Wenn ein Fluch-Schuh zum Segen wird: Neues Buch rückt Linzer Schuhmuseum ins Rampenlicht
LINZ. Seit zwei Jahren besteht das Schuhmuseum eher unbemerkt in der Bischofsstraße 9a – dabei birgt es eine Fülle an Geschichten, die wohl bisher nur wenige kannten. Ein neues Buch rückt die Sammlung nun ins Rampenlicht und zeigt, warum sie in Österreich nahezu einzigartig ist.

Unter dem Titel „Ich erröte vom Schaft bis zur Sohle“ erzählen 30 Autoren aus dem deutschsprachigen Raum ihre Geschichten über Schuhe. Gleich vier Erzählungen haben mit dem Schuhmuseum Linz zu tun. Kein Wunder, kam den Schweizer Herausgebern Christa Prameshuber, ursprünglich aus Linz, und Wolfram Schneider-Lastin die Idee zum Buch auch, während sie Siegfried Hain durch seine Sammlung führte.
Zufallsfund mit großer Wirkung
Rund 800 Objekte nennt Siegfried Hain mittlerweile sein Eigen. Jedes einzelne liebevoll zusammengetragen und mit einer Geschichte versehen. Der Ursprung dieser Sammlung fiel ihm vor mehr als 40 Jahren rein zufällig in die Hände.
Ein Freund hatte ihn gebeten, beim Reparieren eines Dachs Am Graben zu helfen. Statt nach einem Staubfetzen griff Hain am Dachboden nach einem Tuch, aus dem ein Paar sehr alter Schuhe fiel – und ein rätselhafter Zettel, geschrieben in Kurrent. „Wir konnten nur Linz und 1860 lesen“, erinnert sich Hain.
Die Entzifferung wurde zur Herausforderung, denn ältere Personen, die Hain darum bat, weigerten sich, den Text vorzulesen. Am Ende stellte sich heraus: „Es war ein Fluch-Schuh. Auf dem Zettel stand: Achtung, wer diesen Schuh findet, bitte auf keinen Fall berühren.“ Der Träger verstarb damals scheinbar überraschend mit nur 33 Jahren, ebenso sein 34 Jahre alter Bruder, nachdem er sie trug. „Früher wurde so ein Schuh dann versteckt oder vergraben, weil man Angst hatte, dass der Fluch wiederkommt, wenn man ihn nur wegschmeißt.“ Für Siegfried Hain waren die Schuhe jedoch Segen statt Fluch.
Leidenschaft wird zum Lebenswerk
Fasziniert von der Idee, dass jeder Schuh die Geschichte seines Trägers hütet, begann Hain zu sammeln, war in Europa und Amerika unterwegs. Selbst seinen Beruf hängte er an den Nagel und schulte zum Schuhmacher um.
Immer wieder gelingt es Hain, besondere Objekte wahrlich in letzter Minute zu retten. „Einmal habe ich einen Anruf bekommen, dass eine Villa einer Baronin in Budapest abgerissen werden sollte. Ich bin in der Nacht runtergefahren und als ich ankam, stand schon der Bagger da.“
Und gibt's auch ein Lieblingspaar? „Die blauen Schuhe“, lässt Siegfried Hain einen nicht lange auf die Antwort warten. Eine Millionärsgattin aus New York hatte sich bei einer Ausstellung in Jan Vermeers Gemälde „Das Mädchen mit den Perlenohrringen“ verliebt, oder eigentlich in das Blau ihres Turbans. „Dieses Blau wollte sie für ihre Schuhe, was damals sehr besonders war, denn in den 20er Jahren trug man Schwarz, Braun und Weiß.“ Die Wirkung war enorm: Für ihren 20-minütigen Spaziergang durch den Astoria Park, brauchte sie plötzlich drei Stunden, weil sie ständig auf die Schuhe angesprochen wurde. „Das war ihr irgendwann zu mühsam und sie zog sie nicht mehr an.“
Stolz ist Hain auch auf die Bühnenschuhe von Opernsängerin Maria Jeritza. Für ihre Verpflichtung an der Met in New York ließ sie sich ein Paar in Wien anfertigen. Aus Vorsicht wurde zunächst nur ein Schuh verschickt. Erst als dieser sicher angekommen war, folgte der zweite. Bei einer Probe rutschte Jeritza aus – und sang dennoch weiter. „Das hat allen so gefallen, dass sie auch bei der Aufführung im Liegen gesungen hat.“ Gefunden hat Hain die Schuhe in London. Über den Preis schweigt er. Nur so viel: Es waren 530 Mitbietende und es hat über vier Stunden gedauert.
Ein Museum als Zeitreise
Die Liste an Besonderheiten, die einem im Schuhmuseum begegnen, ist lang: die Hochzeitsschuhe von Schriftstellerin Hildegard Knef, eingemauerte Kinderschuhe, Trick-Dieb-Schuhe aus Italien, die Schuhsohlen des größten Finnen Wäinö Myllyrinne – er war rund 2,50 Meter groß – mit Schuhgröße 64, ein Wachschuh aus Stalingrad aus der Weltkriegszeit, ein Partisanenstiefel mit Zünder im Absatz oder die Eislaufschuhe von Jackson Haines. Auch Skurriles aus der Tierwelt darf nicht fehlen: Ein ausgestopfter Kauz, der über Jahre hinweg einen alten Kinderschuh in seinem Nest verwahrte.
Einzig Plateauschuhe aus den 70ern hätte Hain gerne noch mehr, „aber obwohl sie gar nicht so alt sind, kriegt man keine mehr.“
Das Museum macht auch die Geschichte des Handwerks selbst sichtbar. So findet sich eine seltene erhaltene Schusterkugel, die die Schuhmacher früher als Lichtquelle nutzten, symmetrische Leisten, denn die Unterscheidung zwischen rechtem und linkem Schuh kam erst nach 1850, oder seltene Nähmaschinen.
Ein Telefonbuch von 1933 zeugt von der Bedeutung der Schuhmacherei: 340 waren es damals in Linz. Heute sind es kaum mehr eine Handvoll.


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