30 Jahre Frauenbüro
LINZ. Das Linzer Frauenbüro hat vor drei Jahrzehnten seine Arbeit für die Gleichstellung von Frauen aufgenommen. Mit den unterschiedlichsten Projekten und Initiativen für Frauen und Mädchen wurde dabei vieles erreicht. Dennoch gibt es viele Bereiche, in welchen Frauen aufgrund der gesellschaftlichen Verhältnisse nach wie vor benachteiligt sind.

„Nach wie vor hat die Frage nach Verteilungsgerechtigkeit nichts an Bedeutung verloren. Egal ob Macht, Geld oder unbezahlte Sorgearbeit – an der gesellschaftlichen Ungleichheit zulasten der Frauen hat sich noch nicht genug geändert und es bleibt vieles zu tun. Die 30-Jahr Feier des Linzer Frauenbüros ist allerdings Anlass, auch auf erfolgreiche und engagierte Frauenarbeit zurückzublicken und gleichzeitig Kraft zu schöpfen um gemeinsam für eine gerechtere Gesellschaft zu arbeiten und zu kämpfen“, so Frauenstadträtin Eva Schobesberger.
Der 2018 aktualisierte Frauenbericht der Stadt Linz zeigt auf, dass vor allem die Benachteiligungen von Frauen am Arbeitsmarkt viele langfristige Risiken für Frauen bergen. So sind Frauen in ihrer Erwerbsbeteiligung gegenüber Männern benachteiligt, was zu prekären finanziellen Lagen führen kann, vor allem dann, wenn Kinder vorhanden sind.
Ein gesellschaftliches strukturelles Problem
Das mittlere monatliche Bruttoeinkommen der unselbstständig erwerbstätigen Linzerinnen betrug im Jahr 2016 1.724 Euro. Frauen verdienten damit durchschnittlich 60,6 Prozent der durchschnittlichen Einkommen von Männern in Linz. Das geschlechtsspezifische Verdienstgefälle beträgt somit 39,4 Prozent. Auch wenn nur die Einkommen von Vollzeiterwerbstätigen verglichen werden, verdienen Frauen in Oberösterreich durchschnittlich über ein Viertel weniger (26,1 Prozent) als Männer. Außerdem sind trotz steigender Qualifikation Frauen in Führungspositionen stark unterrepräsentiert.
„Es ist ein gesellschaftliches strukturelles Problem, das diese Schieflage verursacht“ so Frauenstadträtin Eva Schobesberger und fügt hinzu: „Es wird sich an der Schieflage nichts ändern, wenn man auf der einen Seite immer ein Packerl drauflegt“ sagt Eva Schobesberger.
Eine Umverteilung der unbezahlten Betreuungsarbeit zwischen den Geschlechtern bleibt die wichtigste politische Empfehlung des zweiten Frauenberichts. Dies Dies ist eine Grundvoraussetzung für eine eigenständige Existenzsicherung von Frauen. Heute sind im Frauenbüro vier engagierte Mitarbeiterinnen beschäftigt und das Budget beläuft sich (inkl. aller Personal- und Verwaltungskosten) auf circa 580.000 Euro. Durch eine Vielzahl von Kooperationen, eigenen Veranstaltungen und Angeboten wird Bewusstsein für Geschlechtergerechtigkeit geschaffen und konkrete Unterstützung z.B. über die kostenlose Rechtsberatung für Linzerinnen ermöglicht.
Meilensteine aus drei Jahrzehnten Linzer Frauenbüro
Eine Auswahl wichtiger Projekte und Initiativen der vergangenen 30 Jahre:
1992
Entsprechend der Forderung verschiedener Frauenvereine, Aktivistinnen und Politikerinnen wurde in Linz ein Frauenbüro installiert. Frau Mag. Gabriele Wagner wird die erste Frauenbeauftragte der Stadt Linz.
1993
1993 wird erstmals der Internationale Frauentag gefeiert, ab 2000 dann jährlich. Der Gemeinderat fasst einen Grundsatzbeschluss bezüglich der Vorbereitungsarbeiten für ein Frauengesundheitszentrum. Am 3. Mai 1996 nahm das Linzer Frauengesundheitszentrum schließlich seinen Betrieb auf.
2000
Der Marianne.von.Willemer-Preis wird erstmals vergeben. Der Preis wird zunächst in der Kategorie Literatur und „computerunterstützte Literatur“ ausgeschrieben und ab 2004 getrennt als Literaturpreis und Preis für digitale Medien.
2004
Im Jahr 2004 starten Selbstverteidigungskurse für Mädchen, Frauen und Seniorinnen und werden bis heute erfolgreich durchgeführt.
2005
Auf Initiative des Frauenausschusses startet das Pilotprojekt „Geschlechtssensible Kleinkindpädagogik“, das auf breite Zustimmung von Eltern und Fachkräften trifft.
2006
Der „Silberne Hexenbesen am Goldenen Band“ wird erstmals als Auszeichnung an eine besondere Linzerin verliehen. Der Preis wird seit 2012 als Frauenpreis der Stadt Linz vergeben. Dotiert mit 3.600 Euro wird damit nun ein konkretes Projekt ausgezeichnet, das sich durch herausragende Aktivitäten und besonderes Engagement für Frauen und Mädchen hervorhebt.
2009
Erstmals gibt es in Linz mit Mag. Eva Schobesberger eine Stadträtin für Frauen.
2010
In diesem Jahr findet erstmals am Internationalen Frauentag der „talk of fem“ statt. Die neue Frauenbeauftragte wird Mag.a Jutta Reisinger.
2011
Erstmals wird in Linz auf den Linzer Equal Pay Day mit Aktionen auf die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern aufmerksam gemacht. In der Folge gibt es auch am Equal Pension Day jährlich Aktionen der Bewusstseinsbildung.
Der erste Linzer Frauenbericht wird präsentiert und dient seither als Basis, um für die Bedürfnisse der Linzerinnen zugeschnittene Maßnahmen zu setzen. Damit war Linz Vorreiterin in Österreich.
2012
Das Präventionsangebot zur anonymen und kostenlosen Rechtsberatung für Linzerinnen wird eingeführt; das Frauenbüro finanziert Beratungsstunden im autonomen Frauenzentrum, damit sich Frauen juristisch informieren können. Dieses Angebot wurde seither immer weiter ausgebaut.
2013
Start der Gewaltpräventionsworkshops „Mit uns nicht“ – in Kooperation mit dem autonomen Frauenzentrum (aFZ) und mit dem Fokus auf die Prävention sexueller Gewalt – in Schulen.
Mit dem ersten Mädchen-Fußball-Aktionstag wird ein Angebot für Schulen geschaffen, im Zuge dessen Mädchen und junge Frauen sich in nicht-traditionellen Sportarten versuchen können. In den kommenden Jahren wurden diese Angebote um die Sportarten Rugby und auch Eishockey ergänzt.
2014
Erstmals wird der Internationale Mädchentag am 11. Oktober begangen. Seitdem finden jährlich in Zusammenarbeit mit verschiedenen Jugendeinrichtungen, Vereinen und Initiativen unterschiedliche Aktionen statt.
2015
Das erste Linzer Frauenprogramm wurde vom Gemeinderat am 5. März 2015 beschlossen und beinhaltet zahlreiche Maßnahmen, Empfehlungen und Ideen, um die Lebenssituation der Linzerinnen zu verbessern.
2018
Sieben Jahre später folgt der zweite Linzer Frauenbericht: Aufbauend auf dem Ersten Linzer Frauenbericht (2011) ist Ende 2018 der Zweite Frauenbericht der Stadt Linz erschienen und zeigt anhand aktueller Daten, in welchen Bereichen Frauen trotz formaler Gleichstellung nach wie vor Diskriminierungen und Benachteiligungen begegnen. Der Frauenbericht liefert wichtige Anhaltspunkte für die Gleichstellungspolitik und bietet Entscheidungsgrundlagen für politische Schwerpunktsetzungen.
Außerdem wird in Kooperation mit dem Kinderkulturzentrum Kuddelmuddel das geschlechtersensible Puppentheater „Josefine“ uraufgeführt, in dem kindgerecht (Geschlechter-)Stereo-type thematisiert und hinterfragt werden. Das Stück wird seitdem jährlich aufgeführt und kann von städtischen Kindergärten kostenlos besucht und abgerufen werden.
2020
Seit 2020 gibt es im Familienzentrum Pichling ein eigens städtisches Projekt zur opferschutzorientierten Täterarbeit mit dem Ziel der Verbesserung der Situation von Frauen und Kindern, die von Partnerschaftsgewalt betroffen sind. Damit ist Linz Vorreiterin im Gewaltschutz auf kommunaler Ebene. Pandemie-bedingt wurden 2020 einige Angebote ausschließlich online durchgeführt.
2021
Gemeinsam mit der Vernetzungsstelle für Frauen* in Kunst und Kultur in OÖ FIFTITU% wurde eine Online-Kampagne konzipiert, um auch auf Social Media die ökonomische Benachteiligung von Frauen zu thematisieren. Die Kampagne „Kein Witz. Ist so. #CloseTheGap“ rückt anhand von vier Clips exemplarisch folgende Hauptursachen in den Fokus: Niedrige Löhne in „typischen Frauenberufen“, Teilzeitarbeit und Care Arbeit, Gender Pay Gap und Karenz und Care Arbeit.
WALK OF FEM: Der WALK OF FEM würdigt auf der Ernst-Koref-Promenade zwischen Lentos Kunstmuseum und Brucknerhaus wichtige Linzer Persönlichkeiten, und stellt diese einer breiten Öffentlichkeit vor. Von den beiden Linzer Künstlerinnen Margit Greinöcker und Betty Wimmer wurden im ersten Umsetzungsschritt im Mai 2021 63 Sterne angebracht.
2022
In vielen Bereich führte die Pandemie zu einer Retraditionalisierung der Geschlechterrollen und zu verstärkter ökonomischer Benachteiligung von Frauen. Zudem beweist die hohe Zahl an Frauenmorden in Österreich, dass die Gesellschaft nach wie vor patriarchal strukturiert ist. Das Frauenbüro arbeitet daher daran, gemeinsam mit den Linzer Frauenorganisationen den Gewaltschutz auszubauen und tritt auf allen Ebenen für Geschlechtergerechtigkeit ein.
Wie bereits in den Vorjahren setzt das Frauenbüro auf Sensibilisierung und Information. Im Rahmen der Sprechblasen-Aktion sind wieder alle aufgerufen, ein deutliches Zeichen gegen Gewalt zu setzen. In allen öffentlichen Toiletten, in den Rathäusern, sowie in Krankenhäusern und auch Genossenschaftshäusern werden (rückstandslos entfernbare) Sticker mit der Nummer der Frauenhelpline angebracht.
„Wir können trotzdem als Individuen etwas unternehmen. Das Einzige, was falsch ist, ist gar nichts zu machen“ so die Frauenstadträtin.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden