Wolfsbeauftragter: „Ein scharfer Hund ist gefährlicher als ein echter Wolf!“

Mag. Claudia Greindl Mag. Claudia Greindl, Tips Redaktion, 30.08.2017 09:47 Uhr

LIEBENAU. Noch ist nicht sicher, ob tatsächlich Meister Isegrim die drei toten Schafe in Kaltenberg auf dem Gewissen hat, da beunruhigen Wolfssichtungen schon wieder Mensch und Tier in der Region. Monika und Robert Leeb aus Neustift bekamen die scheuen Vierbeiner sogar im Scheinwerferkegel ihres Autos auf der Mutterkuhweide zu sehen.

Zweimal hatte die Mutterkuh-Herde des Landwirts-Ehepaares in den vergangenen Tagen ungebetenen nächtlichen Besuch auf der Weide. „Unsere Tiere sind normalerweise rund um die Uhr draußen. Gegen Mitternacht haben die 25 Kühe und 17 Kälber plötzlich extrem zu brüllen begonnen“, berichtet Monika Leeb. Sofort hielt sie mit ihrem Mann Nachschau. „Im Scheinwerferlicht unseres Autos haben wir den Wolf auf einen Steinkobel hinaufklettern gesehen“, berichtet Leeb. Wenige Tage später wiederholte sich das unheimliche nächtliche Spektakel mit den brüllenden, aufgeregt herumlaufenden Kühen. „Dieses Mal sind gleich zwei Wölfe, oder was auch immer es war, auf der Weide gewesen“, steht die Bäuerin noch immer im Bann des Erlebten.

Keine Opfer zu beklagen

Die Mutterkühe und ihre Kälbchen kamen ungeschoren davon. Seither verbringen die Tiere die Nacht im Stall. Bereits 2011 hatte es bei Familie Leeb einen Zwischenfall, vermutlich mit einem Wolf, gegeben: Ein Kälbchen war damals bis auf die Knochen abgenagt worden. Dieses Ereignis hat sogar im Liebenauer Heimatbuch Eingang gefunden.

Zwischenfälle werden häufiger

Dass die Zwischenfälle mit – vermuteten – Wölfen häufiger werden, streitet der Bärenanwalt und Wolfsbeauftragte des Umweltministeriums und der Bundesländer Georg Rauer, Experte für Wildtiermanagement am Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie, nicht ab. „Es gab beim Wolf keine Aussetzungsprojekte, aber dieser große Beutegreifer wird nicht verfolgt, und die Population kann daher wachsen.“ Wesentlich für eine Entschädigung für Besitzer getöteter Tiere sei es, dass ein Wolf als „Täter“ einwandfrei feststehe.

Verwechslung möglich

Georg Rauer: „Eine Verwechslung mit dem Tschechoslowakischen Wolfshund kann leicht passieren.“ Diese Hunderasse wurde einst vom tschechoslowakischen Militär aus einer Kreuzung Deutscher Schäferhunde mit Karpatenwölfen für den Einsatz im Grenzwachdienst gezüchtet. „Diese Züchtung hat sich nicht bewährt“, weiß Rauer. In Österreich finden sich jedoch wieder zunehmend Liebhaber dieser wolfsähnlichen Hunde, die optisch mit Wölfen leicht zu verwechseln sind. „Wenn solche Hunde ihrem Besitzer abhanden kommen, können sie viele Kilometer weit ziehen. Ein scharfer Hund ist jedenfalls gefährlicher als ein Wolf“, sagt der Wolfsbeauftragte. Welches Tier für gerissene Beutetiere verantwortlich war, ist für die Entschädigung der Besitzer maßgeblich.

Wölfe flüchten nicht Hals über Kopf

Wissenswert ist, dass Wölfe nicht Hals über Kopf vor Bedrohungen flüchten. Rauer: „Maschinen wie Traktoren oder Harvester sieht der Wolf nicht als Gefahr, die haben ihm noch nie etwas getan.“ Tiere ohne Scheu vor Menschen könnten in Einzelfällen und nach genauer Überprüfung des Gefahrenpotenzials „letal entnommen“, also getötet, werden.

Wolf ist gesamtökologisch von Vorteil

Ziel der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU ist die Erhaltung und Wiederherstellung der biologischen Vielfalt. Dazu gehört auch die Wiederansiedlung des Ende des 19. Jahrhunderts in unseren Breiten ausgerotteten Wolfes – jedoch nicht durch Aussetzen von gezüchteten Tieren, sondern durch natürliche Zuwanderung.

Für den Wolfsbeauftragten Georg Rauer ist eine lebendiger Wolfsbestand gesamtökologisch „von Vorteil, für die Bauern naturgemäß jedoch eher nicht. Der Wolf fällt eher die schwächeren Tiere an, aber das Geschäft der Jäger wird er nicht erledigen.“

Heute gibt es für Wölfe genügend Nahrung in der Natur, nämlich Wildtiere. Solange diese Voraussetzung stimmt, bleiben die Tiere dem Menschen gegenüber scheu. Ein absolutes Tabu ist es, Wölfe zu füttern, sollten sie sich in Siedlungsgebiete vorwagen. Die mangelnde Scheu vor Menschen könnte später sehr problematisch werden.

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