Alte Bräuche, neue Fragen: Warum Tradition plötzlich erklärt werden muss
ÖSTERREICH. Die Sternsinger gehören seit Jahrzehnten zum fixen Bild im Jänner. Doch rund um alte Darstellungen wird diskutiert – und dabei prallen Generationen und Sichtweisen aufeinander.
Wenn Anfang Jänner die Sternsinger unterwegs sind, erleben viele Menschen ein vertrautes Ritual. Kinder in königlichen Gewändern bringen den Segen ins Haus, singen Lieder und sammeln Spenden. Für viele ist das ein Stück gelebter Kindheit – unverändert seit Jahrzehnten. Genau hier beginnt die aktuelle Debatte.
“Wo habt ihr den Schwarzen?“
Ein Beispiel zeigt die Spannweite der Diskussion: Ein älterer Mann fragt eine Sternsingergruppe, wo denn „der Schwarze“ sei. Kein Vorwurf, keine böse Absicht – sondern eine Frage aus Erinnerung. Für ihn war es jahrzehntelang selbstverständlich, dass einer der drei Könige dunkel geschminkt war. So kannte er es aus seiner Kindheit, so erlebte er es über viele Jahre hinweg, so wurde es weitergegeben.
Ist eine solche Frage automatisch rassistisch? Oder ist sie Ausdruck eines tradierten Bildes, das über Generationen hinweg nie hinterfragt wurde?
So wuchs eine ganze Generation auf
Auch ein Blick auf die Generation der 1980er-Jahre zeigt, wie tief diese Bilder verankert waren. Ein heute 43-Jähriger erinnert sich an seine Zeit als Ministrant, in der er selbst regelmäßig bei den Sternsingern unterwegs war. Für ihn war völlig klar, dass einer der Buben „der Schwarze“ war – ohne Diskussion, ohne Hintergedanken. Es gehörte einfach dazu. Er kann sich sogar noch an das Sprücherl erinnern, das damals an den Haustüren aufgesagt wurde, so selbstverständlich war der Ablauf.
„Ich Melchior habe ein schwarzes Gesicht, doch drinnen im Herzen ist Weihnacht und Licht.“
Für diese Generation war die Darstellung kein Statement, sondern ein fixer Bestandteil eines Brauchs, den man genauso gelernt und übernommen hatte.
Wenn Gewohntes plötzlich anders gelesen wird
Viele der heute kritisierten Darstellungsformen entstanden in einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten über Diskriminierung oder kulturelle Sensibilität kaum geführt wurden. Die dunkle Schminke galt als Symbol für einen König aus Afrika – nicht als Herabwürdigung. Für ganze Generationen war das Teil einer harmlosen, religiösen Tradition.
Erst mit dem gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahre änderte sich der Blick auf solche Bilder. Begriffe und Symbole werden heute anders eingeordnet als noch vor 30 oder 40 Jahren.
Zwischen Verständnis und Gegenwart
Auch Organisationen wie das Kindermissionswerk Die Sternsinger empfehlen inzwischen, auf Gesichtsbemalung zu verzichten. Nicht als Verurteilung früherer Praxis, sondern als Reaktion auf veränderte Wahrnehmungen. Dabei geht es weniger um Schuldzuweisungen als um das Spannungsfeld zwischen Erinnerung, Gewohnheit und heutiger Sensibilität.
Die Sternsinger bleiben ein wertvoller Brauch. Die Debatte zeigt jedoch, wie unterschiedlich Generationen die Tradition erleben – und wie wichtig es ist, zwischen Absicht, Zeitgeist und heutiger Interpretation zu unterscheiden.
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