Das Transparent am Stadtbrunnen
MELK. Es ist August. Der einstige Gollinger und nunmehrige Wiener Alois Reisenbichler hat wieder eine Demonstration angemeldet.

Den durch die Fußgängerzone schlendernden Urlaubern und Einheimischen zeigt sich am zweiten Augustsamstag der Melker Kolomanibrunnen ungewöhnlich dekoriert. Ein buntes Transparent macht sich unübersehbar zu Füßen des Heiligen Koloman um den Brunnen breit. „Nie wieder Hiroshima“ ist darauf zu lesen. Aufgelegte Zettel säumen zudem den Stiegenaufgang zum Bassin des ermordeten Pilgers. Nur wenige Meter davon entfernt, auf einer Bank gegenüber, hat sich Alois Reisenbichler gemeinsam mit einem Freund niedergelassen. Sie sind die Demonstranten, oder besser geschrieben, die Friedensaktivisten, die Kolomans Brunnen in das ungewöhnliche Kleid gehüllt haben. Warum sie das getan haben, erklären sie gerne. „Wir treten für eine Welt ohne Atomwaffen, ohne Atomkraftwerke und ohne Krieg ein“, so die klare Botschaft Reisenbichlers, der mit seinen langen grauen Haaren, die er offen trägt, und seinem noch längeren grauen Bart in der sonst so manierlichen Melker Fußgängerzone fast genauso auffällt wie das bunte Transparent.
Pazifisten bewegt in Melk
Angefangen habe alles im Jahr 1978. Damals wurde auf Initiative von Stiftspatres ein Requiem für die Opfer der Atombombenkatastrophen in Hiroshima und Nagasaki abgehalten. Hundertausende Menschen kamen dort im August 1945 und in der Folgezeit ums Leben. Am 6. August wurde die erste Atombombe über Hiroshima abgeworfen, am 9. August die zweite über Nagasaki. Dass man rund dreißig Jahre später und knapp 9000 Kilometer entfernt in Melk im Jahr 1978 anfing, ein Requiem für diese getöteten Menschen zu halten, sei laut Reisenbichler für viele Leute beeindruckend, aufregend aber auch provokativ gewesen. „Die Menschen damals [im Jahr 1978, Anm.“ kannten noch, dass ein Requiem für den im Krieg gefallenen Vater, Bruder, Sohn und andere Angehörige gehalten wurde. Deshalb hat diese Aktion die Menschen damals noch viel mehr aufgeregt. Der Krieg war für sie noch eine erlebte Realität“, blickt Reisenbichler auf die Anfänge der Hiroshima-Aktion zurück.
Prominente Namen
Er selbst, geboren im Jahr 1959, wuchs in Golling auf. Dort war er in der Pfarre und in der sozialistischen Jugend aktiv. In seiner Jugendzeit begann sich auch die Melker Bezirksfriedensinitiative zu formieren, die die Hiroshima-Aktion weitertrug. Reisenbichler wurde, wie etwa auch ein Alfred Gusenbauer oder ein Josef Hader, Teil dieser Gruppe. Es gab regelmäßige Treffen, Info-Veranstaltungen, Vorträge und Aktionen. „Da wurden etwa bei Angelobungen weiße Kreuze aufgestellt“, erinnert sich Reisenbichler, der laut eigenen Angaben erste Zivildiener Gollings. Rund zehn Jahre sei diese Friedensinitiative aktiv gewesen. Obwohl es Reisenbichler schließlich nach Wien verschlug und die Zeit der Melker Friedensgruppe vorüber war, wollte er die Hiroshima-Aktion fortführen. Jedes Jahr legt er im August in Melk Bilder von Opfern auf, verteilt Flugzettel und spricht mit den Menschen. „Die Gefahr ist noch lange nicht vorbei. Es gibt noch immer genug Atomwaffen. Der Mensch kann heute immer noch genauso von Atomwaffen zerstört werden wie damals, wenn nicht sogar mehr. Entweder die Menschheit schafft die Atombombe ab oder umgekehrt. Auch wenn Österreich selbst keine Atomwaffen hat und auch kein Mitglied der NATO ist – im Falle eines Atomkrieges oder einer Atombestrahlung wäre Österreich genauso betroffen“, erklärt der Friedensaktivist sein Tun. Gerade in Österreich hätte die Friedensbewegung viel erreicht, macht der eloquente Gollinger aufmerksam und erinnert an die Diskussion und Abstimmung rund um das Atomkraftwerk Zwentendorf, gegen dessen Inbetriebnahme sich die Bevölkerung ebenso im Jahr 1978, also vor genau 40 Jahren, entschied.
Ein Blickfang
„Weil es in Österreich eine große Ablehnung von Atomwaffen und Atomkraftwerken gibt, wurde das Totalverbot der Atomwaffen von der österreichischen Außenpolitik massiv unterstützt. 1999 wurde bereits das Verbot von Atomwaffen und Atomkraftwerken in der österreichischen Verfassung festgeschrieben“, macht Reisenbichler aufmerksam. Dass im Vorjahr von der UNO ein völkerrechtliches Verbot der Atomwaffen beschlossen wurde, sieht der Gollinger als wichtigen Schritt vorwärts. „Jetzt muss sehr viel Druck auf die Atomwaffen-Staaten Richtung atomarer Abrüstung ausgeübt werden“, gibt sich der Pazifist kämpferisch, während die Touristen in der Melker Innenstadt weiter am Kolomanibrunnen vorbeiströmen. Und dann doch immer wieder mit ihren Blicken an dem dort angebrachten Transparent hängen bleiben.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden