Leserbrief: "Adieu Europa"
HALLSTATT/HAAG/LINZ/ST. FLORIAN. Tips-Leser Gunar Letzbor, der in Hallstatt und Haag am Hausruck lebt und in Linz und St. Florian arbeitet, hat Tips folgenden Leserbrief mit dem Titel „Adieu Europa“ übermittelt. Er richtet diesen als offenen Brief an die Verantwortlichen der EU-Institutionen und der nationalen Staaten.

„Liebe gewählte Würden- und Entscheidungsträger!
Ich hatte das Glück, in einem befriedeten und aufstrebenden Europa geboren worden zu sein. In der Mittelschicht unter abwechselnd konservativer und sozialistischer Politik in Österreich aufzuwachsen, war das Privileg meiner Jugend. Das Beste, was mir in meinem Leben bisher widerfahren ist, war die Öffnung der Grenzen, das Zusammenrücken der Staaten und das Überwinden alter Vorurteile zwischen den diversen Kulturen und politischen bzw. gesellschaftlichen Systemen der Nationen. Die Europäische Idee hat in den letzten Jahrzehnten mein Leben sehr positiv beeinflusst und meine Visionen und Perspektiven beflügelt.
Um so schmerzlicher ist es, dass viele Errungenschaften in der letzten Zeit ohne viel Hinterfragen von zahlreichen Verantwortlichen leichtfertig über Bord geworfen wurden. Zuerst war es die Flüchtlingskrise, in der man plötzlich vom Zusammenhalt und gemeinsamen Vorgehen abgerückt und zu alten kleinkarierten nationalistischen Verhaltensmustern zurückgekehrt ist. Sogar die Grenzkontrollen wurden wieder eingeführt. Jetzt, in der sogenannten Coronakrise, verwirrt und erschreckt ein ähnliches Verhaltensmuster. Dieses Mal wurden die Grenzen sogar geschlossen und zusätzlich Freiheitsrechte der Menschheit infrage gestellt.
Ein gemeinsames Planen, Handeln und Verantworten in der Europäschen Gemeinschaft wird kaum in Erwägung gezogen. Ist die herbeigeschworene Freundschaft nur in guten Zeiten erwünscht und in schwierigen Zeiten obsolet? Verantworten bedeutet auch zu seinem Wort stehen und das besonders in schwierigen Zeiten. Wohin haben sich all die schönen Worte der Freundschaft und Gemeinsamkeit verflüchtigt? Nach Freundschaft und Brüderlichkeit schreit der Mensch in Beethovens Meisterwerk, das zur Europahymne avancierte. Das Leben ist nur in Freiheit und Brüderlichkeit lebenswert. Es reicht nicht, nur bei Festveranstaltungen von Freiheit und Freundschaft zu reden und zu singen.
Gebt uns unsere Freiheit zurück, öffnet die Grenzen und lasst die Menschen in Eigenverantwortung leben und nicht in geistiger Bevormundung und häuslicher Gefangenschaft. Unser Europa und unser Leben in Freiheit und Brüderlichkeit soll keine Vision der Vergangenheit sein!“
Gunar Letzbor


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