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Die ganz alltäglichen Hürden: mit dem Rollstuhl auf nicht barrierefreier Tour durch Linz

Anna Fessler, 17.04.2024 18:57

LINZ. Auf welche Hürden Rollstuhlfahrer im Alltag stoßen, machte der Verein „Linz zu Fuß“ gemeinsam mit Silke Haider beim „Gehspräch“ am 17. April anschaulich. Tips war bei der Tour rund um den St. Barbarafriedhof dabei.

Zwei sinnlose Stufen, dafür mit Geländer: eine von vielen Barrieren, mit denen Silke Haider täglich konfrontiert wird. "Kurze Wege gibt es für mich nicht", sagt die HR-Expertin. (Foto: Tips/af)
photo_library Zwei sinnlose Stufen, dafür mit Geländer: eine von vielen Barrieren, mit denen Silke Haider täglich konfrontiert wird. "Kurze Wege gibt es für mich nicht", sagt die HR-Expertin. (Foto: Tips/af)

Silke Haider (37) kam als Frühgeburt zur Welt, was sich auf ihre Gehfähigkeit auswirkte. Zur Fortbewegung ist sie auf einen Rollstuhl angewiesen, für längere Strecken verwendet sie einen Elektrorollstuhl. Sie arbeitet derzeit als HR-Expertin bei Silhouette, von 2009 bis 2016 war sie beim Klimabündnis tätig. Weil Haider früher in der Gegend gewohnt hat, zeigt sie beim „Gehspräch“ die Hürden rund um den St. Barbarafriedhof auf.

Hohe Gehsteigkanten

Hermann Rainer von „Linz zu Fuß“, Silke Haider, Tips und die restlichen Teilnehmer starten bei der Haltestelle Grüne Mitte. Es geht Richtung St. Barbarafriedhof und es dauert keine Minute, bis sich die erste Barriere auftut: die Gehsteigkante ist zu hoch, auch die Fußgängerinsel in der Mitte des Zebrastreifens, also überquert Silke Haider die Straße auf dem Radweg, der eben mit der Fahrbahn abschließt. Für Rollstuhlfahrer gelten eigentlich dieselben Regeln wie für Fußgänger. Sie müsse aber oft auf die Radwege ausweichen, sagt Haider, „Irgendwann gibt man einfach auf und steht dann gezwungenermaßen in Konkurrenz mit den Fahrradfahrern.“ Die müssen in der Friedhofstraße übrigens mit den Fußgängern konkurrieren, hier gibt es einen relativ schmalen geteilten Geh- und Radweg. Konflikte sind hier vorprogrammiert, auch für Rollstuhlfahrer.

E-Scooter und fehlende Zebrastreifen

E-Scooter hätten die Situation auch nicht gerade verbessert, dort wo sie mitten am Gehsteig stehen, muss Haider umdrehen oder Passanten um Hilfe bitten. Auch Autos, die weit in den Gehsteig hineinragen und damit den Platz verknappen, sind ein Problem. Bei der Haltestelle Friedhofsstraße muss Haider „mit der Kirche ums Dorf“ fahren. Die Bushaltestelle wäre nur wenige Meter entfernt, aber sie ist auf der anderen Straßenseite. Die Autos fahren hier schnell, ein Zebrastreifen fehlt. Also geht es durch die Unterführung, über einen Zebrastreifen mit Ampel. Und dann noch einen, und dann noch einen. Nach fünf Minuten Umweg ist das Ziel erreicht. Was die Aktion verdeutlicht: von einer barrierefreien Stadt profitieren nicht nur Menschen mit Mobilitäts- oder Seh-Beeinträchtigung, sondern auch Fußgänger, ältere Personen, Menschen mit Kinderwagen. „Für mich ist es ein Muss, für andere ein Plus“, formuliert es Silke Haider treffend.

Kurze Ampelphasen und sinnlose Stufen

Was noch auffällt: beim Queren der Straße muss es schnell gehen, die Ampelschaltungen sind definitiv nicht auf beeinträchtigte Personen oder ältere Menschen ausgelegt. In der Hamerlingstraße, zwischen den Häusern 23 und 30 heißt es plötzlich „Stopp!“. Ganz unvermittelt sind am Gehweg zwei Stufen nach unten, ausweichen ist nicht möglich. Hier muss Haider entweder umdrehen, oder den Weg kennen und umplanen. „Ich komme nirgendwo schnell hin, ich muss die Wege gut kennen. Kurze Wege gibt es nicht für mich.“, sagt sie.

Angehupt und auf Platzverbrauch angesprochen

Oft müsse sie auch die Straße nutzen, „wenn es nicht lebensgefährlich ist“. Über die Heizhausstraße etwa fährt sie mit ihrem Elektrorollstuhl zum Einkaufen in den nahegelegenen Supermarkt, einen Teil davon auf der Straße. „Weil die Gehsteigkante viel zu hoch ist, da habe ich keine Chance. Am Freitag war ich zu Fuß unterwegs – 'zu Fuß' heißt für mich im Rollstuhl – und dann hat mich ein Auto angehupt, weil ich auf der Straße gefahren bin.“ Auch sei ihr schon mitgeteilt worden, dass sie zu viel Platz brauche: nämlich, als sie als frischgebackene Mutter mit Kinderwagen und Rollstuhl im Bus und auf der Straße unterwegs war.

Viele Verbesserungen, viel Luft nach oben

Im Hinblick auf Barrierefreiheit in Linz habe sich schon vieles gebessert, sagt Haider, dennoch gehe es viel zu langsam voran. So sei zwar mittlerweile das Wagenmaterial in den Öffis top, aber nun seien die Haltestellen das Problem. Am Hauptplatz etwa oder bei der Mozartkreuzung nutzen selbst die modernsten Niederflurfahrzeuge den Rollstuhlfahrern nichts, weil die Gehsteighöhe nicht passt. Ein Positivbeispiel hingegen ist die Haltestelle Bürgerstraße. Auch die Busfahrer beweisen nicht immer Sensibilität, sie sind es, die die Rampen mit einem Haken ausklappen müssen, in anderen Städten gäbe es mittlerweile Rampen, die auch die anderen Fahrgäste ausklappen können.

„In Hamburg habe ich mein Auto keine Sekunde vermisst“

Generell seien andere Städte in Europa schon weiter: „Die Städte, die radfreundlich sind, haben es auch geschafft, sehr barrierefrei zu sein. Ich war eine Woche in Hamburg und habe mein Auto keine einzige Sekunde vermisst. In Linz geht es mir nicht so.“

Den größten Hebel habe die Stadtplanung mit der Einbeziehung von Betroffenen und Interessensvertretungen. Damit fallen auch nachträgliche Änderungen und damit einhergehende Mehrkosten weg. „Ehrlich gesagt bräuchte es auch mehr Menschen mit Behinderung in der Politik, ansonsten muss man auf die Chance warten, sich beteiligen zu können.“, sagt Haider.

Linz bekommt Masterplan fürs Gehen

Laut Hermann Rainer baut das Mobilitätskonzept der Stadt auf Einzelkonzepten für unterschiedliche Verkehrsteilnehmer auf. Hier müsse man noch mehr mitbedenken, dass Verbesserungen für den Einen auch Verschlechterungen für den Anderen bedeuten können. Eine Teilnehmerin wirft als Beispiel dafür die Lederergasse ein. Hier sei die Situation für Radfahrer minimal verbessert worden, allerdings fehle beim Pfarrplatz ein akustischer Übergang und bei der Bushaltestelle müssten blinde Personen den Radweg queren.

Mit dem „Masterplan Gehen“ soll Linz nun ein eigenes Konzept für das Zu-Fuß-Gehen in der Stadt bekommen. Laut den OÖN soll der Fokus dabei auch auf Aspekte der Barrierefreiheit gelegt werden und die Ergebnisse dazu im Frühjahr 2025 vorliegen.


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