Studie über Personalsituation als Aufreger: „Eine schallende Ohrfeige für die Pflegebeschäftigten“

Jürgen Affenzeller Tips Redaktion Jürgen Affenzeller, 24.09.2021 12:22 Uhr

LINZ/OÖ. Für hitzige Diskussionen sorgt am Freitag ein Bericht in der aktuellen Ausgabe des Mitarbeitermagazins „Interna“ der OÖ. Gesundheitsholding. Darin kommt eine Studie zum Schluss, dass es keinen Personalmangel in den oberösterreichischen Spitälern, Alten- und Pflegeheimen im Bereich der Pflege gäbe.

Nur wenige Seiten vorher wird zunächst über das von OÖG-Geschäftsführer Franz Harnoncourt und Gesundheitslandesrätin Christine Haberlander im Juli diesen Jahres vorgestellte Maßnahmenpaket zur Entlastung von Mitarbeitern in den Landeskliniken berichtet. Übergeordnetes Ziel sei dabei die „zeitnahe und dauerhafte Entlastung unserer Mitarbeiter“, die aufgrund von immer mehr chronisch Kranken, häufigeren Krankenhausaufenthalten und der Corona-Pandemie großen Belastungen ausgesetzt seien. 

Ein paar Seiten später wird dem Leser unter der Überschrift „Projekt ‚Erhebung des erforderlichen Pflegepersonaleinsatzes‘ widerlegt kolportierten Personalmangel“ mitgeteilt, dass es die Personalüberlastung, die es wenige Seiten vorher noch entschieden zu bekämpfen galt, nach eingehender Prüfung durch die externe Beratungsfirma Solgenium in Wahrheit gar nicht gäbe.

Die „große Herausforderung“ liege vielmehr darin, „in einem hochkomplexen Umfeld wie dem Gesundheitswesen bei gleichzeitig dynamischen Veränderungen und Spannungsfeldern eine transparente und objektivierte Planungs- und Entscheidungsgrundlage zu schaffen“.

„Personalmangel eindeutig widerlegt“ heißt es im Mitarbeitermagazin

„Dass man Sätze wie diese und die Erkenntnisse dieses Projekts angesichts der seit Jahren bekannten Personalsituation in der Pflege durchaus als „originell“ bezeichnen kann, scheint OÖG-Personaldirektor Martin Rupprecht nicht zu bekümmern“, so der Linzer Gesundheitsstadtrat Michael Raml. „Vielmehr spricht er bei dem Projekt-Outcome euphorisch von einem eindrucksvollen Ergebnis, das den behaupteten Personalmangel eindeutig widerlegt.“ 

Die Erkenntnis, dass es in Oberösterreich angeblich keinen Personalmangel in der Pflege gibt, fußt auf der Expertise einer Firma namens Solgenium mit Sitz in Linz. Dieselbe Firma liefert laut Medienberichten offenbar Spitälern in Linz, Wien und Graz die Software- und Programmlösungen für ihre Vorhersage von Betten-, Material- und Kapazitätsentwicklung in der Coronakrise. Raml: „Spätestens an diesem Punkt ist es also Zeit, sich um Österreichs Gesundheitsmanagement ernsthafte Sorgen zu machen.“ 

Linzer Gesundheitstadtrat: „Diskussion um Zukunft der Pflege ernsthaft führen“

Der Linzer Gesundheitsstadtrat Michael Raml übt deutliche Kritik: „Wer als Beratungsagentur ernsthaft davon spricht, dass es in Oberösterreich keinen Personalmangel in der Pflege gäbe, der möge sich bitte einmal mit den Pflegekräften unterhalten und ihnen die Gelegenheit geben, zu dieser These Stellung zu beziehen. Solche Äußerungen sind ein Schlag ins Gesicht aller Pflege- und Betreuungskräfte, die nicht nur in der Pandemie bis an die Belastungsgrenze und darüber hinaus gehen. Wenn wir die Diskussion um die Zukunft der Pflege ernsthaft führen wollen, dann müssen wir sie anhand der Lebensrealitäten der Betroffenen in diesem Land führen. Und die sind derart gelagert, dass wir mehr niedergelassene Ärzte, bessere und leistbarere Möglichkeiten für häusliche Pflege und eine bessere Gesundheitsvorsorge brauchen. Hier ist die Landes-, aber auch die Bundespolitik gefordert.“ 

Gewerkschaft: „Schallende Ohrfeige für alle Pflege-Beschäftigten“

Entsetzt zeigt sich auch der Vorsitzende der Gewerkschaft younion Oberösterreich, Christian Jedinger, angesichts des Berichtes. „Das ist eine schallende Ohrfeige für alle Beschäftigten. Gerade in der Corona-Krise müssen sie unglaubliche Belastungen stemmen und dann wird ihnen in der eigenen Zeitung ausgerichtet, dass das alles halb so wild sei“, kann Jedinger nur den Kopf schütteln. Den durch zahlreiche Studien immer wieder belegten Personalmangel in den oberösterreichischen Spitälern – genauso wie in Alten- und Pflegeheimen – zu leugnen, zeuge von fehlender Wertschätzung gegenüber den Beschäftigten. Jedinger fordert die Führung des Kepler-Klinikums auf, sich bei den Beschäftigten für diese Entgleisung zu entschuldigen. Darüber hinaus sind Landeshauptmann Thomas Stelzer und Gesundheitslandesrätin Haberlander gefordert, klarzustellen, dass sie solche Äußerungen ablehnen und ein Bekenntnis abgeben zu mehr Personal für Gesundheit und Pflege in den kommenden Jahren in ganz Oberösterreich. 

Die Stellungnahme der OÖ. Gesundheitsholding im Wortlaut:

In der aktuellen Ausgabe unseres Mitarbeiter-Magazins „interna“ wurde über ein Projekt der Personaldirektion berichtet. Die interne Erhebung des erforderlichen Pflegepersonaleinsatzes wurde Anfang 2020 gestartet, unterstützt von der Firma Solgenium, einer externen Spezialistin für die Analyse und Entwicklung datengestützter Organisationsmodelle im Gesundheitsbereich.

Ziel der Erhebung war es, Entlastungspotentiale und Möglichkeiten zur Verbesserung der Organisation aufzuzeigen, um die Berufsgruppen entsprechend des „Skill-Grade-Mix“ optimal einsetzen zu können. Der sogenannte „Skill-Grade-Mix“ bezeichnet die Zusammensetzung von Pflegeteams aus Personen mit verschiedenen Fähigkeiten (Skills) und Bildungsabschlüssen (Grades).

In der OÖG-Studie wurden zwei Dinge aufgearbeitet: die durchschnittliche Personalbesetzung und die mögliche Zuordnung von Tätigkeiten zu Berufsgruppen der Pflege. Es besteht in der OÖG ein absoluter Konsens zu weiteren entlastenden Maßnahmen für die Pflege und zu punktuellen Verstärkungen an besonders belasteten Punkten.

In der OÖG wurde ja in den letzten Jahren kontinuierlich Personal - besonders auch in der Pflege - aufgebaut. Waren im Jahr 2018 noch 6.928 Pflegekräfte in den OÖG Regionalkliniken und dem Kepler Universitätsklinikum beschäftigt, so stieg die Zahl im Vorjahr auf 7.222. Weiters wurde erst vor wenigen Wochen ein umfangreiches Entlastungspaket mit zahlreichen Maßnahmen, etwa im Bereich der Digitalisierung geschnürt und vorgestellt, über das in derselben Ausgabe der „interna“ ebenso ausführlich berichtet wird. 

Die zugegebenermaßen reißerische Überschrift im „interna“-Artikel bezieht sich ausschließlich auf die immer wieder zitierte Studie der Arbeiterkammer, die keine einzige Berechnung beinhaltet, aber immer wieder mit der nicht belegbaren politischen Forderung nach +20 % in der Pflege verknüpft wird.

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