"Am schönsten ist es, wenn taktische Kniffe im Match voll aufgehen"
LINZ. Andreas Gahleitner hat einen steilen Aufstieg hingelegt. Vor zweieinhalb Jahren war der 39-jährige noch Trainer beim OÖ-Liga-Klub Union Edelweiß - bis ihn Anfang 2020 der LASK für seine Akademie als Talente-Coach an Bord holte. Bei der Fußball-EM, die am 11. Juni in Rom beginnt, verstärkt er den Betreuerstab des österreichischen Nationalteams als Spielanalyst. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit wird die Gegneranalyse sein. Über diese und vieles weitere spricht der Oberösterreicher mit Tips.

Tips: Sie waren 2019 noch als Cheftrainer in der OÖ-Liga tätig – hätten Sie sich zu dem Zeitpunkt erträumen lassen, dass Sie zwei Jahre später als Spielanalyst bei einer Europameisterschaft dabei sein werden?
Andreas Gahleitner: Nein, natürlich nicht! Das A-Nationalteam ist das oberste Level, insofern ist das eine große Ehre und gleichzeitig auch Verantwortung. Ich bin sehr dankbar und stolz!
Tips: Sie waren bisher Talente-Coach beim LASK – was genau waren Ihre Aufgaben in dieser Funktion?
Gahleitner: Ich bin aktuell in einem projektbezogenen Dienstverhältnis bis Ende der EM. Grundsätzlich ist der Plan, dass ich danach wieder in meine Aufgaben beim LASK und beim U21-Nationalteam schlüpfe. Meine Aufgabe beim LASK ist die individuelle Betreuung der hoffnungsvollsten Talente in den verschiedensten Bereichen. Das geht von Individualtrainings über individuelle Matchanalysen bis hin zu organisatorischen Dingen.
Tips: Wie schwer fällt Ihnen der Umstieg von der Individual- auf die Gruppen- bzw. Mannschaftstaktik?
Gahleitner: Gar nicht schwer, immerhin war ich zuvor fünf Jahre Chef-Trainer in der OÖ-Liga und habe auch jetzt parallel als Assistenztrainer bei der U-21 eine Mannschaft mitzubetreuen und setze mich dort auch sehr stark mit mannschaftstaktischen Themen auseinander.
Tips: Welche Rolle spielt in der Umsetzung taktischer Inhalte die Spielintelligenz eines Spielers?
Gahleitner: Die Spieler müssen in hohen Drucksituationen in Bruchteilen einer Sekunde Entscheidungen treffen. Spielintelligente Spieler erahnen Spielsituationen schneller und bleiben dabei viel ruhiger und machen dadurch weniger Fehler. Es spielt also eine entscheidende Rolle, wie ausgeprägt die Spielintelligenz ist.
Tips: Wie schwer ist es, komplexe Sachverhalte aus Ihren Beobachtungen so runter zu brechen, dass es die Spieler verstehen?
Gahleitner: Das ist im Grunde das Entscheidende, dass es möglichst verständlich und klar auf den Punkt gebracht wird. Obwohl dabei schon zu erwähnen ist, dass die Spieler im Nationalteam alle bereits taktisch sehr gut geschult sind.
Tips: Wie wichtig ist Taktik Ihrer Meinung nach?
Gahleitner: Ich denke, dass die Taktik im modernen Fußball immer wichtiger wird und sie soll wie bereits erwähnt ein Grundgerüst für die Spieler sein, an dem sie sich festhalten können. Am Ende des Tages ist es aber trotzdem noch ein „players-game“ und die individuelle Qualität entscheidet dann oft über Sieg oder Niederlage.
Tips: Welche Rollen spielen Statistiken/Daten in Ihrem Bereich?
Gahleitner: Es gibt Statistiken und Daten in Hülle und Fülle. Das ist jedoch ein hochsensibles Thema, da man aufpassen muss, wie diese Daten interpretiert werden. Es kann jedoch eine gute Möglichkeit sein, um eine Message nochmal zu unterstreichen.
Tips: Gab es einen Moment in Ihrer Arbeit, der Sie bisher besonders fasziniert hat?
Gahleitner: Am schönsten ist es, wenn taktische „Kniffe“ im Match voll aufgehen und man dadurch eine entscheidende Hilfestellung gibt. Einen solchen Moment hatten wir bei der U21 im November 2018 gegen Griechenland, als wir uns über das Play-Off für die Euro qualifiziert haben.
Tips: Wie wird man eigentlich Spielanalyst?
Gahleitner: Das ist schwierig zu beantworten. Ich habe mich immer schon während meiner aktiven Zeit mit taktischen Dingen beschäftigt. Während meines Sportwissenschaftsstudium habe ich mich darauf spezialisiert. Als Trainer im Nachwuchs- und Amateurbereich konnte ich danach viel ausprobieren. Dann kam der nächste Schritt als Analyst bei der U-21 und jetzt beim A-Team. Es hat sich somit alles nach und nach entwickelt.
Tips: Sie sind studierter Sportwissenschaftler – wie sehr profitieren Sie von diesem Studium in Ihrem Bereich?
Gahleitner: Sehr, ich habe dort speziell den technischen Grundstein für die Analysearbeit gelegt und erste Kontakte in diesem Bereich geknüpft.
Tips: Welche Aufgaben haben Sie für die EM-Vorbereitungszeit von Franco Foda bekommen?
Gahleitner: Ich bin einerseits für die Gegneranalyse, Nachanalyse des eigenen Matches, Datenanalyse, Präsentationsvorbereitungen und für Animationen bei der Spielvorbereitung zuständig. Wenn Bedarf ist, bin auch am Platz mit dabei.
Tips: Was ist Ihre Aufgabe während eines Spiels?
Gahleitner: Meine Aufgabe ist die detaillierte Beobachtung des Gegners. Gibt es beispielsweise Formationswechsel oder taktische Veränderungen beim Gegner gebe ich das auf die Bank weiter. Gleichzeitig gilt es Lösungen zu finden, wenn wir einen Gegner/Spieler oder einen gewissen Raum nicht gut kontrollieren können. Zusätzlich werden in der ersten Halbzeit Szenen vorbereitet, die dann bei der Halbzeitbesprechung gezeigt werden können.
Tips: Zum Schluss die klassische EM-Frage. Wie weit kommt Österreich und wer wird Europameister?
Gahleitner: Das ist schwer zu beantworten. Grundsätzlich wollen wir mal ein Spiel gewinnen bei einer EM. Das ist bisher ja noch nicht gelungen. Über die Gruppenphase hinaus zu kommen wäre eine tolle Sache. Auch wenn ich nicht gut im Tippen bin, für mich ist Frankreich Favorit.


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