„Bei den Intensivbetten ist bereits ein Limit in Sichtweite“
OÖ/LINZ. Ein Gesundheitssystem am Limit, die Notwendigkeit des verschärften Lockdowns und die Aussichten auf eine schwierige Weihnachtszeit: Nur drei der Themen, zu denen Landeshauptmann Thomas Stelzer im Tips-Talk ausführlich Stellung bezieht.

von JOSEF GRUBER und JÜRGEN AFFENZELLER
Tips: Durchgehende Ausgangsverbote, Schulschließungen, geschlossene Türen bei Gastronomie, Handel, Kultur oder Dienstleistungsbetrieben: Ab Dienstag um Mitternacht greift der erneut verschärfte Lockdown. Halten Sie alle getroffenen Maßnahmen für notwendig?
Thomas Stelzer: Die getroffenen Maßnahmen sind für alle in unserem Land eine bittere Medizin, aber einfach notwendig. Wir wollen weiterhin allen Landsleuten die beste medizinische Versorgung bieten und unsere Spitäler vor einem Kollaps bewahren. Für uns in Oberösterreich ist wichtig, dass bei den Überbrückungshilfen niemand durch die Finger schaut oder vergessen wird.
Tips: Besonders hart gerungen wurde bis zuletzt um das Offenhalten der Pflichtschulen. Stehen Sie hinter den Schulschließungen und dem Bildungslockdown?
Stelzer: Dass auch alle Pflichtschulen auf Distance Learning umgestellt werden, ist eine große Herausforderung für Eltern und Schüler. Ich selbst habe mich immer für das Offenhalten der Schulen ausgesprochen, denn es ist nicht nur eine Frage der Bildung, sondern auch eine soziale Frage. Aber aufgrund des dramatischen Anstiegs an Infektionen hat die Bundesregierung keine Alternative dazu gesehen. Wichtig ist jedenfalls, dass allen Eltern und Kinder die es benötigen, ein ausreichendes Betreuungsangebot an den Schulen zur Verfügung gestellt wird.
Tips: Wie knapp am Limit steht das Gesundheitssystem in Oberösterreich wirklich?
Stelzer: Unsere wichtigste Messlatte ist, wie viele Intensiv-Betreuungsbetten angeboten werden können. Da haben wir normalerweise 250 in ganz Oberösterreich verteilt. Wir haben in der Vorwoche um 50 aufgestockt und stocken es im Laufe dieser Woche noch einmal um 50 weitere Betten auf. So können wir 200 Intensivplätze für Covid-Erkrankte reservieren. Wir müssen ja alle anderen, die Intensiv-Plätze brauchen, auch weiter bedienen können. Aber dann bewegen wir uns schon in Richtung dessen, was wir leisten können. Da ist bereits ein Limit in Sichtweite.
Tips: Fehlt hier das Material, das Personal, oder beides?
Stelzer: Diese Entwicklung liegt nicht an der Investition, am Bett oder am Beatmungsgerät, da haben wir auch nachgekauft, sondern das liegt am Personal. Intensivbetreuung braucht geschultes Personal, das man nicht in kürzester Zeit ausbilden kann. Dieses müssen wir von anderen Stationen abziehen, damit sie dort tätig sein können und das ist einfach leider limitiert. Darum ist es so wichtig, dass wir jetzt mit den Zahlen runterkommen müssen.
Tips: Wie lange kann sich der Staat derartige finanzielle Unterstützungen wie jetzt leisten?
Stelzer: Der Staat muss sich das leisten. Wir müssen in guten Zeiten schauen, dass wir die Rücklagen schaffen, damit wir es in schlechten haben. Jetzt sind diese schlechten Zeiten leider sehr schnell gekommen. Aber das ist einfach die Verantwortung des Staates, wir müssen ankurbeln, das System erhalten, Investitionen schaffen. Wenn es nach dem Höhepunkt der Krise wieder besser wird, müssen wir aber auch wieder zu ausgeglichenen Haushalten und zum Schuldenrückzahlen zurückkommen.
Tips: Was hätte man – im Nachhinein betrachtet – bei den getroffenen Maßnahmen bisher anders oder besser machen können?
Stelzer: Es wurde von allen Experten – auch europaweit – die Geschwindigkeit und das Ausmaß dieser zweiten Welle im Vorfeld nicht so eingeschätzt, das nützt aber jetzt nichts, denn jetzt wir sind mittendrin. Klar war aber, dass sich durch den lockeren Lockdown die Zahlen nicht gut entwickelten und es zu weiteren Maßnahmen kommen musste. Jetzt hängen wir auch davon ab, dass die Menschen in diesem Land hier mitmachen.
Tips: Wie schätzen Sie den Verlauf der nächsten Wochen oder Monate ein?
Stelzer: Die Experten sagen uns, dass wir damit rechnen müssen, dass wir mit einer Situation wie jetzt bis in den Frühling hinein kämpfen werden. Wichtig ist, dass man die überbordenden Anwächse der Infektionen nach unten bringen können, denn das Virus wird nicht so einfach verschwinden. Dann können wir auch, wenn es hoffentlich die Impfung gibt, wieder Schritte in die Normalität setzen.
Tips: Die neuerlichen Maßnahmen wurden auch ins Leben gerufen, um die Weihnachtszeit zu retten, wirtschaftlich als auch gesellschaftlich. Wie lautet Ihr Appell an die Oberösterreicher?
Stelzer: Oberösterreich gilt seit jeher als Land der Ehrenamtlichen und der Vereine, es herrschte schon immer ein Grundklima des Zusammenhaltens. So schwierig die Zeiten jetzt auch sind, dieses Zusammenhalten zeigt sich nicht nur in der Hilfe von Engagierten, sondern auch im solidarischen Einhalten der Maßnahmen. Und auch wenn man heuer vielleicht Weihnachten in einem kleinerem Kreis als gewohnt feiert und dort hoffentlich auch viele schöne Momente hat, dann kann man auch ins nächste Jahr mitnehmen, dass dieses Miteinander dazu hilft, dass wir uns möglichst bald möglichst viel von unserem gewohnten Leben zurückholen können.


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