Denn jeder Jugendliche hat eine Chance verdient
NEUFELDEN. Um die „Sterndl-Schüler“ oder Schüler mit erhöhtem Förderbedarf ging es am Dienstag Abend bei einer Veranstaltung in der Tischlerei Scheschy, bei der sich viele Firmenchefs über besondere Formen der Lehrlingsausbildung informierten. Vier Jugendliche, die eine solche Lehre absolvieren bzw. abgeschlossen haben, erzählten von ihren Erfahrungen und wie sie mit Unterstützung von Jugendcoaches und Berufsausbildungsassistenten ihren Weg in der Arbeitswelt meistern.

Habibullah Shinwari war kein guter Schüler in der Hauptschule. Nachdem der junge Afghane erst 2011 nach Österreich gekommen ist, waren seine Deutschkenntnisse einfach zu schlecht. Jugendcoach Harald Hehenberger konnte ihm helfen: „Er wollte einen technischen Beruf erlernen, also hat er Schnupperpraktika gemacht und Tests. Dann war klar: Er ist fit für den Arbeitsmarkt, aber wird Unterstützung brauchen.“ Jetzt arbeitet er als Baumaschinentechniker bei der Firma Mühlberger und hat die erste Klasse Berufsschule bereits positiv abgeschlossen.
Eine solche besondere Lehre in verlängerter Form oder als Teillehre können Schüler mit Sterndl im Zeugnis (also mit sonderpädagogischem Förderbedarf) machen, Jugendliche die eine Behinderung, körperliche oder psychische Beeinträchtigung haben oder sozial instabil sind. Voraussetzung ist das Jugendcoaching. „Das ist die Eintrittskarte zur Betreuungskette“, sagte Hehenberger, der als Mitglied der Jugendplattform die Informationsveranstaltung auf die Beine gestellt hat.
Betreuungskette von der Schule bis zum Beruf
Diese Betreuungskette sorgt dafür, dass von der Schule bis zum fertigen Beruf keiner aus dem System fällt. Jugendarbeitsassistenten unterstützen die Jugendlichen bei der Lehrstellensuche und beraten auch die Lehrbetriebe. Nächstes Glied ist die Berufsausbildungsassistenz, die den Lehrling vom ersten Tag an bis zur Abschlussprüfung begleitet. „Wir organisieren den Lehrvertrag, die Berufsschul-Anmeldung, Vorbereitungskurse oder Förderunterricht. 91 Prozent der Lehrlinge mit verlängerter Lehrzeit haben im Vorjahr die Lehrabschlussprüfung positiv abgeschlossen - das sind mehr als bei jenen, die regulär antreten“, zeigte Berufsausbildungsassistentin Wilma Kniewasser auf.
Viele brauchen das zusätzliche Jahr gar nicht. So wie Maria Egger, Bürokauffrau bei der Tischlerei Scheschy in Neufelden, die ganz ohne weitere Unterstützung ihre Lehre in drei Jahren geschafft hat. Dazu die Rohrbacher Berufsschuldirektorin Pauline Sleska: „Wir beginnen mit dem normalen Lehrplan und schauen dann, welche weiteren Maßnahmen notwendig sind. Jeder junge Mensch sollte eine Chance bekommen. Wenn man ihnen diese gibt, dann wachsen sie über sich selbst hinaus.“
Mit Förderunterricht in einigen Fächern hat auch Florian Fesl, Geselle in der Tischlerei Kalischko in Neustift, den Lehrabschluss geschafft. Michael Leitner hingegen macht gerade eine Teillehre als Maurer bei Brüder Resch in Ulrichsberg. „Es werden Teile der Ausbildung gestrichen und auch in der Berufsschule wird ein individueller Lehrplan erstellt. Man schaut einfach, was der Lehrling braucht“, erklärte seine Berufsausbildungsassistentin Andrea Hacker.
Unternehmer übernehmen Verantwortung
Seit zehn Jahren beschäftigt die Ulrichsberger Baufirma Resch Lehrlinge mit erhöhtem Förderbedarf. „Wir bilden derzeit 35 Lehrlinge aus, jedes Jahr nehmen wir zehn bis zwölf neue auf. Da muss auch Platz für Sterndl-Schüler sein“, sieht Baumeister Josef Pfoser die Verantwortung der Unternehmer. Seine Erfahrungen sind durchwegs positiv: „Die Jugendlichen wollen die Defizite, die sie in der Berufsschule haben, bei der Arbeit ausgleichen und sind daher besonders bemüht.“
Ins selbe Horn stieß Waltraud Scheschy, die überzeugt ist, dass die Unternehmen von den Lehrlingen profitieren. „Jeder soll seinen Beitrag leisten und jungen Leuten Platz in den Betrieben bieten.“ Finanzielles Plus der besonderen Formen der Lehrlingsausbildung: Die Stellen werden von AMS und Wirtschaftskammer gefördert. Beim AMS muss die Förderung vor Lehrbeginn vereinbart werden; beim der WK wird der Antrag im Nachhinein gestellt.
Junge Asylwerber können Lehre machen
Dass auch junge Asylwerber (bis 25 Jahre) Potenzial für den Arbeitsmarkt bieten, zeigte AMS-Leiterin Michaela Billinger auf. 94 Flüchtlinge haben nach den beiden Informationsveranstaltung Interesse gezeigt. Als positives Beispiel stand Korsamov Sawarbek auf der Bühne. Er hat durch einen glücklichen Zufall im Autohaus Leibetseder im September seine Lehre beginnen können. Jetzt will er die Berufsschule und später die Lehrabschlussprüfung schaffen.


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