"Wenn der Wohnraum seine Funktionalität verliert, ist das kein Sammeln mehr"
LINZ. Bei jedem schaut's mal ein bisserl aus und niemand ist dann wirklich auf Besuch erpicht. Wird die Ausrede aber zum Dauerbrenner bzw. die Gründe, jemanden nicht in die Wohnung zu lassen, unplausibel, sollte man hellhörig werden. Denn Messies schaffen es lange unbemerkt zu bleiben, zumal sie nach außen meist sehr perfekt auftreten.

„Dass wir Dinge um uns haben möchten, die wir gar nicht existenziell brauchen, ist etwas evolutionär Menschliches. Wir müssen aber unterscheiden zwischen, Menschen die sammeln, und Menschen, die pathologisch horten“, erklärt Messie-Expertin Kerstin Karlhuber von Exit-sozial.
Wesentliche Unterscheidung
Sammler sind stolz auf ihre Sachen, sie zeigen sie gerne her und können die Situation meist finanziell gut einschätzen, auch wenn es für Außenstehende zum Teil unverständlich ist. Und: Der Wohnraum ist von der Sammlung vielleicht geprägt, aber nicht beeinträchtigt.
Bei Messies – vom englischen Wort für Müll, den sich Betroffene in den USA in den 80er Jahren selbst gaben – ist es genau andersrum. „Wenn ich zum Beispiel nicht einfach in meine Küche gehen kann, um mir was zu kochen, weil ich vorher womöglich drei Säcke Müll entsorgen müsste, ich außerdem kein sauberes Geschirr habe und zudem der Kühlschrank gar nicht aufgeht, weil alles vollgeräumt ist“, beschreibt Karlhuber: „Wenn der Wohnraum seine Funktionalität verliert, ist das kein Sammeln mehr und auch kein 'es schaut grad a bisserl aus' mehr, sondern ein klassisches Kriterium dafür, dass es sich um eine krankheitswertige Störung handelt.“
Verhalten bleibt lange unentdeckt
Zudem schämen sich Messies für ihr Verhalten, denn ein gewisses Maß an Ordnung zu halten, wird gesellschaftlich verlangt. „Bei Frauen ist diese Scham aus ihrer Erziehung heraus, dass sie auf die Ordnung zu achten haben, noch größer“, weiß die Expertin.
Gerade weil sie sich schämen, versuchen Messies ihr Verhalten zu verheimlichen. „Natürlich vor der Familie und Freunden, aber auch vor dem Nachbar, der im Mehrparteienhaus vorbeigeht und womöglich ins Vorzimmer sieht. Betroffene sind super im Ausreden finden, warum denn ein Besuch jetzt gerade nicht geht“, weiß Karlhuber. Messies bleiben deshalb lange im Verborgenen, zumal ihnen äußerlich im Sinne einer Art Verwahrlosung meist nichts anzukennen ist. „Im Gegenteil, aus Angst entdeckt zu werden, treten solche Menschen nach außen hin oft sehr perfekt auf, um nicht als unordentlich wahrgenommen zu werden. Sie würden zum Beispiel niemals wie ich in der Jogginghose mit dem Hund spazieren gehen“, beschreibt die Expertin.
Messies haben auch ein Problem, Prioritäten erkennen zu können. Das zeigt sich im Zustand der Wohnung, aber auch in anderen Lebensbereichen, etwa im Erkennen von Zahlungsprioritäten. „Betroffene wenden dafür keine Energie auf. Zum Beispiel kommt es vor, dass jemand drei Handyverträge hat obwohl er nur einen braucht. Aber um die zwei anderen zu kündigen, müsste er sich die Unterlagen raussuchen, was immer wieder verschoben wird. So kommt es sehr oft zu Verschuldungen“, erklärt Karlhuber.
Auslöser liegt meist in der Kindheit
Der Auslöser, warum Menschen zu pathologischen Hortern werden, ist laut Expertin in der Kindheit verwurzelt. „Die Betroffenen versuchen mit Äußerlichkeiten eine innere Leere zu füllen. Das allein ist aber nicht pathologisch, denn jeder von uns ist mal frustriert, kauft sich etwas und fühlt sich dann besser. Bei Messies sind es aber keine kurzzeitigen Befindlichkeitsstörungen, sondern sehr große Kränkungen, Verletzungen, Vernachlässigungen, die meist wiederholt, über einen längeren Zeitraum in der Kindheit passiert sind. Sie haben einen großen Mangel, auf emotionaler Ebene für sich selbst zu sorgen“, so Karlhuber, das könne auch eine Beziehung nicht zu 100 Prozent aufwiegen.
Frauen und Männer sind übrigens gleichermaßen betroffen, ein Unterschied stellt lediglich das Faible dar: ist es bei einer Frau vielleicht Porzellan, sind es beim Mann wahrscheinlich eher Elektrogeräte. Auch zieht sich die Krankheit durch alle Gesellschaftsschichten, „wobei die Dunkelziffer bei besser verdienenden Menschen aufgrund von mehr Geld und Wohnraum wahrscheinlich höher ist.“
Der Weg zum Messie ist meist schleichend und beginnt oft im jungen Erwachsenenalter. Wobei viele Junge, bei denen es mal heftig ausgeschaut hat, mit dem Alter die Kurve, bei Älteren kann es hingegen auch ein Hinweis auf Demenz sein. „Bei Einzelnen ist auch ein Schicksalsschlag, etwa der Tod eines Elternteils, ausschlaggebend. Das wird versucht, den zweiten Haushalt in den eigenen zu integrieren. Weil wenn man etwas davon wegschmeißen würde, würde man die Mutter ja nicht wertschätzen. Ein Zeichen dafür, dass die Bindung scheinbar nicht gewesen sein kann“, erklärt die Expertin.
Bei Verdacht ansprechen
So oder so ist es gut, wie bei jeder anderen psychischen Erkrankung, den Betroffenen bei Verdacht anzusprechen. „Die beste Unterstützung ist natürlich die Person zu motivieren, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Leider gilt aber auch in diesem Fall: Wenn jemand nicht zum Trinken aufhören möchte, wird er nicht aufhören. Das sind dann wirklich die dramatischen Fälle, bei denen es zu Zwangsräumungen kommt.“


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