.“
Er verweist zudem auf die aktuellen Artenfunde von Fledermäusen und einer Reihe weiterer bisher unbekannter höchstrangiger Arten in dem Gebiet.
„Wenn schon diese ganzen Ausführungen nicht reichen, dann könnten Bohrungen überhaupt überall stattfinden, dann brauchen wir keinen Naturschutz mehr“, so Maier.
Jedenfalls brauche es weitere fachliche Untersuchungen, bevor es überhaupt eine naturschutzrechtliche Genehmigung des Vorhabens geben kann, auch weil die aktuellen Artenfunde noch nicht berücksichtigt seien. „Auch ist ein EU-rechtskonformes Verfahren entsprechend der FFH-Richtlinie erforderlich.“
Fake News-Vorwurf wird schärfstens zurückgewiesen
Den von ADX Energy CEO Paul Fink im August an die Bürgerinitiative gemachten Vorwurf, diese würde mit der Behauptung von rund 25 Bohrplätzen Fake News verbreiten, weist Christian Hatzenbichler, Sprecher der Bürgerinitiative Pro Natur Steyrtal und Obmann Verein Bergwiesn, aufs schärfste zurück. „Es geht nicht nur um die derzeit eingereichte Bohrung Jaidhaus, sondern um bis zu 25 weitere Eingriffe. Das ist nicht aus der Luft gegriffen.“ ADX rechne offenbar mit einem massiv ausgeweiteten Bohrgeschehen in der Region im Laufe mehrerer Jahre bzw. des nächsten Jahrzehnts, verweist Hatzenbichler auf Auswertungen von Quellen der Betreibergesellschaft ADX.
Mayer: „Rechtlich geht es aktuell nur um eine Probebohrung auf einem kleinen Platz. Aber das ist faktisch die Eintrittspforte für industriellen Gasabbau, der über mindestens ein Jahrzehnt die gesamte Region verändern wird. Wenn die Probebohrung genehmigt und durchgeführt wird, wird man künftig rechtlich argumentieren, dass es eh schon eine Vorbelastung gibt.“
Forschungsprojekt zu Erdbebengefahr
Dass alles auf wackeligen Beinen stehe, zeige laut Hatzenbichler auch das von der FFG geförderte Forschungsprojekt „QARS“ von ADX gemeinsam mit der Uni Wien ab Jänner 2024. Er verweist auf die Beschreibung, Auszug: „Bis jetzt wurde das Zielgebiet nicht flächendeckend nach neuesten Methoden der modernen Strukturgeologie erschlossen. Daher ist die räumliche Verteilung und Zerlegung potenzieller Lagerstättenstrukturen nicht nachvollziehbar.“ Und weiter: „Darüber hinaus besteht nahe dem Zielgebiet eine Tendenz zu aktiver Tektonik, was ein Risiko für die Stabilität von Explorationsbohrungen in den Nördlichen Kalkalpen darstellen könnte“.
Demnach seien alle bisherigen Positivmeldungen zur geologischen Situation, zum behaupteten Volumen einer oder mehrere Gaslagerstätten sowie insbesondere zur verneinten Erdbebengefahr offenbar spekulativer Natur, sieht Hatzenbichler „Luftschlösser“.
Weitere Schritte vorgesehen
Die Firma ADX hat Mitte August 2023 von der Montanbehörde West die Bewilligung für eine Probebohrung bekommen. Ob tatsächlich gebohrt werden kann, hängt nun vom naturschutzrechtlichen Bescheid des Landes ab.
Sollte das Land genehmigen und EU-rechtliche Fragen nicht behandelt worden sein, werde beeinsprucht, so Maier. Aktuell habe der Naturschutzbund keine Parteistellung. „Wir sind als anerkannte Umweltorganisation erst ab dann Teil des Verfahrens, wenn EU-Rechtsfragen berührt sind. Wir würden alle rechtlichen Möglichkeiten beschreiten.“
Update (17 Uhr): ADX bezieht Stellung
Das börsenotierte Erdgas-Explorationsunternehmen ADX Energy wirft dem Umweltdachverband und der Initiative „ProNaturSteyrtal“ vor, mit anhaltenden Falschinformationen die Erdgaspläne in Molln zu Fall bringen zu wollen. Die am Mittwoch aufgestellten Behauptungen seien falsch und irreführend, von einer Beeinträchtigung oder sogar Zerstörung der Umwelt durch die Erdgasbohrung im Jaidhaustal könne absolut keine Rede sein, so CEO Paul Fink in einer ersten Stellungnahme.
Die Behauptung Essls, dass Gasbohrinfrastruktur im direkten Nahbereich des Schutzgebietes Jaidhaus unvermeidbare negative Auswirkungen auf hochgefährdete Arten und Lebensräume sowie auf das Landschaftsbild hätte, sei ebenso unbewiesen und falsch wie jene des Umweltdachverbandes, dass für die Erdgasbohrung „ein EU-rechtskonformes Verfahren entsprechend der FFH-Richtlinie erforderlich“ sei. „Der Behörde über die Medien auszurichten, wie sie zu entscheiden hat und welche Richtlinie sie anzuwenden hat, zeigt die undemokratische Mentalität der Aktivisten“, sagte Fink.
„Mit der neuerlichen Falschmeldung, dass der Kalkalpenregion im Umfeld des Steyrtals 25 Bohrtürme drohen, verbreitet diese Aktivistentruppe nichts anderes als die pure Unwahrheit“, betonte Fink weiters.
Zusammenfassend sei festzuhalten, „dass die Erdgaspläne von ADX Energy im Namen und Auftrag der Republik Österreich dazu dienen, die Abhängigkeit von ausländischem Erdgas zu verringern – und dies auf Grundlage der strengen Montan- und Naturschutzgesetze des Landes.“


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