„Es wird auch nach dem 30. Juni eine Kurzarbeits-Regelung geben“
LINZ/OÖ. Im Tips-Talk mit Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP) stehen die Herausforderungen für den Arbeitsmarkt und die Hoffnungen auf nachhaltige Öffnungen im Mittelpunkt.

von ALEXANDRA MITTERMAYR und JÜRGEN AFFENZELLER
Tips: Wir haben in Oberösterreich die geringste Arbeitslosenquote. Im Detail sieht man aber, dass die Frauenarbeitslosigkeit extrem gestiegen ist, obwohl wir kein klassisches Tourismusland sind. Wie kann man hier erfolgreich gegensteuern?
Martin Kocher: Die Hoffnung ist, dass sich automatisch eine gewisse Entspannung zeigt, wenn vor allem im Bereich der Gastronomie wieder Öffnungen passieren. Frauen sind am stärksten vertreten im Bereich des Handels, da hatten wir jetzt schon gewisse Öffnungen, man hat erste Effekte auch schon gesehen. Dann kommen die Gastronomie und der Tourismus, und dann wird sich sicher, was das Geschlechterverhältnis betrifft, wieder einiges normalisieren.
Tips: Muss dafür nicht auch bei den Förder-Systemen gezielt angesetzt werden?
Kocher: Das ist ganz entscheidend. Hier haben wir eine positive Diskriminierung für die Frauen, das heißt, es gibt mehr Geld für die Frauen als für die Männer. Das betrifft vor allem den Qualifikationsbereich und Unterstützungen von der Wiedereingliederungshilfe bis zur Kinderbetreuungsunterstützung. Da gibt es eine ganz große Bandbreite, die hoffentlich hilft, Frauen, wenn die Konjunktur wieder Fahrt aufnimmt, schnell in Beschäftigung zurückzubringen.
Tips: Ist es für die oder den Einzelnen nicht so, dass es manchmal sehr schwierig ist, zu begreifen, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt?
Kocher: Das ist richtig, wir haben so viele Programme, dass es oft gar nicht so einfach ist und die Frage ist auch, wie man da auswählt. Generell gilt: Das AMS ist der erste Ansprechpartner, das hat auch regional einen Überblick über die Möglichkeiten, dort wird auch sehr individuell beraten. Die große Bandbreite ist aber notwendig, um auf die spezifischen Gruppen, die es am Arbeitsmarkt gibt, auch eingehen zu können. Es sollte für jeden Betroffenen Unterstützung geben.
Tips: Im Hinblick auf die aktuelle Arbeitsmarkt-Situation wird oft die Hoffnung auf Öffnungen betont, gerade in Bereichen wie Gastronomie, Tourismus und den Arbeitsaufnahmen in der Baubranche. Sind das auch für Sie die entscheidenden Bereiche?
Kocher: Letztlich ist der große Problembereich tatsächlich noch die Gastronomie und alles, was damit zusammenhängt, das spielt eine große Rolle für den Arbeitsmarkt. Darüber hinaus gibt es noch konjunkturelle Aspekte, wo es eine leicht erhöhte Arbeitslosigkeit gibt. Eine große Zahl der Arbeitslosen ist aus jenen Bereichen, die etwa behördlich geschlossen wurden. Wenn es da Öffnungen gibt, ist eine weitere Entspannung zu erwarten. Wichtig ist, dass die Öffnungen nachhaltig sind und es keine Rückschläge gibt. Ein Auf-Zu-Auf-Zu wäre sehr problematisch, weil hier auch die Kosten für beide Seiten enorm wären.
Tips: Viele suchen sich auch einen anderen Job in dieser Zeit, sofern es möglich ist.
Kocher: Gerade hier sind viele Personen schon länger arbeitslos, des ist es wichtig, dass diese Phase nicht zu lange dauert, sonst haben wir tatsächlich Abwanderungen aus diesen Bereichen. Dann droht ein Mangel, wenn die Bereiche später wieder öffnen.
Tips: Die Langzeitsarbeitslosigkeit hat sich in Oberösterreich zuletzt mehr als verdoppelt. Welche Ansätze verfolgen Sie speziell in diesem Bereich?
Kocher: Die Bandbreite an Programmen ist groß. Grundsätzlich herrscht das Ziel vor, die Menschen in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Beim Wiedereinstieg gibt es viele Förderungen, aber dann muss der Weg wieder in den ersten Arbeitsmarkt gehen, wo man ganz normal angestellt ist. Langzeitsarbeitslose sind sicher die große Herausforderung in den nächsten Monaten und Jahren.
Tips: Wäre es denkbar, diese Personen auch in gemeinnützige Arbeit einzubinden?
Kocher: Das wird sogar schon gemacht, es gibt zahlreiche Programme etwa in den Gemeinden oder Betrieben selbst. Es ist durchaus möglich, dass wir das noch ausbauen müssen, der gemeinnützige Bereich wird sicherlich eine große Rolle spielen. Doch viele Betroffene sind noch 10, 15 Jahre im Arbeitsmarkt, da muss schon das erste Ziel sein, sie wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren.
Tips: Wird auch vermehrt die „heiße Kartoffel“ namens Anpassung der Zumutbarkeits-Regelungen bei der Jobannahme wieder angegriffen werden? Oft wurde bereits davon gesprochen, die Mobilität am Arbeitsmarkt zu erhöhen und die Qualifikationen nicht nur im jeweiligen Bundesland zu bündeln.
Kocher: Das ist bei den Langzeitarbeitslosen nicht so die große Problematik. Wir haben eigentlich schon viele überregionale Vermittlungen, ein Drittel der Vermittlungen beim AMS sind überregional, wenn auch nicht über die Landesgrenzen hinweg. Trotzdem glaube ich schon, dass man da Potenziale hat. Das geht vor allem über die Förderung beim Ortswechsel für einen Beruf.
Tips: In Oberösterreich gibt es bereits recht intensive Debatten betreffend die Zeit über den 30. Juni hinaus, wo die laufende Kurzarbeit und manche Staatshilfen auslaufen sollen. Wie bereitet man sich im Ministerium auf diese Phase vor? Alleine in Linz sind noch über 20.000 Menschen in Kurzarbeit...
Kocher: Wir werden versuchen, dass die Kurzarbeit kein Weg in die Arbeitslosigkeit ist. Das Ziel der Kurzarbeit ist es ja, die Menschen im Betrieb zu halten und dass sie dort weiter voll beschäftigt sind. Eine große Rolle wird spielen, wie es mit der Pandemie und den Öffnungsschritten Ende Juni aussieht. Wenn das so aussieht, wie wir es hoffen, wird automatisch die Zahl der Menschen in Kurzarbeit um einiges geringer sein. Das haben wir auch am Ende des letzten Sommers gesehen. Es wird wahrscheinlich aber Bereiche geben, wo es künftig weitere Einschränkungen geben wird. Ich gehe daher davon aus, dass es auch nach dem 30. Juni eine Kurzarbeits-Regelung geben wird und diese nicht vollständig ausläuft. Diese Regelung wird nur anders aussehen.
Tips: Wie wichtig der Pflege-Bereich ist, hat sich in der Krise noch einmal bestätigt. Braucht es nicht künftig zusätzliche monetäre oder auch andere Ansätze, um mehr Menschen in die Pflege zu bekommen? Vom Klatschen hat niemand so recht etwas gehabt.
Kocher: Wir haben generell keine großen Probleme, Menschen für die Pflege-Qualifizierungsprogramme zu finden, da gibt es über 10.000 Personen österreichweit. Doch die Arbeitsbedingungen in der Pflege führen dann oft dazu, dass viele die Tätigkeit als zu anstrengend empfinden und aufhören. Dabei ist die psychische Belastung oft der entscheidende Punkt, mehr noch als das konkrete Einkommen. Dass wir genug Menschen im Pflegebereich halten können, wird sicherlich eine der großen Herausforderungen der nächsten fünf bis zehn Jahre.
Tips: Waren sie als passionierter Sportler in diesem Winter Skifahren, und wenn ja, wie war das für Sie ohne Gastronomie?
Kocher: Ich war um die Weihnachtszeit herum zweimal Skifahren und muss sagen, es geht auch ohne Gastronomie. Ich bin immer einer gewesen, der gerne draußen ist, mir ist da also nichts abgegangen.


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