Haberlander: „Bildung muss zum Wohl der Kinder aus einem Guss erfolgen“

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Alexandra Mittermayr Alexandra Mittermayr, Tips Redaktion, 09.06.2020 17:00 Uhr

LINZ/OÖ. Seit drei Jahren ist Landesrätin und Landeshauptmann-Stellvertreterin Christine Haberlander für die Ressorts Gesundheit, Frauen und Bildung zuständig. Im Tips Interview erzählt sie von Veränderungen, was Corona aufgezeigt hat und welche Maßnahmen uns helfen, um fit für die Zukunft zu sein.

Tips: Was waren Ihre bisher größten Herausforderungen im Bereich der Bildung?

Landesrätin Christine Haberlander: Die Bildungsreform war beschlossen und meine Aufgabe war es, das Baby großzuziehen, indem ich die Reform umsetze und eine Bildungsdirektion schaffe. Ich habe die Entscheidung getroffen, auch den Elementarpädagogikbereich (die ersten Bildungsinstitutionen im Leben eines Kindes, Anm. der Red.) zu integrieren, was eine organisatorische Herausforderung war. Wir sind das einzige Land, das das getan hat. Ich bin davon überzeugt, dass Bildung aus einem Guss erfolgen und in einer Direktion aufgehoben sein muss. Gemeinsame Dienstbesprechungen, Fortbildungsveranstaltungen und Diskussionsrunden sollen mittelfristig standardisiert und institutionalisiert werden - zum Vorteil für die Kinder aber auch für die Pädagoginnen und Pädagogen, um Übergänge besser gestalten zu können.

Tips: Und Ihre Leistungen - abseits von Corona - im Gesundheitswesen?

Haberlander: In beiden Bereichen haben wir organisatorische Veränderungen vorgenommen, die die große Strategie haben, dass wir zukunftsfit werden und Visionen umsetzen können. Dazu gehören im Gesundheitsbereich die Schaffung der Gesundheitsholding und die Vorbereitungen zur Übernahme des Kepler Universitätsklinikum im Sommer. Ziel ist es, bei der Digitalisierung schneller voranzukommen. Je schlagkräftiger die Strukturen sind, umso besser wird uns das mit den 14.500 Mitarbeitern gelingen. Wir überlegen uns, wie wir Telemedizin und Telekonsultation vorantreiben können. Von Bad Ischl über Linz bis Rohrbach – da kommt schon eine Schlagkraft heraus, wenn die organisatorischen Rahmenbedingungen stimmen.

Tips: Künstliche Intelligenz - ist das ein Thema in Oberösterreich?

Haberlander: Im Bereich der Wirtschaft gibt es eine gute Vernetzung mit dem Medizintechnikcluster, mit oberösterreichischen Unternehmen, der medizinischen Fakultät und oberösterreichischen Krankenhäusern. Auch ausgeschriebene Projekte wie das Medusa-Projekt vernetzen Unternehmen mit der medizinischen Fakultät. Ich bin ein großer Verfechter von Datentransparenz: geschützter Austausch aber transparenter mit dem Thema umgehen. Je mehr Daten zur Verfügung stehen, umso mehr Ableitungen kann man treffen und punktgenaue Präventionsmaßnahmen setzen, um Krankheiten zurückzudrängen oder zu verhindern. Das hat bei Corona aufgrund der fehlenden Datenbasis nicht so gut funktioniert. Es ist uns noch nicht gelungen, die Vorteile der Künstlichen Intelligenz für den einzelnen so herauszustreichen, dass die Menschen begeistert darauf anspringen. Bei den diversen Apps macht jeder mit, obwohl die Daten in Amerika gespeichert werden. Erhebungen vor Ort dagegen sind oft Grund zur Sorge bei den Menschen.

Tips: Eine Frage an Sie als Frauenlandesrätin: Sind Frauen die großen Verlierer der Coronakrise?

Haberlander: Ich bin davon überzeugt, dass ein Großteil der Aufgaben bei den Frauen hängengeblieben ist. Haushalt, eigene Home-Office-Tätigkeit und Home-Schooling - es wäre eine Illusion zu sagen, dass das nicht der Fall war. Es gibt bestimmt Partnerschaften, wo die Aufgaben partnerschaftlich gelöst wurden, die überwiegende Belastung war bei den Frauen. Corona hat aufgezeigt, dass wir noch nicht so weit sind, wie wir glaubten. Unter Druck kommen angelernte Verhaltensmuster zum Vorschein. Frauen sind Pragmatiker, die hands-on schauen, dass alles funktioniert. Mit noch mehr Bewusstseinsbildung können wir gesellschaftliche Rollenbilder aufbrechen. Das Vorleben von Rollenmodellen ermöglicht eine Mindset Änderung und es gibt viele großartige, junge Papas und Partner, die ein modernes Verständnis von Partnerschaft haben. Die Kinder von jetzt sind die Eltern von morgen, denen müssen wir es anders vorleben.

Tips: Was ist Ihnen persönlich von den Coronamaßnahmen am schwersten gefallen: Maskenpflicht, Sperrstunde, Social Distancing?

Haberlander: Das Tagesgeschäft hat sich bei mir nicht geändert. Seit dem Lockdown bin ich jeden Tag in der Früh in die Arbeit gefahren, war zehn bis zwölf Stunden im Krisenstab und bin dann nach Hause gefahren. Eine Isolation wie manche Menschen musste ich im Beruf nicht erleben. Die persönliche Begegnung mit Familie und Freunden hat mir gefehlt, meine Mutter oder meine 90-jährige Oma zu besuchen war während Corona nicht möglich und Videokonferenzen mit Freunden ersetzen nicht den persönlichen Kontakt. Eine Maske zu tragen war anfangs ungewohnt, mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und ich versuche, trotz der greifbar nahen Lockerungen, weiterhin Vorbild zu sein. Die Maske sollte auf freiwilliger Basis bleiben, wenn im Herbst wieder die Erkältungs- und Grippesaison beginnt, ebenso wie das vermehrte Händewaschen.

Tips: Dinge die bleiben - man hört, dass sich zum Beispiel Mütter mit Neugeborenen schneller erholt haben, weil Besuche nicht möglich waren.

Haberlander: In den Krankenhäusern müssen wir uns die Zeit nehmen und die Besucherregeln überdenken. Ich habe großes Verständnis dafür, dass ein Prozess der Genesung durch Besuche von Verwandten und Freunden unterstützt werden kann. Für viele Patienten ist es dennoch Stress. Vielen tut es gut, wenn sie die Zeit haben, sich der eigenen Gesundung zu widmen. Zu überlegen gilt es, die Maßnahmen reduziert beizubehalten, zum Beispiel mit Anmeldung zu gewissen Zeiten und einer strengeren Handhabung. Im Krankenhaus geht es um die körperliche Genesung. Was braucht der Patient? Unser erster Impuls ist es oft, Blumen zu bringen, aus eigenem Antrieb länger zu bleiben als geplant, ohne die Bedürfnisse des Patienten zu kennen. Weniger Besuche bedeuten auch eine Risikominimierung für die Patienten und weniger ins Krankenhaus verschleppte Krankheiten.

Tips: Die Regionalität ist durch Corona sehr stark in den Mittelpunkt gerückt. Bemühen Sie sich, regional einzukaufen?

Haberlander: Das Bewusstsein ist noch einmal gesteigert worden. Nahrungsmittel habe ich schon bisher saisonal und heimisch gekauft, jetzt achte ich noch mehr darauf, wo diese produziert und ob sie zu fairen Bedingungen erzeugt werden. Aber nicht nur das Einkaufen, auch Ausflüge in der Gegend gewinnen an Bedeutung. Ich habe das Gefühl, dass viele Oberösterreicherinnen und Oberösterreicher das eigene Bundesland jetzt besser kennenlernen und feststellen, wie schön es ist. Mein Lieblingsplatz ist zu Hause in Enns.

Tips: Kritik kommt oft, dass mit Steuergeldern viele Produkte aus Asien zugekauft werden

Haberlander: Wir sehen, dass viele Firmen in der Krise umgestellt und Produktionen rasch adaptiert haben. Was man nicht vergessen darf ist, dass die benötigten Mengen gigantisch sind. Um auch hier regional einkaufen zu können, benötigt es seitens der Unternehmen eine dauerhafte Aktivität und das klare Bekenntnis von uns als Auftraggeber und Zahler, dass wir den erhöhten Preis dafür bezahlen. Das Investment in die Region muss es uns wert sein, dass wir mehr bezahlen, als wir im asiatischen Raum bezahlen würden - zu womöglich Rahmenbedingungen, die man gar nicht so genau wissen möchte. Wir müssen uns da selber an der Nase nehmen und dürfen nicht kritisieren, wenn etwas mehr kostet. Dafür benötigt es ein überfraktionelles Bekenntnis. Zum aktuellen Zeitpunkt ist die Denkweise da und ich hoffe, dass diese anhält.

Tips: Koste es was es wolle - welche Projekte aus Ihren Ressorts würden Sie vorantreiben, wenn Geld kein Thema wäre?

Haberlander: Das kann man nicht nur am Geld festmachen. Im Frauenbereich muss es uns mehr gelingen, die jungen Mädchen zu empowern - da haben wir noch einen weiten Weg vor uns. Ich denke an die Mädchen von heute, die morgen Mama sind, in Führungspositionen kommen, die in einer Partnerschaft sind und Gleichberechtigung auf Augenhöhe einfordern. Hier müssen wir Impulse setzen und sie stärken, ihre eigene Meinung zu finden und die auch zu vertreten. Im Bereich der Bildung haben wir durch Corona einen enormen Boost bei der Digitalisierung erlebt, der nicht nur die technische Ausstattung betrifft. Hier gilt es, die Begeisterung bei den Schülern zu wecken. Es braucht Menschen, die verstehen wie Distance Learning funktioniert, die das programmieren, dem ein Gesicht geben, es gestalten. Und in der Gesundheit dürfen wir uns nicht vor Datentransparenz und Künstlicher Intelligenz fürchten. Das sind alles Themen, die uns helfen, unsere Qualität zu sichern und uns weiterzuentwickeln.

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