Gewaltschutzzentrum warnt: Social Media-Trends verpacken alte Rollenbilder in ein neues Gewand
LINZ. Das Gewaltschutzzentrum OÖ bietet nicht nur Beratung im Akutfall, sondern beschäftigt sich auch mit der Frage, welche Faktoren Gewaltbereitschaft begünstigen. Besonders kritisch werden die Social Media-Trends „Manosphäre“ und „Tradwives“ gesehen.

„Trends, wie die Manosphäre, rechtfertigen häufig Gewalt gegen Frauen oder stellen diese als akzeptabel dar, da Frauen minderwertig und Männer Opfer des Feminismus seien und es deshalb eine neue Männlichkeit brauche“, erklärt Eva Schuh, Geschäftsführerin vom Gewaltschutzzentrum OÖ. Anhänger verbreiten in Foren frauenfeindliche Narrative und glorifizieren patriarchale Strukturen.
Die Botschaften scheinen Wirkung zu zeigen: Laut Studie der Organisation Plan International in Deutschland empfindet es ein Drittel der befragten Männer zwischen 18 und 35 Jahren als akzeptabel, wenn ihnen beim Streit mit der Partnerin die Hand ausrutscht. „Sie finden es durchaus okay, Gewalt auszuüben, um sich Respekt vor der Partnerin zu verschaffen“, betont Schuh.
Besonders erschreckend seien die Inhalte einschlägiger Foren. Dort werden Beiträge über getötete Frauen mit Kommentaren wie „endlich eine gute Nachricht“ versehen, Vergewaltigungsfantasien ausgetauscht und zu sexuellem Kontakt mit Minderjährigen aufgerufen. „Auch in Österreich sind mittlerweile zwei Fälle solcher männlicher Netzwerkgruppen bekannt, die sich darüber austauschen, wie sie ihre Frauen sedieren, vergewaltigen und ins Netz stellen“, berichtet Schuh.
Frauen zurück an den Herd?
Ebenso kritisch sieht das Gewaltschutzzentrum den Hype um sogenannte „Tradwives“, die ein Frauenbild der 1950er-Jahre romantisieren. Inszeniert werden ein Leben für Kinder und Haushalt, ein stets perfektes Äußeres sowie die uneingeschränkte sexuelle Verfügbarkeit für den Ehemann. Der Mann verdient das Geld und trifft die Entscheidungen.
Was dabei oft vergessen wird: Die Influencerinnen, die diesen Lebensstil propagieren, leben ihn selbst gar nicht. „Denn ständiges Posten, sich und die Familie dabei perfekt darzustellen, ist harte Arbeit und viele haben dadurch ihr eigenes Einkommen“, gibt Schuh zu denken.
Dabei wolle man unterschiedliche Lebensentwürfe keineswegs kritisieren. „Wenn Frauen sagen, sie bleiben lieber zu Hause bei den Kindern, ist das vollkommen legitim. Nur sollten sie wirklich schauen, dass sie sich finanziell absichern. Dass finanzielle Abhängigkeit romantisiert wird, halte ich für sehr problematisch“, ergänzt Sonja Ablinger, Vorsitzende des Vereins Gewaltschutzzentrum OÖ. Denn Abhängigkeit bedeutet wiederum Macht des Gegenübers.
Einfluss auf die Jugend
Als Direktorin und Lehrerin einer Linzer Mittelschule erlebt Ablinger täglich, wie stark Social Media junge Menschen beeinflusst. „Schräge Trends hat es immer gegeben. Das Problem zu früher ist die enorme Verbreitung über Social Media. Unsere Schüler sind zwischen zehn und 15 Jahre alt. Genau in dieser Zeit geht es darum, wer man sein möchte und Identitäten auszuprobieren. Da spielen solche Trends natürlich eine Rolle.“ Umso wichtiger sei es, sich schon in der Schule kritisch mit Rollenbildern, Gleichberechtigung und gesunden Beziehungen auseinanderzusetzen.
Weil Gewalt überwiegend von Männern ausgeht, brauche es vor allem auch positive männliche Vorbilder. Eine Schlüsselrolle komme dabei den Vätern zu. „Was für ein Männerbild lebe ich meinem Sohn, aber auch meiner Tochter vor? Putze ich daheim genauso das Klo oder die Fenster, wasche die Wäsche oder wickle das Baby?“
Anzeichen für eine toxische Beziehung
Gewalt in einer Beziehung beginnt nicht mit dem ersten Schlag. Erste Warnsignale sind Kontrolle und Einschränkungen im Alltag: Wenn der Partner bestimmt, was sie anziehen soll, wohin sie geht oder wen sie trifft. Wenn er ihr Handy kontrolliert mit der Begründung, man habe schließlich keine Geheimnisse voreinander.
Für Freunde und Angehörige ist es oft schwer, solche Situationen zu erkennen – auch weil jede Betroffene anders reagiert.
„Viele scheuen sich, eine Frau darauf anzusprechen, weil sie Angst haben, Grenzen zu überschreiten. Aber bitte sprechen Sie sie an“, appelliert Eva Schuh. Wichtig sei jedoch, dies mit Feingefühl zu tun. Statt zu sagen: „Ich bin mir sicher, dass etwas nicht stimmt“, sei es besser zu formulieren: „Ich habe das Gefühl, dass es dir nicht gut geht. Wenn dem so ist, gibt es Anlaufstellen, an die du dich wenden kannst.“
Erzählt eine Frau von sich aus von Problemen in ihrer Beziehung, sei vor allem entscheidend, zuzuhören. „Ganz wichtig ist, nicht vorschnell zu sagen: ,Das kann ich mir gar nicht vorstellen.‘ Auch wenn das nicht böse gemeint ist, verunsichert das viele Frauen, weil sie befürchten, dass ihnen niemand glauben wird“, sagt Ablinger.








Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden