Neuer Militärkommandant Dieter Muhr im Interview

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Alexandra Mittermayr Online Redaktion, 18.02.2020 17:04 Uhr

LINZ/OÖ. Oberösterreich hat einen neuen Militärkommandanten. Im Interview gibt Dieter Muhr Auskunft über die notwendigen Investitionen, wo Nachholbedarf besteht und welche Prioritäten er setzen wird. Er erzählt unter anderem, warum bei Bedrohungen im Cyberbereich der Mensch das schwächste Glied ist und wie er das Bundesheer als Arbeitgeber sieht.

Tips: In der öffentlichen Wahrnehmung wird das Bundesheer salopp als Schrottarmee wahrgenommen. Stimmt das Bild bzw. kann das Bundesheer unser Land noch verteidigen?

Dieter Muhr: Ich würde es nicht als Schrottarmee bezeichnen, aber es ist eine Armee, die mit einem älteren Baujahr von einem Fahrzeug durch die Gegend fährt. Also es ist kein Schrottfahrzeug – es ist ein Fahrzeug. Es funktioniert und fährt noch.

Tips: In der Wahrnehmung ist es so, dass viele Geräte vorhanden sind, die eigentlich nicht mehr einsatzfähig sind.

Muhr: Für das, was wir brauchen und was wir tun sollen, sind sie einsatzfähig. Aber man sieht schon das Ende kommen, und bei manchen Geräten ist das Ende schon sehr nahe. Wenn man jetzt an Szenarien denkt, die zukunftsorientiert sind, die auf uns zukommen, da haben wir natürlich immensen Nachholbedarf.

Tips: Und wenn man jetzt wirklich an den Ernstfall denken würde, hat man da nur einen Funken einer Chance mit so uralten Geräten?

Muhr: Einen Funken einer Chance mit so alten Geräten hat man selten. Die Frage ist, von welchem Szenario geht man aus. Vom Verteidigungsfall, der früher im Kalten Krieg gewesen ist, haben wir uns mittlerweile verabschiedet. Wir sind mitten in Europa, wir sind in einer Zone des Friedens und der Sicherheit. Wir gehen nicht davon aus, dass irgendwelche Nachbarn aggressiv gegen uns vorgehen wollen. Es ist auch die Blocksituation Ost gegen West weg. Würde man jetzt verteidigen wollen wie vor 30 Jahren oder in einer ähnlichen Situation, dann hätten wir natürlich keine Chance. Diese Bedrohung existiert derzeit nicht und ist hinten angestellt. Dafür sind neue Bedrohungen dazu gekommen: Wir müssen den Schutz für die Bevölkerung liefern. Da kann der organisierte und systemische Terrorismus dahinterstehen, aber auch Szenarien wie Unruhen in der Nachbarschaft. Es können Auswirkungen von Auseinandersetzungen, die weiter weg sind, näher kommen, die wiederum Auswirkungen auf die Migration oder auf Gesellschaftsschichten sowie Personen in Österreich haben. Wenn ich an die Ukraine denke, wenn ich an Syrien denke, wenn ich an Libyen denke, dann kann das Auswirkungen auf Österreich haben und darauf sollten wir uns schon ausrichten. Wir sollten uns auch auf unsere Zweitfunktion ausrichten und zwar, dass wir bei Assistenzeinsätzen tätig werden können - da haben wir ebenfalls Nachholbedarf. Da ist das Gerät schon sicher alt. Wenn ich ganz neue Bedrohungsformen hernehme wie den Bereich Cyber oder hybride Bedrohungsformen, da können wir noch reden, was da ist. Wir haben zwar kleine und sehr feine schlagkräftige Elemente, aber im Prinzip müssten wir da noch viel breiter aufgestellt werden.

Tips: Weil ja gerade in den letzten Wochen das Außenministerium massiv betroffen war und es von meiner Wahrnehmung eine Zusammenarbeit gibt mit dem Bundesheer, die Frage: Warum ist es so schwierig, dass man so lange braucht, dass man das in den Griff bekommt?

Muhr: Also genau genommen kann man es gar nicht in den Griff bekommen, weil eine Cyberattacke immer stattfinden kann. Es ist nur eine Frage des Aufwandes und der Zeit. Im Prinzip kann man fast in jedes System eindringen, wenn das Geld, das Personal und die Mittel zur Verfügung stehen. Merken tut man es erst, wenn es passiert ist. Sich im Vorhinein zu schützen, kann man mit technischen Mitteln machen. Auch da ist es wieder die Frage des Aufwandes: Was kostet das und wer ist der Stärkere? Aber eigentlich merkt man die Cyberattacke erst dann, wenn es passiert ist. Das heißt, es muss die Auswirkung schon geben. Dann muss man es erst einmal realisieren, dass es überhaupt passiert ist und dann analysieren, was überhaupt betroffen ist. Man muss versuchen, diesen Bereich zu isolieren und versuchen, zurückzuverfolgen, woher der Angriff kommt. Und da wissen wir aber auch ganz genau, wenn das einer macht, der sich ein bisschen auskennt, dann ist das nicht rückverfolgbar. Man kann das über die ganze Welt so verschleiern und vernetzen, dass letztendlich der Ursprung nicht feststellbar oder beweisbar ist. Und letztendlich endet es dann bei der Frage, wer jetzt wirklich vorm Computer gesessen ist. Der wird längstens nicht mehr da sein und hat auch seine Visitenkarte nicht hinterlassen. Man kann immer nur was machen, wenn es schon passiert ist, und dann das Ausmaß eindämmen, daraus lernen und die eigenen Sicherheitsmaßnahmen erhöhen. Eine absolute Sicherheit gibt es da nicht. Wir haben Spezialisten wie Forensiker in unserem Bereich, weil wir die Netze des Bundesheeres schützen müssen. Es gibt ja strikte Vorschriften, wenn man im internationalen Bereich und bei Auslandseinsätzen tätig ist, und dieses Know-how kann man auch auf ein Netzwerk anwenden, das zum Beispiel das Außenministerium verwendet hat. Da kommen unsere Spezialisten sehr weit und sind auch sehr gut aufgestellt.

Tips: Wäre es da nicht notwendig, bei so sensiblen Themen wie Verteidigung überhaupt geschlossene Einheiten zu haben, so dass von außen gar niemand mehr eindringen kann?

Muhr: Im Cyberbereich?

Tips: Ja!

Muhr: Geschlossene Einheiten, die das verhindern könnten? Sie meinen ein Netzwerk nur für das Bundesheer, das wirklich nur Zugriffsmöglichkeiten für das Bundesheer hat, aber nicht von extern?

Tips: Ich meine ein geschlossenes System, in das überhaupt keiner reinkommt.

Muhr: Ja, sicher wäre so ein System das Gescheiteste.

Tips: Ist es machbar?

Muhr: Ja sicher ist es machbar. Das Bundesheer verfügt auch über Systeme, die in sich selbst abgeschlossen sind. Diese müssen aber trotzdem gewartet und abgesichert werden, was schwierig ist. Es wird immer aufwändiger und teurer, eigenständige Netze aufrecht zu erhalten und zu betreiben, weil alleine die Software, die da drauf läuft, und die ganzen Sachen immer Eigenentwicklungen sind, die extra zu machen sind.

Tips: Das heißt, die Daten laufen dann trotzdem auf den allgemeinen Netzen? Es ist de facto nur durch die Software was Eigenes?

Muhr: Nein, wir haben eigene Netze, bei denen Hard- und Software voneinander getrennt sind. Die Hardware hat keine Schnittstellen nach außen. Aber natürlich ist es auch schwierig, weil viele Sachen sowieso über das Internet laufen, da brauchst du dann bestimmte Schnittstellen. Da haben wir technologische Möglichkeiten, so dass es zwar voneinander getrennt wird, man aber trotzdem über Internet Zugriff hat. Eine absolute Sicherheit gibt es auch da nicht.

Tips: Über diese Schnittstellen könnte rein theoretisch einer reinkommen?

Muhr: Über diese Schnittstellen kann immer jemand reinkommen, weil diese Schnittstellen auch nur von Menschen gewartet und bedient werden. Im Prinzip ist im Cyberbereich der Mensch das schwächste Glied. Jeder hat ein Passwort, jeder hat einen Rechner und von dort kann ich immer auf eine gewisse Art und Weise eindringen.  

Tips: Was braucht das Bundesheer am nötigsten und vielleicht in der Reihenfolge, was jetzt wirklich extrem dringlich ist?

Muhr: Ich würde mich hier gerne auf Oberösterreich beschränken. Aus meiner Sicht ist es das Vordringlichste, dass die Basisleistung wieder sichergestellt oder daran gearbeitet wird. Die Infrastruktur, das Fahren, Heizen, Bäume schneiden, Rasen mähen, Kochen… Alle diese Sachen sind mittlerweile schwieriger geworden. Das hat verschiedene Gründe, unter anderem weil wir Personalabgänge haben. Das Bundesheer ist in den 80er Jahren groß aufgebaut worden und es wird von Babyboomern geredet, die jetzt reihenweise in Pension gehen. Viele angehende Pensionisten verrichten handwerkliche Tätigkeiten, für die es sehr schwer ist, wieder Leute zu finden. Aber das trifft eh alle – die Industrie, die Wirtschaft usw. Wer geht jetzt als Koch zum Bundesheer? Das muss auf jeden Fall abgesichert und abgedichtet werden, damit die Basisleistungen wie schlafen, essen, transportieren und lagern, schießen und ausbilden, in der Grundaufstellung passen. Dazu kommen auch das Heizen und die Infrastruktur. Das ergibt einen ziemlichen Investitionsbedarf, der auch schon ausgerechnet worden ist. Alleine um die Infrastruktur auf einen Standard zu bringen, dass es so ist, dass es passt, müsste man 120 Mio. Euro alleine in Oberösterreich in die Hand nehmen, dass wir einen vergleichbaren Standard haben.

Das wäre der erste Schritt und auf das gehört aufgebaut. Wie immer das dann aussieht, da hat die Frau Bundesminister mit dem neuen Regierungsprogramm eben die Devise ausgegeben: Wir gehen nicht vom Worst-Case-Szenario aus, nach dem Motto, in vierzig Jahren kann ja wieder ein Ost-/Westkonflikt auftauchen und auf den bereiten wir uns vor, sondern wir gehen nach den wahrscheinlichen Szenarien vor. Das sind der Schutz der Bevölkerung, der Cyberbereich und die Katastrophenhilfe, wobei diese eine Zweitfunktion ist. Und dazu braucht es Transportmittel, modernere Waffen und Geräte - und da haben wir Nachholbedarf. Unsere Ausrüstung ist in die Jahre gekommen. Wie wohl schon punktuell Sachen beschafft werden, die in Ordnung sind, aber richtig groß und flächendeckend haben wir sicher Nachholbedarf und das betrifft auch die Miliz.

Tips: Was wäre diese zweite Phase an Budgetposten in etwa?

Muhr: Da traue ich mir keine Auskunft zu geben, weil das betrifft natürlich auch die Luftstreitkräfte, die Flieger, die Nachbeschaffungen der Hubschrauber usw. Das wird sicher einiges sein, aber dazu gibt es den Bericht von Bundesminister Thomas Starlinger, da ist die Rede von 16-20 Milliarden Euro, die er über den Generalstab ausrechnen hat lassen, die da als Investitionsbedarf für das Bundesheer gesehen werden. Er sieht das mit dem Generalstab als Nachholbedarf und Investitionsbedarf und unterhalb der Schwelle der Verteidigung. Also nur, dass wir mal Schutz für die Bevölkerung in Krisensituationen bieten können, ist das damals ausgerechnet worden. Das ist natürlich immens. Das ist zustande gekommen, weil man natürlich viele Jahre froh war, dass die Ost-/Westsituation weg ist. Man hat in Wirtschaft, in die Industrie, Bildung, in Gesundheit investiert. Wir sind alle Nutznießer davon. Mittlerweile stellt sich aber heraus, dass man in die Sicherheit ganz bestimmt wieder investieren wird müssen, weil die gesamte Situation rund um Österreich etwas volatiler geworden ist.

Tips: Welche Akzente als neuer Militärkommandant für Oberösterreich werden Sie setzen? Wollen Sie etwas dramatisch verändern und das natürlich unter diesen Rahmenbedingungen, die halt gerade herrschen? Die Mittel sind wahrscheinlich auch in absehbarer Zeit überschaubar.

Muhr: Das Wichtigste ist, dass wir die Aufgabe und den Auftrag erfüllen. Die Hauptaufgabe und die Hauptaufträge sind, dass wir die Einsätze, die von uns gefordert sind, abliefern und die Einsatzvorbereitung machen können. Wir sind Ausbildner für Auslandseinsätze und auch für Inlandseinsätze, wie jetzt für den Migrationseinsatz.  Das muss auf jeden Fall sichergestellt werden. Das Zweite ist die Basisleistung, dass man das System Bundesheer in Oberösterreich so genau kennt und wir die Mittel, die wir haben, sparsam genau dort einsetzen, wo sie möglichst lange halten und gut funktionieren. Und das Dritte ist, dass wir uns so vorbereiten sollten, dass, wenn Gelder nach Oberösterreich kommen und Investitionen laufen, wir fähig und bereit sind, die Vorhaben auch umzusetzen. Administration und Behördenläufe sind mit viel Arbeit verbunden und darauf müssen wir uns vorbereiten. Das leistungsbereite Arbeitsklima der Menschen und der Soldaten steht da im Vordergrund. In der nächsten Zeit gehen viele Leute von uns in Pension und das heißt, die Jüngeren oder Mittelalten müssen viel mehr Aufgaben übernehmen, weil wir weniger werden. Darum muss man mit geeigneten Maßnahmen, Methoden und Abläufen dafür sorgen, dass wir trotzdem noch arbeitsfähig sind und dass wir umsetzen können, was von uns erwartet wird.

Tips: Kann man trotz der Abgänge und trotz der reduzierten Mittel da so viel umstellen?

Muhr: Ja, das müssen wir und das passiert auch schon - auch in den letzten Jahrzehnten. Wir haben laufend umstrukturiert und zusammengefasst und das passiert auch jetzt. Das nennt sich Strukturreformen: Abläufe verkürzen, die Hierarchien flacher machen. Wünschenswert wäre natürlich, wenn beim Budget möglichst in die Basis investiert wird und bei den Bedarfsträgern. Wir werden sehen, was wir bekommen.

Tips: Wird es Veränderungen bei den Kasernen geben? Seien es Verkleinerungen oder Schließungen?

Muhr: Also ich gehe davon aus, dass das nicht so ist. Aus dem einfachen Grund: Die oberösterreichischen Kasernen sind voll. Wir haben überhaupt keinen disponierbaren Bestand. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man hier irgendwo noch ein Gebäude sperren könnte. Wir haben auch nicht das Geld und den Willen, irgendwo noch Gebäude zu bauen, was notwendig wäre. Daher gehe ich davon aus, dass es im Prinzip mal so bleibt, wie es derzeit ist, und der Bedarf ist ja gegeben. In Oberösterreich sind ohnehin in der Vergangenheit viele Kasernen gesperrt worden.

Tips: Wenn wir zur Miliz schauen, wird sich da was verändern an der Mannstärke zum Beispiel?

Muhr: Bei der Mannstärke wird sich nichts verändern, der Stellenwert der Miliz soll angehoben werden. Ich habe gerade erst mit dem Bataillons-Kommandanten vom Jägerbataillon Oberösterreich gesprochen, der schon Vorschläge ausgearbeitet hat, wie man Miliz attraktiver machen und Soldaten ins Jägerbataillon Oberösterreich bringen kann. Das ist alles mit Geld verbunden: Ausrüstung, Fahrzeuge und Material würden natürlich die Motivation und den Stellenwert heben.

Tips: Stichwort Fahrzeuge: Gibt es schon irgendwelche konkreten Pläne, dass es neue Fahrzeuge geben wird?

Muhr: Pläne gibt es viele, aber materialisiert hat sich vorerst noch nichts. Wir sind jetzt in der Situation, dass wir das Budget noch nicht bekommen haben. Der Budgetbrief sollte diese oder letzte Woche eintreffen, mit wie viel Budget das Bundesheer tatsächlich rechnen kann. Für Beschaffungen liegen die Pläne am Tisch oder in den Schubladen. Viele dieser Projekte können im Prinzip umgesetzt werden, wobei es nicht das Militärkommando ist, das die Fahrzeuge beschafft, sondern es läuft alles zentral über Wien.

Tips: Ist es in Planung, dass es eine Neuanschaffung bei der Hubschrauberflotte geben wird? Wie realistisch ist es, dass sie kommt?

Muhr: Prognosen kann ich nicht abgeben. Ich weiß nur, dass die Planungen davon ausgehen, dass die Hubschrauberflotten, die jetzt stillgelegt werden, durch einen Mehrzweck- oder Allzweckhubschrauber ersetzt werden sollen. Die Voraussetzungen sind gegeben. Ich glaube, es ist die Rede davon, dass das außerbudgetär finanziert werden soll und muss, anders wird es wahrscheinlich nicht gehen.

Tips: Soll dieser Ersatz in Oberösterreich stationiert werden?

Muhr: Der Ersatz für die „Alouette III“, die ja in Aigen im Ennstal stationiert ist, wird nach den Planungen auch wieder in Aigen im Ennstal sein. Die Hubschrauber „Agusta Bell 212“, die bei uns sind, sind gerade einem sogenannten „Midlife-Update“ unterzogen worden. Das heißt, die haben jetzt digitale Avionik, sind grundüberholt und auf einen neuen Stand gestellt worden. Die sollten nach den Planungen noch 10-15 Jahre fliegen und sind in Hörsching stationiert. Die anderen Typen wie zum Beispiel die „Sikorsky S-70“ sind in Langenlebarn stationiert. Da gibt es Planungen, noch zusätzliche Hubschrauber zu beschaffen, aber das bezieht sich dann auf Langenlebarn.

Tips: Aber das heißt, Sie können jetzt noch nicht wirklich sagen, was im Regierungsprogramm berücksichtigt worden ist an den Notwendigkeiten, die in dem Bericht „Unser Heer 2030“ aufgeschlüsselt sind?

Muhr: Heute kann ich das noch nicht sagen, weil der Budgetbrief noch nicht gekommen ist. Man hört zwar einiges, aber es wäre unseriös, da etwas dazu zu sagen. Es sollte letzte Woche, diese Woche, der Budgetbrief aus dem Finanzministerium kommen, der uns dann sagt, wie viel es wirklich ist oder mit welchem Geld wir zu rechnen haben und wie das funktioniert.

Tips: Was dann umgesetzt wird, entscheidet nicht das Bundesheer selbst, sondern das wird im Ministerium entschieden?

Muhr: Ja!

Tips: Ich stelle mir das jetzt als Laie vor, aber wenn die ganzen Fachleute, sprich Sie und alle anderen, die ja nahe dran sind, sagen, wir brauchen jetzt mal Fahrzeuge, damit wir überhaupt fahren können, bevor wir überhaupt irgendwas Anderes umsetzen?

Muhr: Das habe ich ja gesagt. Als Erstes muss die Basisleistung passen, dann müssen Einsatz und Einsatzvorbereitung passen, und dann sind natürlich die gesetzlichen Verpflichtungen abzudecken wie Gehälter. Was dann übrig bleibt, ist der Invest. Das sind halt Sachen, die schon fix gebunden sind. Die Problematik, die Starlinger aufgezeigt hat und die im Bericht vorgekommen ist, ist, dass wir nächstes Jahr fast keinen Invest mehr haben, sondern dass die Mittel an sich gebunden sind. Und je nachdem, wie jetzt das Budget daherkommt, werden wir dann sehen, wie viel Invest möglich ist. In der Regel ist es dann so, dass das der Generalstab der Frau Minister vorschlägt und der dort sagt, was von dem jetzt wirklich gemacht und umgesetzt wird. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Liste lang ist und nur ein kleiner Teil umgesetzt werden wird. Und es ist eine Mutmaßung, was da jetzt umgesetzt wird. Was soll ich jetzt sagen: Der Sprit ist wichtiger als die Fahrzeuge, als die Luftfahrzeuge, als die Infrastruktur. Es gibt also Investitionsbedarf bei viel mehr, als uns jetzt im ersten Moment zur Verfügung stehen kann, weil es einen Investitionsrückstau gibt.

Tips: Kurz zum Thema: das Militär als Arbeitgeber. Sie haben es vorher schon etwas angesprochen. Das Schwierige ist, wie beliebt und bedeutend ist das Militär als Arbeitgeber?

Muhr: Gute Frage! Da gibt es Studien dazu und ein ganz gutes Interesse für das Bundesheer als Arbeitgeber. Das Bundesheer ist, wenn man Teil des Systems ist, viel interessanter, abwechslungsreicher und auch „angenehmer“, als es vielleicht wo anders ist. Das kann man wirklich so sagen. Als Arbeitnehmer kommt man natürlich eher zum Bundesheer, wenn man selber mal dabei gewesen ist. Die Ersten, die wir ansprechen, sind die Grundwehrdiener. Bei den Grundwehrdienern ist es so, dass in etwa die Hälfte des Personals bei uns einrückt. Die andere Hälfte ist untauglich oder macht Zivildienst und das ist unser Werbepotential. Jetzt kommen sie aber nicht zu uns, um umworben zu werden, sondern sie kommen nur zu uns, um den Dienst zu leisten, um etwas zu tun, und werden dort natürlich verwendet. Sie müssen das machen, was notwendig ist, sowie wir alle, aber wir schauen, dass wir ihnen einen attraktiven Arbeitsplatz bieten. Es ist so, dass wir in Konkurrenz zu Wirtschaft und Industrie stehen, die jetzt immer mehr bieten – vor allem in Oberösterreich. Erstens: Bezahlung, zweitens: Ich sehe das bei den Freunden von meinen Töchtern, die bekommen nach der HTL auch gleich mal ein Dienstauto und alles Mögliche. Die Zeiten ändern sich da in dieser Richtung, da wird das Bundesheer so nicht mithalten können. Gar keine Frage, wir sind im Staatsdienst und des Kaisers Rock ist eng, sagen wir immer. Aber nichtsdestotrotz verdienen wir zum Beispiel mit Auslandseinsätzen viel besser - auch in jungen Jahren. Das war bei mir anders. Wir haben da 10 Jahre überhaupt eine Durststrecke gehabt, wo wir ganz wenig bekommen haben, erst mit der Zeit ist es geändert worden.

Was immer mehr im Kommen ist und was wir spüren, ist, dass die Menschen bei uns arbeiten und einen sicheren Arbeitsplatz haben wollen, dass sie nicht unter so großem Erfolgsdruck arbeiten möchten nach dem Motto: Drei bis vier Jahre wirst du ausgequetscht und wenn es nicht mehr passt, dann kommt der Nächste. Das ist bei uns sicher nicht der Fall. Man sieht auch Interessenten bei uns, die vielleicht die ersten Jahre so gearbeitet haben und dann nicht mehr wollten, bei uns jedoch sehr gut arbeiten und leistungsbereit sind. Das Arbeitsklima ist bei uns sehr gut, auf das wird geschaut. Wobei das je nach Dienststelle unterschiedlich ist, aber da legen wir ein Augenmerk drauf. Ich glaube, dass das Bundesheer ein attraktiver Arbeitgeber ist und irrsinnig viele Optionen bietet - was man hier alles machen und tun kann. Wir können die Zahlen, die wir erreichen wollen, im Prinzip auch mit dem Nachwuchs erfüllen. Was wir haben, sind sehr viele Zivilbedienstete. Bei den Frauen müssen wir versuchen, sie vom Arbeitsmarkt zu uns zu bringen und zu aktivieren. Wir beschäftigen schon jetzt sehr viele Frauen und ich glaube, dass die, die bei uns sind, uns als Arbeitgeber schätzen. Aber es wird sicher schwieriger. Dadurch, dass draußen so ein Bedarf an gut ausgebildeten und verlässlichen Arbeitskräften besteht – da stehen wir in Konkurrenz mit denen. Und dort wird doch mehr geboten, habe ich so das Gefühl.

Tips: Weiteres Thema ist das Stellungskommando Linz. Da schaut es ja danach aus, dass es in Linz bleiben soll. Ist das richtig so?

Muhr: Ja, es schaut so aus, dass es laut Landeshauptmann für Oberösterreich in Linz bleiben soll. Es ist natürlich eine Bundesentscheidung, aber da macht sich das Land schon sehr stark.

Tips: Es wird in Linz bleiben und nicht nach Hörsching hinaus verlegt?

Muhr: Es wird nach den Planungen in Linz bleiben, das ist der Stand der Dinge.

Tips: Jetzt zu Ihnen persönlich. Wollten Sie immer, von jungen Jahren weg, Karriere beim Bundesheer machen?

Muhr: Nein, ich bin ein untypischer Mitarbeiter. Ich habe Maschinenbau studiert und bin ein Quereinsteiger beim Bundesheer. Ich würde im Nachhinein sagen: Ich war immer für Abenteuer und Abwechslung und weniger für einen Bürojob. Ich wollte im Gelände draußen mit den Händen und mit mentaler Tatkraft, aber auch gleichzeitig viel mit Hirn arbeiten müssen. Es ist genau das eingetroffen, was ich machen wollte. Ich kann mir fast nichts Besseres vorstellen.

Tips: Gehen wir kurz die Stationen durch: erster Wunsch war Maschinenbau?

Muhr: Ja genau. Das habe ich dann unterbrochen. Ich habe ein Jahr im technischen Bereich als Praktikant in Amerika gearbeitet. Wobei man sich das nicht so vorstellen darf wie jetzt. Da war ein Zettel auf der TU in Wien, wo stand, Praxis-Semester dort und dort - und kein Mensch ist hingegangen. Ich habe mich dann auf die Socken gemacht, ohne Geld und ohne irgendwas. Die haben den Flug bezahlt und dann habe ich dort ein Jahr gearbeitet. Da hast du dich um alles selber kümmern und schauen müssen. Ich habe von dort eine Bestätigung zum Bundesheer geschickt, aber das hat nicht gegolten. Da hätte ich irgendeine Institutionsbestätigung schicken müssen oder so. Im Nachhinein war das so: Wie ich zurückgekommen bin nach einem Jahr, habe ich sofort einrücken müssen. Das war im Jahr 1986. Ich habe das Studium unterbrochen und war damals Wehrmann, hab den Grundwehrdienst geleistet. Ich war in der ABC Abwehr-Schule in Wien und dann ist Tschernobyl in die Luft geflogen. Wir sind von der ABC Abwehr-Schule informiert worden und in diesen Tschernobyl-Einsatz gegangen. Ich kann jetzt nicht im Detail erzählen, was wir da alles gemacht haben, das waren viele abenteuerliche und interessante Geschichten, und es hat fünf bis sechs Wochen gedauert. Dann war das Interesse geweckt: Wie kann man sich fortbilden und noch mehr lernen? Der Kompaniekommandant hat mir damals gesagt, da musst du halt ein Jahr freiwillig machen und schau, dass du gleich Offizier und am besten Milizoffizier wirst. Das hat mich dann so ergriffen, dass ich mich gleich zur Aufnahmeprüfung für die Militärakademie angemeldet habe, und von dort ist es dann in einem Hurra weitergegangen. Viel Zeit zum Nachdenken hat es eh nicht gegeben. Es hat dich einfach mitgenommen und das habe ich auch nicht bereut. Wenn wir nach 30/35 Jahren beim Klassentreffen sind - ich bin jetzt 57 Jahre alt –, stehen mir im Vergleich zu anderen immer noch viele Sachen offen. Ich bin gerade Militärkommandant geworden, kann noch ins Ausland gehen und mich beim Bundesheer weiter verwirklichen. Da sind viele andere schon Jahre stehen geblieben, wo sie heute sind, und sagen, ich hätte auch gerne einmal eine Veränderung, oder ich wollte das gar nicht. Das Bundesheer kann bis zum Schluss in jede Richtung alles bieten, man kann sich weiterentwickeln und austoben, im In- und Ausland. Ich kann nur sagen, für mich war es genau das Richtige.

Tips: Sollte noch eine reizende Aufgabe daherkommen, wäre das für Sie noch eine Option, noch einmal einen Schritt zu machen?

Muhr: Ja sicher! Aber jetzt bin ich mal in Oberösterreich und das wird auch eine Zeit so sein. Als Militärkommandant tun sich immer noch Sachen auf. Du kannst ins Ausland gehen, nach Bosnien, und dabei der Kommandant internationaler Gruppen sein. Du kannst als Militärattaché nach New York oder nach Washington gehen. Du hast in Wien noch alle Möglichkeiten: Du kannst den Planungsbereich übernehmen, den Beschaffungsbereich, den Rüstungsbereich. Also überall gibt es noch Möglichkeiten, sich weiter zu entwickeln. Das entspricht meinem Naturell, dass man nicht stehen bleibt und man immer wieder neu gefordert wird. Und so wechselt man als Generalstabsoffizier eh alle drei bis vier Jahre, oder auch öfters. Man muss sich halt, wenn man wo hinkommt, neu orientieren und wieder einarbeiten, das Hirn anstrengen und schauen, dass das alles gescheit wird - und das finde ich einfach gut.

Tips: Wie hat die neue Position Ihr Leben verändert? Stichwort: Frau – die Familie muss da mitgehen.

Muhr: Ich habe zusammengerechnet: Ich war 25 Jahre Wochenpendler plus Auslandseinsätze und Auslandsverwendungen. Die letzten 16 Jahre war ich in Wien im Ministerium. Wir haben vier Kinder. Das hat sich dahingehend vom Leben her verändert, dass sehr viel Hektik am Wochenende weg ist. Wenn man am Freitag von Wien rausfährt und um 19 Uhr heimkommt, am Samstag einkaufen fährt und auch schaut, dass man beim Haus alles richtet, weil beim Haus ist immer irgendwas, und am Sonntag gehst du schon zeitig schlafen, weil du um 4.30 Uhr wieder aufstehst, weil um 7 Uhr musst du schon wieder in Wien sein und unter der Woche kommst du nicht heim - das war halt schon über die Jahrzehnte lästig und steht sich nicht dafür.

Tips: Und jetzt?

Muhr: Wenn ich es heute nicht mache, dann mache ich es morgen: Ich bin immer noch viel schneller, weil ich es unter der Woche erledigen kann und die drei bis vier Abendtermine unter der Woche machen gar nichts, weil netto noch immer viel mehr Zeit übrig bleibt, auch für die Familie.  Es ist einfach herrlich.

Tips: Werden Sie etwas vermissen durch die neue Funktion? Gibt es eine Kehrseite?

Muhr: Nein, nicht einmal einen Hauch von irgendwas. Ich bin nicht im Grant von Wien weggegangen. Das Arbeitsklima war toll. Im Ministerium in Wien sind ja fast keine Wiener, weil vom Bundesheer verschlägt es dich einmal dort hin und einmal da hin, und da sind die Leute hauptsächlich aus den Bundesländern und vor allem vom Land. Wir sind alle irgendwo vom gleichen Schlag gewesen. Da waren halt Tagespendler und Wochenpendler und ein gegenseitiges Verständnis dafür. Auch von der Arbeitseinstellung her sind wir alle ziemlich ähnlich gewesen und dadurch hat es gut gepasst. Ich bin gerne gegangen und mit den besten Wünschen versorgt worden. Sicher denken sie, wäre schön, wenn er geblieben wäre, aber bei uns ist das einfach so. Wird schon wieder wer anderer kommen und dann geht es wieder weiter.

Tips: Und abseits von diesen Annehmlichkeiten, dass jetzt das Pendeln wegfällt. Was sind die Freuden des neuen Jobs?

Muhr: Das ist die Kommandanten-Funktion. In einem militärischen und hierarchischen System wie dem unseren laufen bei dir alle Fäden zusammen. Das entspricht schon sehr stark meinem Naturell: dass man Kommandant mit allen Rechten und Pflichten ist. Was mir irrsinnig taugt, ist die Arbeit des Stabes und die Arbeit der Kommanden, die mir zuarbeiten und auf die ich zu schauen habe. Da spüre ich die volle Unterstützung und Loyalität, und was mir noch auffällt, ist, dass das Wort des Militärkommandanten Gewicht hat. Das ist sehr bemerkenswert und gefällt mir gut. Nicht nur bei Fragen, die das Militär betreffen. In Oberösterreich ist es so, dass man das Militär als Instanz sieht. Dass das Leute sind, die sagen, was Sache ist und die sich eine fundierte Meinung gebildet haben und diese auch vertreten können. So ist mein Eindruck. Mein Wort hat Gewicht und das ist schon sehr angenehm und gleichzeitig ein Ansporn.

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