Suche


Weitere Angebote

Sociale Medien

Kontakt

Das weibliche Herz tickt anders: Linzer Kardiologin über entscheidende Unterschiede in der Medizin

Nora Heindl, 09.04.2026 10:40

LINZ/WIEN. Werden Frauen in der Medizin nach wie vor wie Männer behandelt – und welche Folgen hat das auf ihre Gesundheit? Im Podcast „Lebenswerk“ der Ordensspitäler Österreichs spricht Kardiologin Regina Steringer-Mascherbauer vom Ordensklinikum Linz Elisabethinen über bestehende Unterschiede in Diagnostik und Therapie und warum ein Umdenken dringend erforderlich ist.

  1 / 2   Medizinische Erkenntnis zeigen, dass der Outcome besser ist, wenn Frauen von Frauen behandelt werden. (Foto: stock.adobe.com/Yuri Arcurs/HockleyM1/peopleimages.com)

„Studiendaten belegen, dass Frauen immer noch wie Männer behandelt werden“, betont die Gendermedizin-Expertin im Podcast. Gerade bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen könne das schwerwiegende Folgen haben: „Wenn wir das Beispiel eines Herzinfarkts hernehmen, dann sind unsere Symptome anders als bei Männern. Diese werden oft wenig beachtet, sodass der Zeitpunkt der Behandlung bei Frauen später einsetzt.“

Bei einem Herzinfarkt äußern sich Warnzeichen bei Frauen oft anders. Neben dem typischen Druck in der Brust können zusätzliche Beschwerden auftreten. „Bei Frauen kann es bei Belastung zu Schweißausbrüchen kommen, häufig auch zu Schmerzen in der Magengegend und auch Schmerzen, die in den Rücken ausstrahlen“, erklärt die Kardiologin.

Weil diese Symptome nicht immer sofort als Herzinfarkt erkannt werden, kommt es oft zu Verzögerungen in der Behandlung – mit potenziell lebensbedrohlichen Konsequenzen. Ein ähnliches Muster zeigt sich auch bei anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Risiko wird unterschätzt

Ein zentrales Problem ist laut der Kardiologin auch die Wahrnehmung: „Das Wichtigste ist,dass sich Frauen bewusst sind, dass sie auch an einem Herzinfarkt erkranken können.“Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind nämlich sowohl bei Frauen als auch bei Männern die häufigste Todesursache.

Dennoch richten viele Frauen ihren Fokus stärker auf andere Erkrankungen und entsprechende Vorsorgeuntersuchungen. „Wir glauben noch immer, dass Brust- oder Gebärmutterhalskrebs die häufigste Todesursache ist. Zur Vorsorge gehen wir dort sehr konsequent, das müssen wir auch auf die Herzgesundheit übertragen.“

Dazu zählt auch, wichtige Gesundheitswerte zu kennen: „Jede Frau sollte ihrenCholesterinwert kennen, vor allem das LDL-Cholesterin.“ Auch hormonelle Veränderungenspielen eine Rolle: „Mit der Menopause steigt das LDL, weil unsere Hormone bis dahineinen Schutz bieten.“

Lebensstil als Schlüsselfaktor

Neben medizinischen Faktoren hebt Steringer-Mascherbauer die Bedeutung des Lebensstils hervor. „Rauchen ist extrem schädlich für unsere Gefäße, das müssen wir gendermedizinisch stärker adressieren.“ Ebenso seien Komplikationen in der Schwangerschaft ein wichtiger Hinweis: „Bluthochdruck oder Diabetes in der Schwangerschaft bedeuten ein erhöhtes Risiko, später eine Herzkrankheit zu entwickeln.“

Ein besonders ermutigendes Ergebnis liefert die Forschung zur Bewegung: „Mit 140 Minuten körperlichem Training pro Woche können Frauen ihr kardiovaskuläres Risiko um 25Prozent senken. Männer müssten dafür deutlich mehr trainieren, etwa 300 Minuten proWoche, um eine Risikoreduktion von 15 Prozent zu erreichen“, erklärt die Expertin.

Gendermedizin noch in den Kinderschuhen

Trotz zunehmender Erkenntnisse steckt die Gendermedizin laut der Expertin noch in den Kinderschuhen. Erst seit Kurzem werde verstärkt darauf geachtet, Frauen in Studien ausreichend zu berücksichtigen.

Dabei zeigen sich auch Unterschiede bei Medikamenten: „Frauen verstoffwechseln beispielsweise Medikamente anders und brauchen oft geringere Dosen. Wenn wir diegleichen Dosen wie bei Männern geben, haben Frauen schneller Nebenwirkungen.“

Frauen stellen sich oft selbst zurück

Ein weiterer Punkt betrifft das Verhalten im Alltag. „Frauen kommen später insKrankenhaus“, beobachtet die Expertin. Häufig stehen familiäre Verpflichtungen imVordergrund: „Sie machen sich Sorgen, ob die Kinder oder der Partner versorgt sind, undstellen sich selbst zurück. In Gesprächen merkt man, dass sie sich mehr Sorgen um dieFamilie als um sich selbst machen.“

Auch bei Rehabilitationsmaßnahmen zeigt sich dieses Muster: „Viele Frauen sagen, dass siedafür keine Zeit hätten.“ Hier brauche es ein Umdenken: „Man muss Frauen oft bewusstmachen, dass sie jetzt im Mittelpunkt stehen und ihre Erkrankung behandelt werden muss.“

Bewusstsein für Herzgesundheit stärken

Regina Steringer-Mascherbauer engagiert sich auch über ihre klinische Tätigkeit hinaus. Sie ist Mitgründerin des Vereins Women’s Heart Austria, der zwei zentrale Anliegen verfolgt.

Zum einen geht es um die gezielte Förderung junger Kardiologinnen. Dahinter steht auch eine medizinische Erkenntnis: „Wenn Frauen Frauen behandeln, ist das Outcome besser, weil wir dieselbe Sprache sprechen und sensibler mit den Informationen umgehen können, die Patientinnen uns anvertrauen.“

Zum anderen setzt sich der Verein für mehr Bewusstsein in der Bevölkerung ein. Ziel ist es, das Wissen über Herzgesundheit bei Frauen zu stärken und das Thema stärker in den öffentlichen Fokus zu rücken.

Der Ausblick ist klar formuliert: „Idealerweise müssen wir in zehn Jahren nicht mehr über Gendermedizin sprechen, weil sie selbstverständlich gelebt wird.“

Bis dahin bleibt jedoch noch viel zu tun. Dazu gehört auch: „Jede Frau sollte sich ihres Wertes bewusst sein, Symptome ernst nehmen und rechtzeitig zum Arzt gehen.“

Den Podcast „Lebenswerk“ der Ordensspitäler Österreichs findet man auf allen gängigenPlattformen und auf www.ordensspitaeler.at/podcast


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.

Jetzt anmelden